Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

69  und  70.  Flugblatt  gegen  die  sozialdemokratische  Landagitation

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Wenn  einmal  ein  biederer  Landbewohner  in  eine  große  Stadt  Eommt,  so  ereignet  es  sich  nicht
selten,  daß  irgend  ein  fcingekleideter  Herr  an  ihn  herantritt  und  sich  mit  der  größten  Liebenswürdigkeit
erbietet,  ihm  die  Sehenswürdigkeiten  der  Stadt  zu  zeige».  Arglos  nimmt  in  vielen  Fallen  der  Landbewohner ­
  das  Anerbieten  an,  und  er  ist  von  der  Zuborkommenheit  des  Städters  entzückt.  Dieser  führt
ihn  ins  Museum,  zeigt  ihm  die  schönen.  Plätze  und  Gebäude  und  macht  ihm  schließlich  den  Vorschlag,  gemeinsam ­
  ein  Glas  Bier  zu  trinken,  um  sich  von  den  Strapazen  zu  erholen.  Bei  dieser  Gelegenheit  wird
dann  zum  Zeitvertreib  ein  Spielchen  gewacht,  uniu  der  unerfahrene  Landbewohner  muß  dann  zu  seine»!
Schaden  erfahren,  daß  er  einem  Schwindler  in  die  Hände  gefallen  ist,  der  ihm  im  „Kümmelolättchen"
seine  ganze  Barschaft  abgenommen  hat.  Man  hat  für  solche  Betrüger  den  Namen
Bauernfänger.
Leute,  die  sich  di-  Unwisienheit  anderer  zu  nutze  machen,  giebt  es  indessen  nicht  nur  in  den  großen
Städten,  sondern  ihr  könnt  sie  auch  auf  dem  Lande  treffen.  Nur  machen  sie  hier  ihr  Geschäft  nicht  mit
dem  Kümmelblattchen-Spiel,  sondern.mit  Flugblättern,  die  mit  Unwahrheiten  und  Entstellungen  eure
Köpfe  verwirren  und  euch  aufhetzen  sollen.  Ei»  solches  Flugblatt  ist  kürzlich  mit  der  Uebcrschrift:  „Wie  die
Junker  den  Bauern  helfen"  von  den  Socialdemokraten  verbreitet  worden.  Wie  der  Bauernfänger  in  der  großen
Stadt,  so  geht  auch  der  Bauernfänger  auf  dem  Lande  vor.  Hinter  einen,  harmlosen  Aeußern  und  allerlei  verlockend ­
  wirkenden  Worten  wird  die  eigentliche  Bauernfängerei  verborgen.  Die  Socialdemokraten  verschweigen
nämlich  immer,  wenn  sie  auf  „Bauernfang"  ausgehen,  ihren  Hauptgrundsatz:
die  Abschaffung  alles  Grundeigentums.
Hat  nun  aber  etwa  die  Socialdemokratie  auf  diese  ihre  erste  und  wichtigste  Forderung  verzichtet,  euch,  der
ländlichen  Bevölkerung,  zu  liebe?  Der  naive  Gemüthsmensch,  der  das  glaubt,  müßte  erst  noch  geboren
werden.  Nein,  die  Unterdrückung  dieses  springenden  Punktes  ist  nichts  weiter  als  cm  Mittel  zum  Zweck,
um  euch  im  Unklaren  zu  halten  über  die  wahren  Ziele  der  Socialdemokratie.
Statt  dessen  wird  euch  lang  und  breit  eine  Borlesung  über  die  Grundsteuer-Erlaffe  und  die  Rückzahlung ­
  der  Grundsteuer-Entschädigungen  nach  freisinnigem  Muster  gehalten,  um  den  Klcinbesitz  vom
Großbefltz  zu  trennen.  Zu  diesem  Zwecke  wird  natürlich  auch  angeführt,  daß  die  Interessen  des  Großbesitzes ­
  und  des  Klelnbesitzcs  verschieden  seien.  Als  ob  ihr  Bauern  nicht  wüßtet,  daß  eine  gute  Ernte  und
cmgeimsseye  Preise  für  die  Boden-Erzeugnisse  für  euch  dieselbe  Bedeutung  haben,  wie  für  den  Rittergutsbesitzer! ­
  Recht  erheiternd  wirkt  die  Aufforderung  an  euch  Bauern,  das  nächste  Mal  einen  Socialdcinokraten
  zu  wählen.  Dieser  würde  gewiß  eure  Jntereffcn  vertreten.  Entspricht  das  der  Wahrheit?

Lind  die  Socialdemokraten  wirklich  Freunde  der  Bauern?
Uni  diese  Fragen  zu  beantworten,  wollen  wir  einige  socialdemokratische  Führer  selbst  reden  lassen.
„Wir  brauchen  die  Bauern  nicht,  um  eine  Revolution  zu  machen,  aber  keine  Revolution  kann  sich  halten,
wenn  die  Bauern  dagegen  sind,"  schrieb  der  Abgeordnete  Liebknecht  schon  vor  25  Jahren.  Sieht  das
nach  Theilnahme  aus?  Wird  nicht  vielmehr  klar  ausgesprochen,  daß  die  Socialdemokraten  euch  Bauen!
nur  gewinnen  wollen,  weil  sie  ohne  euch  ihr  Ziel,  den  gewaltsamen  Umsturz  unsers  Staates,  nicht  erreichen ­
  können?
Das  Schicksal  der  schwer  käinpfenden  Bauern  selbst  ist  den  Aposteln  der  rothen  Glückseligkeit  völlig
jjleichgiltig.  Das  hat  der  socialdemokratische  Abgeordnete  Smippel  im  Januar  1895  offen  herausgesagt,
indem  er  im  „Socialpolitischen  Centralblatte"  schrieb:  „Die  Bauern,  diese  unhaltbaren  Existenzen,  kMistüch
über  Wasser  zu  heben,  um  sie  dann  umso  sicherer  dem  Ertrinken  zu  überliefern  —  diese  scheußlichen  Uebergangszustände
  von  der  alten  bäuerlichen  Familien-Naturalwirthschaft  auch  nur  einen  Augenblick  länger  zu
konservieren,  dazu  kann  sich  di-  Socialdemokratie  auch  durch  die  größte  Sympathie  für  Schuldsklaven  und
„Schwache"  nie  und  mmnicr  verleiten  lassen."  —  Das  ist  der  wahre  socialdemokratische  Jakob,  wie  cr
sich  in  den  Worten  ihrer  Führer  euch  Bauern  gegenüber  zeigtl  WaS  die  Socialdemokraten  euch
sagen,  sind  alles  nur  Flausen  daraus  berechnet,  euch  als  Sturiubock  gegen  die  bestehende  Ordnung  auf  den:
Lande  zu  benutzen.  Haben  die  Socialdemokraten  diesen  Hauptzweck'  erreicht,  so  loiirdc  euch  die  zuerst  anscheinend ­
  so  mitleidige  und  hilfsbereite  Socialdemokratie  einfach  im  Elend  verkommen  lassen.  Da»  ist  s°
sicher,  wie  zweimal  zwei  vier  ist.  „Nur  die  allergrößten  Kälber  wählen  ihren  Metzger  selber!"  Das  wißl
ihr  Bauern  sehr  genau,  und  darimi  werdet  ihr  nie  einen  Soeialdemokraien  in  den  Reichstag  schicken.
            
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