59—62. Anklageflugblatt der Berliner Opposition gegen die sozialdemokratische
Reichstagsfraktion
An die
Sozialdemokratischen Parteigenossen Berlins.
itlottO* Erinnere Dich, mein Zahn,
daß man begeistert sein Rsnfj,
nm große Dinge rn vaübringcn.
Sk. Simon.
Eine Anzahl Genossen, aus. allen Berliner- RcichMgswahlkreisen. welche unter dem Sozialistengesetz sehte Gefahren
und Opfer scheuten, nur die Ideen, der Sozialdemokratie unter, der Arbciterbcvölkernng zu verbreiten, und denen, neben bet
siegreichen Macht dieser-Ideen selbst, die heutige Stärke der Pattei wesentlich-.zu verdanken ist,- kann cs nicht länger äfft ansehen,
wie der revolutionäre Geist dieser Bewegung seitens einzelner Führer systematisch crtMet wird.
Es wäre Verrath all, ber uns heiligsten Sache, wenn wir noch länger müßig -zusehen wollten, wie die Diktatur jedes
demokratische Denken und Fühlen erstickt — wie die ganze Bewegung ^ immer mehr ver-flachf und schon jetzt zur puren Reform.
Partei kleinbürgerlicher Richtung heraügcsnnkcn ist — wie.die Revolution- von der Tribüne des Reichstages herab- feierlichst
abgcschtvorcn wird, 'und täglich alles geschieht,,um einen Ausgleich zwischen Proletariern- .und -Bourgeois herbeizuführen. Wenn
Lassalle und Liebknecht damals Recht hatten, als ste. von der Fortschrittspartei behaupteten, daß sie sich während der preußischen
Koiisliktszeit todt geredet habe, dcmst. trifft-dies auch-heute wieder auf die sozialdemokratische-Reichstagsftakikün Zn.
Wir wenden uns mit diesem Flugblatt..hauptsächlich üü die überzeugten und zielbewußten Genossen, und erst in
zweiter Reihe an Diejenigen, welche es nur dem Ramen nach sind Und da möchten wir die Ersteren hier. gleich zu Anfang
fragen:
.Wer von Euch.fühlt heute noch diese glühende Begeisterung in sich Angesichts der sogenannten
Arbcitcrschub'. rmb Versicherungsanträge, welche uns vordem alle Hindernisse überwinden half und uns-trotz
unserer geringen Anzahl der Regierung und übrigen gesetzmachcndeN Gesellschaft so oft furchtbar erschciucu ließ?-'
.Aber' — hören wir hier Manche, sagen — „im Interesse der Partei mutz jeder Genosse der Majorität sich
nnierordnen, auch wenn diese Majoritätsbeschlüsse der eigenen Ansicht schnurstracks entgegen, stehn
Diese Ansicht ist grundfalsch und müh schließlich zur politischen Korruption führen.
Die Majorität einer politischen Partei- ist sehr oft eine rein zufällige und setzt sich,, auch bei der -Sozialdemokratie
namentlich seil den letzten Wahlen, aus den verschiedensten Interessengruppen zusammen. Majoritätsbeschlüsse konnnen daher
fast immer mit Rücksicht aus andere Parteien und Gesellschaftsklassen zu Stande, und haben sehe oft mit den Prinzipien, der
eigenen Partei nicht nur sehr wenig gemein, sondern sie laufen diesen Prinzipien, öfter schnurstracks zuwidcf, und ebnen so
den Boden einer Schwenkung nach rechts, die leider von den'Meisten erst darin bemerkt wird,
wenn sie vor der vollendeten Thatsache stehen.
Der Sache seihst schadet man also nicht, wenn man die Parteileitung und die nach unserer Ansicht falsche- und verkehrte
Taktik der. Partei bekämpft.
Die Disziplin wird bedingt.durch die Organisation;'über bcidem. aber muß für 'jeden Parteigenossen in erster
Linie das Prinzip, die Idee des revolutionären Sozialismus stehen. In-den meisten Fällen hat nun dcr.Sozialismus und
auch die Demokratie fast nichts gemein nut dem, was unsere Vertreter jm-Reichstage den herrschenden- Klaffen ubdisputirerr
wollen, wie wir weiter unten beweisen werden.
Die sozialdemokratische Bewegung in Deutschland ist von Anfang-an eine durch und durch revolutionäre und
proletarische gewesen, der gegenüber alle übrigen Gesellschaftsklassen als die .Eine reaktionäre Masse' noch bis vor ganz
kurzer Zeit von jedem Parteigenossen bezeichnet wurde.
Deshalb ist -auch jeder Versuch, diese non Natur rein proletarische Bewegung, mit Rücksicht auf das
Mittlere unb Kleinbürgerthunt, weniger revolutionär erscheinen zu lassen, ein Verrath an der Sache des Proletariats.
Dieser Vorwurf sann durch keinerlei Gründe wie .Verbreitung der sozialdemokratischen Ideen' beseitigt werden,
Mil wir ganz genau wissen, daß. ili .aben genannten Gesellschaftskreisen nicht die Ideen des demokratischen Sozialismus es
sind — wenn sie überhauvt gepredigt werden —, welche den Bauer und Kleinhandwerkec ac. .bestimmen, bei der Wahl einem