Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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liche  Überzeugung  oder  die  politische  Gesinnung  strafen  zu  wollen,  oder  die
äußere  Bekundung  einer  politischen  Meinung  oder  deren  Betätigung  zu
erzwingen.  Ferner  beschloß  der  Kongreß  eine  den  Antisemitismus
scharf  verurteilende  Resolution,  eine  Resolution  zur  Krisenfrage,  sowie
mit  236  gegen  5  Stimmen  eine  Resolution,  die,  unter  Hinweis  auf  den
herrschenden  großen  Geschäftsdruck,  die  Proklamierung  der  allgemeinen
Arbeitsruhe  für  den  1.  Mai  1893  für  undurchführbar  erklärte  und  dafür
empfahl,  die  Feier  am  Abend  des  ersten  Mai  abzuhalten.
Zn  der  Debatte  über  den  Boykott  und  die  gewerkschaftliche  Kontrollmarke
kam  es  zu  Auseinandersetzungen  zwischen  dem  Referenten,  Zgnaz  Auer,  und
dem  Vorsitzenden  der  Generalkommission  der  Gewerkschaften,  Karl  Legien,
die  gegensätzliche  Auffassungen  vermuten  ließen.  Diese  Auseinandersetzungen
wurden  nach  dem  Kongreß  brieflich  und  auch  in  der  Presse  fortgesetzt  und
nahmen  einen  sehr  gereizten  Charakter  an.  Demgemäß  ward  die  Frage
des  Verhältnisses  der  Parteigenossen  zu  den  Gewerkschaften  auf  die  Tagesordnung ­
  des  nun  folgenden  Parteitages  gestellt,  der  vom  22.  bis
28.  Oktober  1893  in  Köln  a.  Rh.  Sitzung  hielt.  Nach  Referaten  von
Auer  und  Legien  und  einer  sehr  lebhaften  Debatte,  in  der  die  Geister  hart
aneinander  gerieten,  ward  eine  Resolution,  die  es  für  die  Pflicht  jedes
Genossen  erklärte,  sich,  sofern  nicht  zwingende  Gründe  ihn  hindern,  der
Gewerkschaft  seines  Berufes  anzuschließen,  mit  169  gegen  29  Stimmen
abgelehnt,  und  darauf  die  Resolution  des  Referenten  angenommen,  die  es  für
Pflicht  der  Genossen  erklärte,  „unermüdlich  für  die  Erkenntnis  der  Bedeutung
der  gewerkschaftlichen  Organisationen  zu  wirken  und  mit  aller  Entschiedenheit
für  deren  Stärkung  einzutreten".  Bezüglich  der  Maifeier  nahm  der
Kongreß,  gemäß  den  inzwischen  auf  dem  Internationalen  Arbeiterkongreß
von  Zürich  in  dieser  Sache  gefaßten  Beschlüssen,  eine  von  Liebknecht  vorgelegte ­
  Resolution  an,  die  erklärte,  daß  die  Partei  die  allgemeine  Arbeitsruhe ­
  als  würdige  Feier  des  ersten  Mai  erstrebt,  bei  der  gegebenen  Wirtschaftslage ­
  aber  nur  denjenigen  Arbeitern  und  Organisationen  die  Arbeitsruhe ­
  empfehle,  die  dazu  ohne  Schädigung  der  Arbeiterinteressen  imstande
seien.  Der  Kongreß  wiederholte  nach  einem  eingehenden  Referat  Bebels,
das  später  erweitert  als  Broschüre  herausgegeben  wurde,  eine  schon  vom
Berliner  Kongreß  angenommene  Resolution  gegen  den  Antisemitismus,
und  erklärte  sich,  entgegen  einer  von  Ed.  Bernstein  in  der  „Neuen  Zeit"
entwickelten  Anregung,  einstimmig  gegen  jede  Beteiligung  an  den  Landtagswahlen ­
  in  Preußen  unter  dem  Dreiklassenwahlsystem.  Dagegen  fand  ein
Antrag  Annahme,  ein  Wochenblatt  der  Partei  herauszugeben.  Dieses
Blatt  trat  am  1.  Februar  1894  unter  dem  Titel  „Der  Sozialdemokrat"
in  Berlin  ins  Leben,  fand  indes  nicht  die  genügende  Verbreitung,  und  so
wurde,  laut  Beschluß  des  Breslauer  Parteitages  (1895),  sein  Erscheinen
mit  Ende  November  1895  wieder  eingestellt.
Über  die  nun  folgenden  Kongresse  mögen  summarische  Zusammenfassungen ­
  Bericht  geben.
Frankfurt  a.  Main  (21.  bis  27.  Oktober  1894).  Debatte  über  Budgetbewilligungen
  im  bayerischen  und  anderen  süddeutschen  Landtagen.  Eine
Resolution,  die  den  Abgeordneten  der  Partei  in  den  Landtagen  die  Verweigerung ­
  der  Budgets  zur  Pflicht  macht,  wird  mit  164  gegen  64  Stimmen
abgelehnt,  nachdem  ihr  mit  131  gegen  103  Stimmen  ein  Amendement  (Stadt-
            
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