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stellung und der zu geringen Fühlung mit dem Proletarierelend." Auer
antwortete aufs neue in längerer Rede, zum Teil unter lebhaften Zwischen
rufen von seiten der Opposition, für die sodann Eugen Ernst, Wilh.
Werner, E. Börner und P. Litfin das Wort nahmen, bis nach Mitter
nacht noch einmal Vertagung beschlossen wurde. Am 9. September kam
man im Kolberger Salon ein drittes Mal zusammen, und hier verlas Ignaz
Auer, nachdem zuerst Karl Wildberger von der Opposition gesprochen
hatte, jenes Verzeichnis der aus dem Flugblatt der Opposition heraus
zulesenden Anklagen, das später dem Erfurter Parteitag als Grundlage
für die Auseinandersetzung mit der Opposition vom Parteivorstand mit
der Parole unterbreitet wurde: Beweisen oder zurücknehmen! Dann
ging Auer die Anklagen im einzelnen durch, Vertreter der Opposition
antworteten ihm, und erst nach 1 Ahr nachts konnte endlich die Debatte
geschlossen werden. Mit großer Mehrheit — ungefähr tausend gegen etwa
hundert Stimmen — fand eine von A. Iacobey beantragte Resolution
Annahme, die folgenden Wortlaut hatte:
„Die heutige Versammlung erklärt:
1. Die Befürchtung, daß die sozialdemokratische Partei durch die
bisher geübte Taktik einer Versumpfung entgegengeht, entbehrt jeder
Begründung.
2. In Erwägung, daß innerhalb der sozialdemokratischen Partei von
jeher die freie Meinungsäußerung gewaltet hat, ist die Versammlung
der Ansicht, daß dieselbe auch ferner bestehen wird. Dagegen erkennt
die Versammlung eine organisierte Opposition, falls eine solche bestehen
sollte, nicht an, nachdem die Zwecklosigkeit einer solchen in den letzten
drei Versammlungen deutlich nachgewiesen ist."
Gleichfalls mit großer Mehrheit ward eine von Karl Poffmann
beantragte Resolution angenommen, die erklärte, daß das Recht der Kritik
das wichtigste Recht des einzelnen Genossen und die unentbehrliche Trieb
feder der Weiterentwicklung der Gesamtpartei sei, jeder Mißbrauch dieses
wertvollsten, unentbehrlichsten und schwerwiegendsten Rechts aber die Partei
aufs ttesste schädige und es daher „aufs schärfste zu verurteilen sei,
daß von Parteigenossen Behauptungen persönlich verleumderischen Inhalts
ohne genügend vorhandene Beweise in die Welt gesetzt werden, gleichviel
ob dieselben sich sofort als unwahr Herausstellen oder, noch schlimmer, wenn
der Betreffende nicht in der Lage ist, ihre Anwahrheit sofort beweisen zu
können". Die Versammlung erwarte, schloß die Resolution, daß die Partei-
genossen „sich ihrer Verantwortlichkeit der Partei gegenüber wieder voll
bewußt werden und sich aller Behauptungen enthalten, von deren Tat
sächlichkeit sie sich nicht vorher überzeugt haben". And von einer dritten
Resolution — Antragsteller Duchateau — ward der erste Teil, der der
Fraktion „das vollste Vertrauen der Versammlung" aussprach, wiederum
mit allen gegen etwa hundert Stimmen angenommen, während der zweite
Teil, der die Erwartung aussprach, daß die Fraktion die Wünsche der
Opposiüon prüfen und auf dem Erfurter Parteitag zum Gegenstand der
Beratungen machen werden, keine unbestrittene Mehrheit erlangen konnte.
Das war unter den gegebenen Amständen ein bedeutsamer Sieg der
Parteileitung. Mit dem gleichen Resultat endete vier Tage darauf — am
13. September — eine nach dem Feenpalast einbemfene allgemeine Partei-