69 und 70. Flugblatt gegen die sozialdemokratische Landagitation
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Wenn einmal ein biederer Landbewohner in eine große Stadt Eommt, so ereignet es sich nicht
selten, daß irgend ein fcingekleideter Herr an ihn herantritt und sich mit der größten Liebenswürdigkeit
erbietet, ihm die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeige». Arglos nimmt in vielen Fallen der Landbewohner
das Anerbieten an, und er ist von der Zuborkommenheit des Städters entzückt. Dieser führt
ihn ins Museum, zeigt ihm die schönen. Plätze und Gebäude und macht ihm schließlich den Vorschlag, gemeinsam
ein Glas Bier zu trinken, um sich von den Strapazen zu erholen. Bei dieser Gelegenheit wird
dann zum Zeitvertreib ein Spielchen gewacht, uniu der unerfahrene Landbewohner muß dann zu seine»!
Schaden erfahren, daß er einem Schwindler in die Hände gefallen ist, der ihm im „Kümmelolättchen"
seine ganze Barschaft abgenommen hat. Man hat für solche Betrüger den Namen
Bauernfänger.
Leute, die sich di- Unwisienheit anderer zu nutze machen, giebt es indessen nicht nur in den großen
Städten, sondern ihr könnt sie auch auf dem Lande treffen. Nur machen sie hier ihr Geschäft nicht mit
dem Kümmelblattchen-Spiel, sondern.mit Flugblättern, die mit Unwahrheiten und Entstellungen eure
Köpfe verwirren und euch aufhetzen sollen. Ei» solches Flugblatt ist kürzlich mit der Uebcrschrift: „Wie die
Junker den Bauern helfen" von den Socialdemokraten verbreitet worden. Wie der Bauernfänger in der großen
Stadt, so geht auch der Bauernfänger auf dem Lande vor. Hinter einen, harmlosen Aeußern und allerlei verlockend
wirkenden Worten wird die eigentliche Bauernfängerei verborgen. Die Socialdemokraten verschweigen
nämlich immer, wenn sie auf „Bauernfang" ausgehen, ihren Hauptgrundsatz:
die Abschaffung alles Grundeigentums.
Hat nun aber etwa die Socialdemokratie auf diese ihre erste und wichtigste Forderung verzichtet, euch, der
ländlichen Bevölkerung, zu liebe? Der naive Gemüthsmensch, der das glaubt, müßte erst noch geboren
werden. Nein, die Unterdrückung dieses springenden Punktes ist nichts weiter als cm Mittel zum Zweck,
um euch im Unklaren zu halten über die wahren Ziele der Socialdemokratie.
Statt dessen wird euch lang und breit eine Borlesung über die Grundsteuer-Erlaffe und die Rückzahlung
der Grundsteuer-Entschädigungen nach freisinnigem Muster gehalten, um den Klcinbesitz vom
Großbefltz zu trennen. Zu diesem Zwecke wird natürlich auch angeführt, daß die Interessen des Großbesitzes
und des Klelnbesitzcs verschieden seien. Als ob ihr Bauern nicht wüßtet, daß eine gute Ernte und
cmgeimsseye Preise für die Boden-Erzeugnisse für euch dieselbe Bedeutung haben, wie für den Rittergutsbesitzer!
Recht erheiternd wirkt die Aufforderung an euch Bauern, das nächste Mal einen Socialdcinokraten
zu wählen. Dieser würde gewiß eure Jntereffcn vertreten. Entspricht das der Wahrheit?
Lind die Socialdemokraten wirklich Freunde der Bauern?
Uni diese Fragen zu beantworten, wollen wir einige socialdemokratische Führer selbst reden lassen.
„Wir brauchen die Bauern nicht, um eine Revolution zu machen, aber keine Revolution kann sich halten,
wenn die Bauern dagegen sind," schrieb der Abgeordnete Liebknecht schon vor 25 Jahren. Sieht das
nach Theilnahme aus? Wird nicht vielmehr klar ausgesprochen, daß die Socialdemokraten euch Bauen!
nur gewinnen wollen, weil sie ohne euch ihr Ziel, den gewaltsamen Umsturz unsers Staates, nicht erreichen
können?
Das Schicksal der schwer käinpfenden Bauern selbst ist den Aposteln der rothen Glückseligkeit völlig
jjleichgiltig. Das hat der socialdemokratische Abgeordnete Smippel im Januar 1895 offen herausgesagt,
indem er im „Socialpolitischen Centralblatte" schrieb: „Die Bauern, diese unhaltbaren Existenzen, kMistüch
über Wasser zu heben, um sie dann umso sicherer dem Ertrinken zu überliefern — diese scheußlichen Uebergangszustände
von der alten bäuerlichen Familien-Naturalwirthschaft auch nur einen Augenblick länger zu
konservieren, dazu kann sich di- Socialdemokratie auch durch die größte Sympathie für Schuldsklaven und
„Schwache" nie und mmnicr verleiten lassen." — Das ist der wahre socialdemokratische Jakob, wie cr
sich in den Worten ihrer Führer euch Bauern gegenüber zeigtl WaS die Socialdemokraten euch
sagen, sind alles nur Flausen daraus berechnet, euch als Sturiubock gegen die bestehende Ordnung auf den:
Lande zu benutzen. Haben die Socialdemokraten diesen Hauptzweck' erreicht, so loiirdc euch die zuerst anscheinend
so mitleidige und hilfsbereite Socialdemokratie einfach im Elend verkommen lassen. Da» ist s°
sicher, wie zweimal zwei vier ist. „Nur die allergrößten Kälber wählen ihren Metzger selber!" Das wißl
ihr Bauern sehr genau, und darimi werdet ihr nie einen Soeialdemokraien in den Reichstag schicken.