Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

59—62.  Anklagcflugblatt  der  Berliner  Opposition  gegen  die  sozialdemokratische
Reichstagsfraktion

Sozialdemokrat«»  seine  Stimme  zu  geben,  sondern  es  entspricht  einfach  dem  Juiercss-nstandpunkt  jener  Leute,  die  sich  bedrückt
und  geknechtet  fühlen,  und  daher  glauben,  daß  die  Sozialdemokraten  doch  eigentlich  weniger  Rücksicht  auf  Regierung  und  Geldprotzenihum
  zn  nahmen  brauchen  und  der  Sozialismus  vorläufig  noch  in  weitt  Ferne  gerückt  sei.
Den  JndpstricarbLitern  und  »virklichen  Sozigldemokraten  .kann  cs  demnach  ziemlich  glcichgiltig  sein,  ob  bei  der
Reichstagswahl  in  Hirtterpomruern  600  oder  1000  Stimmen  für  uns  abgegeben  werden:  einmal,  weil  es  falsch  ist.  die  vorgeschrittene
  Arbeiterschaft  auf  die  Bekehrung  der  zurückgebliebensten  Ländcrstriche  zu  vertrösten,  und  zum  andern,  weil  es  ein
Betrug  wäre,  wenn  man  die  Genossen  glauben  zn  machen  versucht,  daß  innerhalb  der  heutigen  Gesellschaft  mit  Hilfe  de»
Parlamentarismus,  durch  Majoritätsbeschlüsse  die  Sozialisirnng  der  verschiedensten  Klassen  herbeizuführen  sei.
Die  soziale  Revolution  wird  dort  entschieden,  wo,  sie  zuerst  begonnen  hat:  in  den  Industriezentren,  wo  die  Proletarisixung
  schon  seit  40  Jahren  mit  Riesenschritten  vorwärts  schreitet,  unbekümmert  um  die  Zustimmung,  der  für  alle  Zukunft
ff,differenten  Landbevölkerung.
Freiwillig  werde»  dir  besitzenden  £HnßVit  niemals  »utf  ihre  Privilegien  verzichten  und  so
lange  es  eine  besitzende  Klasse  giebt,  wird  r»  auch  die  nöthige  Anzahl  Knechte  geben,  welche
auf  Kvnmndo  bereit  sind,  für  ihre  Henker  itzr  Klut  za  verspritzen.
Ein  eben  solcher  Unsinn  ist  es  auch,  das  Volk  glauben  zu  machen,  daß  den  Königen  ihr  Handwerk  schließlich  zu
ichwer  werden  könnte  und  dieselben  eines  Tages  erklären  würden,  daß  auch  sie  ans  ihre  Vorrechte  freiwillig  verzichtete».  Wo
das  bisher  wirklich  geschah,  da  geschah  es  zu  Gunsten  des  Kronprinzen  oder  auch  eines  andern  Bevorrechteten,  um  dem  Volk
Sand  in  die  Augen  zu  streuen  und  Hoffnungen  zu  erwecken,  d^e  sich  niemals  erfüllten.
Ebenso  verhält  e§  sich  mit  dem  .Hineinwachsen"  der  heutigen  Gesellschaft  in  den  sozialistischen  Staat,  der  ohne  jede
Betriebsstörung  alsdann  über  Nacht  nur-  proklamirt  zu  werden  braucht  und  in  England  eingeutlich  schon  heute  proNanitrt
werden  fönnte.  Diejenigen,  welche  solchen  Blödsinn  in  die  Menge  schleudern,  hätten  wirklich  kein  Recht,  von  politischen  Kindsköpfen
  zu  sprechen  und  zu  schreiben.  Sie  selbst  find  weit  schlimmeres  als  das.
Wir  sind  daher  der  Ansicht,  daß  cs  äst  sich  schon  taktisch  falsch  ist.  wem,  eine  Zentralstelle  die  Haltung  der  Genossen
an  den  verschiedensten  Orten  in  asten  Dingen  zn  bestimmen  hak.  Es  ist  ganz  undenkbar,  daß  die  Genossen  in  Berlin  und
andern  Industriestädten,  denen  der  Sozialismus  schon  seit  30  Jahren  gepredigt  wird,  nur  der  Parteidisziplin  wegen,  in  allen
takrischeu  Fragen  Rücksicht  ans  das  zuttickgebliebeuste  Dorf  und  den  an  seine  Scholle  gefesselten  Bauer  zu  nehmen  gezwungen
sind.  Hier,  wo  der  Kampf  ums  Dasein  auf  dem  Schlachtfelde  der  Jndustriv  täglich  Hunderte  von  Menschenleben  fordert,  die
durch  Arbeitslosigkeit.  Ueberanstrengnng,  Noth  und  Elend  'und  alle  damit  verbundenen  Begleiterscheinungen  langsam  dahin
siechen  und  vor  der  Zeit  zu  Grunde  gehen  —  hier  rechnet  um»  nicht,  -  sondern  man  fühlt  instinktiv,  daß  etwas
anderes  als  bisher  geschehen  muß,  wenn  nicht  Äerztveiflung  in  den  Reihen  der  bewährtesten  Kämpfer  platzgreifen  soll.
Wir  können  auch  nicht  verstehen,  daß  alljährlich  nationale  und  internationale  Eongresse  mit  schweren  Opfern  zustande
kommen:  nur  um  die  dort  gefaßten  Beschlüsse  bei  der  ersten  Gelegenheit  unter  irgend  einem  Vorwand  wieder  umzustoßen,  wie
dieß  mit  der  Maifeier  schon  zweimal  geschah  und  mit  dem  Verhalten  bei  Stichwahlen  rc.  schon  öfter.
Als  die  Partei  noch  jung  war  und  nur  ans  Proletariern  bestand,  da  wiire  eine  Taktik
wie  die  heutige  ganz  unmöglich  gewesen.
Die  einfache  Thatsache,  daß  diese  Taktik  dennoch  möglich  ist.  beweist  schon  allein,  daß  die  Pattei  ans  Elementen  sich
zusammen  setzt  und  geleitet  wird,  die  zum  Theil  ganz  andere  Ziele  verfolgen.  keincnfalls  aber  identisch  sind  mit  jenen,  die
Gut  und  Blut  ihrer  Ueberzeugung  zn  opfern  stet?  bereit  waren  und  noch  sind.
Was  nun  die  Zweckinäßigkeit  des  Parlamentarismus  betrifft,  der  heute  das  Mädchen  für  Alles  ist,  so  deckt  sich
auch  heute  noch  unsere  Ansicht  darüber  mit  der  des  Geuoffen  Liebknecht,  welche  derselbe  in  seiner  Broschüre:  .Die  politische
Stellung  der  Sozialdemokratie"  festgelegt  hat  und  die  wir  hier  wöttlich  folgen  lassen.
In  Bezug  auf  den  Reichstag  schrieb  Liebkneck)t  damals,  es  war  im  Jahre  1309.  unter  Andern,  folgendes:
.Einen  direkten  Einstuß  ans  die  Gesetzgebung  kann  unser  Reden  nicht  ausüben.  Den  Reichstag  können
wir  durch  Reden  nicht  bekehren.  Durch  unser  Reden  können  wir  keine  Wahrheiten  unter  die  Massen  werfen
die  wir  anderweitig  nicht  viel  besser  verbreiten  könnten.  Welchen  praktischen  Zweck  hat  also  das  Reden
im  Reichstag?  Keinen.  Und  zwecklos  reden,  ist  Thoren  Vergnügen.
Nicht  Ein  Vorhcil?  Und  mm  auf  der  andern  Seite'die  Nachtheile:  Das  Prinzip  geopfert,  der  ernste  politische
Kampf  zur  parlamentarischen  Spiegelfechterei  herabgewürdigt,  das  Volk  zu  dem  Wahn  verführt,  der  Bismarck  fche
            
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