Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

I

Kr.  1.

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für  1891  unter  Nr.  S4«s.

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S.Inhrg.

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Berliner  VelksUatt
Zsntralorgan  der  sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands.

Redaktion:  Muth-Straße  2.  ^  Donnerstag»  den  1.  Januar  1891.  n  ßrpeditio«:  ZLeuch  -  Straße  3,

Freih  eit
5 reiheit!  Freiheit!
Du  Wunderxort,  du  WiMderwort!
Du  Inbegriff  der  herrlichsten  der  Lieder,
Wie  klingst  du  in  des  Menschen  Seele  wieder  l
Ein  Wunderwort,  ein  Wunderhort,
Der  alles  Schönste  in  sich  birgt.
Der  alles  Schönste  aus  sich  wirkt!
Freiheit!  sie  wird  nicht  ohne  Mühe  dein  ;
Will  wie  ein  schönes  Weib  errangen  sein.

Zum  Urue«  Jahre  1891.

Nur  kämpfend  dringst  du  vor
Zu  ihrem  köstliche»  Eeiniß,
Nur  wenn  du  sagst:  Ich.  peiß,  ich  muß
Und  kann  nicht  anders!
Du  bist  nicht  frei,  wenn  du  das  Schlechte  willst.
Du  bist  nicht  frei,  wenn  du  erwählst.
Was  dir  bequeme  Freude»  schafft.
Ein  Sklave  bist-du  deiner  Leidenschaft.
Doch  führt  der  Weg-zur  Schönheit  auch  durch.  Noth,
Droht  er  im  Katupfe  'ftlbst  den  Tod,  —

Doch  im  erkennst  und  weißt,  du  mußt,
Und  vorwärts  gehst  du  mit  jauchzender  Lust,
Bleibst  deinem  Ziel  vollendet  treu,
Dana  bist  du  frei!
Die  Schönheit  ist  des  Werdens  Ende,
Die  Schönheit  ist  des  Werdens  Ziel,
Vollendetes  Gezwnngensein,
Den  Weg  zu  wandeln  vollbewußt
Rach  diesem  Ziel  ist  Freiheit!
Freiheit!  Leopold  Jacob?.

3um  Menen  Fstze!
Die  Jahreswende  bietet,  nach  allgemeiner  .und  sehr
natürlicher  Sitte,  den  Anlaß  zu  einem  Rückblick  in  die
Vergangenheit  und  zu  einem  Vorblick  in  die  Zukunft  —
wir  lassen,  die  Ereignisse  Und  Vorgänge  des  dem  Abschluß
zueilenden  Jahres  noch  einmal  vou-uns  vorübergehe«,  und
schaue«  dann  dem  kommende«  -Jahr  froh  ins  Angesicht.
Für  uns  Sozialdemokraten  ist  die  politische  Inventur-Aufnahme
  diesmal  eine  besonders  erfreuliche  Beschäftigung:
wir  haben  auf  eine  Reihe  großer  Erfolge  zurückzuschallen.
Als  einer  unserer  Abgeordneten  an,  Schluß  des
vorigen  Jahres  im  Reichstag  erklärte:  .Wir  haben  das
Sozialistengesetz  besiegt  —  die  nächste  Wahl  wird  «ine
Million  —  anderthalb  Millionen  Stimm  en
für  uns  ergeben",  da  glaubten  selbst  viele  Parteigenossen,
die  Prophezeiung  sei  zu  kühn.
Und  der  20.  Februar  1890  hat  sie  im  vollsten
Umfange  wahr  gemacht.
Der  20.  Februar  1890  ist  ein  weltgeschichtliches
Dalnni  —  er  bedeutet  den  endgiltigen  Sieg  der  sozialdemolratischen
  Idee  und  Weltanschauung  über  die  mechanische ­
  Gewalt  —  feie  Bankrotterklärung  des  Sozialistengesetzes, ­
  seiner  Urheber  und  des  Systems,  dem  es  entflossen. ­

Um  die  Tragweite  und  Bedeutung  des  Tags  voll
zu  begreifen,  müssen  wir  uns  ins  Gedächtniß  zurückrufen,
daß  heule  vor  12  Monaten  Fürst  Bismarck  noch  „fest
im  Sattel  saß",  daß  16  Tage  vor  dem  Wahltag  die
„Kaiserlichen  Erlaffe"  veröffentlicht  wurden,  die  aus  ben

Feuilleton.

Nachdruck  vrrborm.j  -  -  .  £
Der  Mama.
Roman  von  Arne  Garborg.
I.
Frau  Holmsens  Antlitz  zog  sich  in  die  Länge.  „Verstehen ­
  Sie  das,  Fra»  Mühlberg?"  sagte  sie.  Auch  Frau
Mühlberg  schien  etwas  verdutzt
„Wahrhaftig,  ich  kenne  mich  uiiht  ans  in  all  dieser
Weitschweifigkeit,"  erividerte  sie;  „ich  denke,  wir  uersliche»
es  noch  einmal,"
Sie  nahuien  das  schwierige  Dokument  wieder  vor  und
rersnihten  es  noch  einmal.  Frau  Holniseu  hatte  Kopfschmerze», ­
  daher  mußte  Frau  Mühlberg  die  Vorleserin
mache»;  wenn  mail  es  recht  bedachte,  war  diese  vielleicht
auch  die  Runenknudigere  von  beide».  Tenn  rund  und  dick
und  solide,  wie  fie  da  saß,  schien  sie  eine  Frau,  die  ein  Stück
in  der  Welt  herumgekommen.
Zum  Glück  hielt  Fanny  sich  ruhig;  sie  saß  auf  ihrem
Liiblmgsplatz  am  großen  Nähtische  neben  Mamas  Stuhl  und
arbeitete  an  einem  Kleide  für  ihre  Rosalie.
Frau  Mühlberg  begann:
„Die  geschiedene  Gattin  des  Exam.  juria  Andr.  Holmsen
hgt  sich  an  den  Unterzeichneten  mit  dem  Ersuchen  gewendet, ­
  bei  dem  Amtmann  daraus  hin  anzutragen,
daß  ihrem  vorgenannten  Manne  durch  obrigkeitliche  Resolution ­
  auferlegt  werde.  Beider  gemeinsaniem  Kinde  Fanny,
sur  deren  Alter  ein  Zeugniß  des  Pastors  beiliegt,  «inen
jährlichen  Sustentationsbeitrag  auszusetzen.  Dieies  Kind
sollte  nämlich  der  Vater  insolge  des  der  Auflösung  der  Ehe

ersten  Blich  einen  „Neuen  'Kurs"  der  Sozialreforin  zu  verheißen ­
  schienen,  und  ,die.ganz  geeignet  waren,  eine  nicht
durchaus  zielbewußte.„Partei  in-.Verwikrnug  zu  bringen.
Wir  hatten  alle  Parteien  gegen  uns  und  mußten  Front
machen  gegen  alle  und  —  unser  Kurs  blieb  immer  der
alte  —  vorwärts,  vorwärts  zum  Sieg!
--  Dev  2.0,iFebruar  sprengte  die  Koalition  der  Mok-Uoiisparteien,
  genannt  Kartell,  zerbrach  das  Sozialistengesetz ­
  und  warf  das  'Postament  um,  auf  welchem  der
größte  der  Demagogen  des  Kapitalismus  —  Fürst  Bismarck ­
  sein  Ich  aufgepflanzt  und  eine  Fainilieiidynaslie,
mit  erblichem  Hausmeierthum  zu  begründen  versucht  halte.
Am  18.  März  —  für  Gewalthaber  ein„ominöses
Düimu  —  wurde  das  Urtheil  des.  20.  Februar  an  dem
Urheber  des  Sozialistengesetzes  und  der  Millionärzüchtungs-Polstik
  vollstreckt:  er  kvikrde  lebendig  begraben.
Die  Nemesis  hatte  ihn  ereilt,  und  was  sie.  noch  übrig  ließ
an'  Sympathie  für  den  Gefallenen,'  das  zerstörte  dieser
selbst  in  wahnsinniger  Verblendung.  Nie  hat  falsche,  mit
allen  Listen,  Kniffen  und  Künsten  zu  ungeheuerlichen
Dimensionen  aufgeblähte  Größe  ein  jäheres  und  schmähe
sicheres  Ende  genommen.
Und  dem  Schöpfer  mußte  sein  Werk  folgen.  Nachdem ­
  das  Fiasko  der  internationalen  Ar
b  eit  e  rsch  utz-K  onferenz  aller  Welt  klar  geworden
war,  und  nachdem  die  deutsche  Sozialdemokratie  noch,  gemäß
dem  Beschluß  desJNternationalenArbeiterkongresses  zuParis,
trotz  aller  Hindernisse  von  oben,  trotz  des  verzweifetten
Widerstandes  der  Unternehmersippe  den  ersten  Mai
auch  für  Deutschland  zum  Festtag  der  Arbeit  erzii ­

  Grunde  liegenden  Vertrages,  dessen  Abschrift  mitsolgt,
ebenso  gut  wie  die  übrigen  Kinder  versorgen;  allein  da  er
keinen  Schritt  gethan  hat,  dieser  Pflicht  nachzukommen,  weiß
sich  die  Mutter,  welche  hier  in  dürjtigen  Umständen  lebt
keinen  anderen  Ausweg,  als  um  eine  amtliche  Resolution  in
Betreff  des  jährlichen  Beitrages  anzusuchen.
Wenngleich  er  es  als  zweifelhaft  betrachtet,  daß  die
Sache  durchführbar  sei,  hat  der  Gefertigte  es  dennoch  Frau
Holmsen  nicht  abschlagen  wollen,  dem  Herrn  Anitmami
dieses  Ansuche»  zuzustellen,  wobei  noch  bemerkt  wird,  daß
besagter  Herr  Holmsen  sich  z.  Z.  in  Christiania")  anshalten
  soll.
Stadtvogtei  zu  Kristiansborg,  den  14.  Dez.  1664.
D.  Broch.
An  den
Herrn  Amtmann  im  Oberlands-Amte,"
„Wird  dom  Herrn  Stiftsamtmann  in  Christiania  zur
Verfügung  gestellt.
Oberlands-Amt,  19.  Dezbr.  1864.
I»  Abwesenheit  des  Amtmanns:
Hj.  Aye.
„Wird  ’  samt  den  Beilagen  an  de»  Stadivogt  von
Chriftiailia  zu  vorbereitender  Behandlung  geschickt
Stift  von  Christiania,  80.  Januar  1866.
Im  Auftrag:  Joh.  Knap."
„Wird  dem  Stadtdiener  Engh  zu  der  gewöhnlichen  Behandlung ­
  übergeben.
Unterv.  v.  Chr.,  9.  Febr.  1865.
Für  den  Unteroogt:  Edv.  Olafse»."

I ")  Die  ungleichmäßige  Schreibung  von  Christiania,  Kristiania.
Kristiansborg  ist  zu  charatteristisch  sur  das  Schwanken  der
Bureaukratie  zwischen  Altem  und  Neuem,  um  nicht  getreu  beibehalten ­
  zu  werden.  Anm.  d.  Ueb.

hoben  hatte,,  an  dem  die  Arbeiter  aller  Länder  den
internationalen  Proletarierbinid  feiern  —
wurde  am  1.  Oktober  das  Sozialistengesetz  sang-  und
klanglos  —  nicht  begrabe»,  das  wäre  zu  viel  Ehre  gewesen, ­
  nein  verscharrst  bei  Seite  geschafft,  wie  irgend  ein
Ding,  das.  Ekel  einflößt.  —
M«  Sozialdemokratie  hielt  am  1.  Oktober  Rückschau'
und  Heerschau  —  und  am  Jahrestag  der  Entdeckung  von
Amerika  —  12.  Oktober  —  träfen  die  Erwählten  der
deutschen  Arbeiterklasse  zum  Ko-ngreß  in  Halle  zusammen, ­
  der  am  18.  Oktober,  dem  Jahrestag  der  Völkerschlacht ­
  von  Leipzig,  seine  Aufgabe:  die  Reorganisasion  der
Partei  vollendete.
Die  wunderbare  Einkracht,  die  aus  dem  Halleschen
Kongreß  waltete,  zerstörte  die  thörichten  Hoffnungen  unserer
Feinde  auf  selbstmörderischen  Bruderzwist  der  deutschen
Sozialdemokratie  —  dennoch  wurde  das  alberne  Lügenmärchen ­
  von  „Spaltungen"  von  'der  gegnerischen  Presse
gedankenlos  weiterverbreitet.  Unsere  Femde  nennen  das
„geistigen  Kamps".  »
Cs  ist  zwar  eine  alte  und  gute  Ersahrungsregel,  daß
man  den  Feind  nicht  verachten  soll;  es  ist  aber  wirklich
schwer,  unsere  Feinde  nicht  zu  verachten.  Haben  sie
jenials  den  Versuch  gemacht,  unsere  Ziele  vorurtheilslos
ins  Auge  zu  fassen,  mit  unserem  Programm  sich  bekannt
zu  machen?  Haben  sie  jemals  die  allgemeinen  Verhältnisse ­
  und  die  Fragen,  um  welche  der  politische  Parteikainpf
  sich  drehst  zu  erforschen  getrachtet?  Haben  sie
jenials  Ernst,  Würde,  Muth  in  dem  Kampfe  mit  uns  ge-„Wird

  dem  Herrn  Uniervogt  mit  dem  Bemerken  zugestellt, ­
  daß  der  Betreffende  d.  Z.  sich  in  Kristiansborg
aushäli.
'  Christiania,  6  März  1865.
Ehr.  Engh."
„Wird  dem  Stiftsamt.  von  Christiania  mit  ehrerbietiger
Hinweisung  aus  Vorstehendes  zurückgeschickt.
Uiitervogteiamt  von  Christiania,  den  8.  März  1865.
P.  Rawm,.
provisorischer  Leiter."
„Wird  dem  löblichen  Oberlands-Amte  zurückgestellt.
Stfftsauit  von  Christiania,  den  II,  März  1865.
Im  Auftrag:  Joh.  Knap."
„Wird  an  den  Herrn  Stadtvogt  in  Kristiansborg  mit
dem  Ansuchen  geschickt,  über  den  Vater  des  Kindes  die  üblichen ­
  Aukkläruuge»  zu  geben.
Oberlands-Amt,  de»  15.  März  1865.
Krohn."
„Andreas  Holmsen  ist  89  Jahre  alt,  nicht  beim  Militär,
arbeitsfähig,  doch-  augenblicklich  ohne  festen  Erwerb.
Ich  kann  nicht  umhin,  beizufügen,  daß  mir  berichtet
wurde,  er  wünsche  ailSzuivandern.  Die  Beilage»  folgen.
Etablvogtei  zu  Kristiansborg,  den  21.  März  1865.
D.  Broch."
An  den
Herrn  Amtmann  des  Oberlaiides-Dmtes."
„Wird  dem  Herrn  Stadwogt  in  Kristiansborg  mit
dem  Anstichen  zurückgestellt,  Frau  Holmsen  bekannt  zu  geben,
daß  das  Amt  nach  erfolgter  Einsichtnahme  in  den  beigelegten
Kontrakt  nicht  findest  daß  es  Mittel  giebt,  ihren  geschiedenen
Gatten  z»  irgend  einem  Beitrag  zur  Erhaltung  ihres  Kindes
zu  verpflichte»,
Oberlands-Amt,  den  26.  März  1885.
Krohn."

4.  Titelseite  der  ersten  Nummer  des  in  den  „Vorwärts"  umgewandelten  „Berliner  Vottsblatt".  1.  Januar  1891
            
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