Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

59—62.  Anklageflugblatt  der  Berliner  Opposition  gegen  die  sozialdemokratische
Reichstagssraktion

Reichstag  sei  zur  Losung  der  sozialen  Frage  berufen.  —  Und.  wir  sollen  aus  praktischen-Gründen  parlcp.
meuteln?  Nur  der  Werralh  oder  die  KurzstchligKeil  kann  .  es  unS  zumuthm.'
Und  an  einer  andern  Stelle  schreibt  Liebknecht:
.Der  Sozialismus  ist  keine  Frage  der  Theorie  mehr,  sondern  einfach  eine  Machtfrage.-  die  Ist,  keinem  Parla»
larncnt,  die  nur  auf  der  Straße,  auf  dem  Schlachtfelde,  zu  lösen  ist,  gleich  jeher,  andern  Machksrüge.
Damit  vergleiche  man  nun  die  jämmerlichen  Gesetzentwürfe  und  die  kläglichen  Reichstagsteden,  welche  die  FrÄktkött
Und  Liebknecht  mit.  inzwischen  verbrochen  hak.
Auf  was  ist  nur»  diese,  für  Jeden  sichtbare  Schwenkung  zurückzuführen?
Die  Führer  sage»,  daß  sie  bei  ihrem  Vorgehen  Rücksicht  auf  das  Kleinbürgerthuür  rc.  .zu'  nehmen  gezwungen  seien,
um  die  Partei  zu  $ti,er  volksthüintichen  zu  »nachen  und  die  breite  Mass?  hinket  sich  zu  hahett.  Wir  übet  sind  der  Ansicht,
baß  Ulan  mit  dieser  breiten  Masse  nur  sich  selbst  und  Andere  tauscht.  Die  Masse  wttd  im  gegebenen  Augenblick  eben  so
rasch  abfallen,  wie  sie  gekommen  ist.  »veil  ihr  nicht  »»»ehr  wie  Alles  fehlt,  wäs  eine  SdZialdemckkratische  HWWhaW  beseelen
muß.  Die  Masse  kann  schließlich  Jeder  habe»»,  der  es  versteht,  sich  überall  dön  Verhältnissen  anzupassen.  wie  die  üntifemitische
Agitation  dies  auf  das  Deutlichste  beweist.
Deshalb  ist  auch  dir  neue  tzaktik  in  dieser  Hinsicht  nichts  weiter,  als  ein  Kompromik  mlt  der  Masse,  auf  Kosten
Lrs  Prinzip'-.
Wir  alle  glaubten,  daß  nach  Allshören  des  Sozialistengesetzes  und  dem  Einzug  von  33  Sozialdemokraten  ist  den
Reichstag  die  Agitation  prinzipieller  betrieben  und  die  Gesetzentwürfe  und  Anträge  unsererseits  weiter  als  bisher  geheü
m  ritzte».  und  das  gerade  Gegentheil  trat  ein,
Rach  den»  Entwurf'unserer  Fraktion  soll  der  8stündige  Arbeitstag  erst  mit  dem  Jahre  1868  Gesetzeskraft  erlangen,
krotzdern  auf  dein  internationalen  Kongreß  in  Paris  1880  beschlossen  würde,  daß  der  8stündige  Arbeitstag  schon  jetzt  überall
von  der  Gesetzgebung  zu  fordern  sei.  Wie  verträgt  es  sich  aber  außerdem  mit  der  Demokratie,  daß  der  Reichstag  im  JaHr'v
1890  etwnS  beschließen  und  zum  Gesetz  erheben  soll,  »vas  erst  sin  Jahre  -1996  Gesetzeskraft  erlangt?  In  unserem  Hrogramck
fordert»  wir  alljährlich  Neuwahlen  und  halten  es  für  unstatthaft,  daß  die  jeweiligen  Vertreter  des  Volkes  irgend  etwas  festlegen, ­
  »vas  erst  Lu  einer  Zeit  zu  Recht  bestehen  soll,  »vo  unter  Umständen  Bessere  oder  auch  Schlechtere,  jedenfalls  aber  Andere
die  Vertretung  ausüben.  Wie  verträgt  es  sich  ferner  mit  der  Dernokratie,  wenn  im  Reichstage  Seitens  unserer  Fraktion  bei'
Berathung  der  Gewerbenovelle  der  Antrag  gestellt  »vird,  daß  das  Eiflbezichen  verschiedener  Gewerbe  unter  dieses-  Gesetz  durch
Kabinetsordre,  also  den  Kaiser  persönlich,  geschehen  soll,  und  nicht  durch  den  Reichstag  oder  der  Zustimmung  desselben?
Auch  das  ist  ein  Zugsständniß  au  die  Krone,  welche-  -sich  von  unserem  Standpunkte  durch  '  nichts'  rechtfertigen  läßt,
auch  dann  nichts  wenn  man  Grund  zur  Annahme  hätte,  daß  der  Träger  der  Krone  volksfreundlicher  als  die  Volksvertret,«kg
selber  wäre.
Feind  des  Mitilarisinus  in  jeder  Form,  verstieg  sich  dennoch  Bebel  im  vorigen  Jahre  so  weit,  -  daß  er  der
Regierung  feine  Unterstützung  versprach,  wenn  sie  in  Anbetracht  des  rauchlosen  Pulvers,  anstatt  der  bisherigen  blanken  Uniform
ganz  schwarze  Uniformen  anschaffen  wollte.  waS  er  später  dainit  rechtfertigte,  daß  ja  auch  diese  vermiitderte  Treffsicherheit  deö
Feindes  den  bei  der  Armee  sich  befindenden  Genossen  zu  Gute  käme.  Wer  so  argumentirt,  kann-  schließlich  alles  rechtfertigen.
Auch  die  Junker  behaupten,  daß  die  hohen  Getreidepreise  dem  landwirthschastlichen  Arbeiter.an  seinem  Lohne  und  somit  'dem
Volke  zu  Gllte  kämen.  Wenn  die  Regierung  etliche  hundert  Millione»»  zuin  Kasernen-  »ind  Festungsbau  verlangt,  dann  behauptet ­
  auch  sie,  daß  dadurch  Arbeitsgelegenheit  geschaffen  mürbe  und  der  weitaus  größte  Theil  dieser  verlangten  Summen  doch
wieder  in  die  Laschen  der  Arbeiter  z»»rücksiieße.  Dasselbe  behauptet'  'der  Zünftler,  wenn  es  sich  um  öffc»tt!iche  Arbeiten
handelt,  gleichviel  welchem  Z»veck  sie  dienen.
Das  höchste  in  dieser  Beziehung  leistete  in  den  letzten  Tagen  der  ehemals  als  radikal  bekannte  Avg.  v.  Wollmar.
Wenn  die  Regierung  nun  immer  noch  kein  Einsehen  hat  und  dem,  mit  unstreitig  ftaatsmännischem  Talent  miSgestattekeir
Genossen  den  Marschalöstab  nicht  verleiht,  dann  hat'er  sich,  sicher  das  erste  Anrecht  auf  das  zunächst  frei  werdende  Minister-Portefeull
  durch  seiner  Münchener  Rede  vom  Montag,  den  1.  Juni,  erworben.  Richt  bloS  die  Natidnalliberalcn  und  Freisinnigen, ­
  auch  wir  haben  jetzt  unsern  StaatSma:»»».  Und  da  thut  man  noch  empört,  »venu  »vir  vo>»  Korruption  sprechen?  Da-Wort
  ist  viel  zu  gut.  denn  die  Handlungen  einzelner  grenzen  nahezu  an  Verrath.
So  hat  sich  such  die  Agttotisn  gegen  die  Getreidezölle  durch  nichts  von  dem.  ent  dir  Freisinnigen  die  Aufhebung
bebegründen,  unterschiedn!.
            
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