Sind sie Freunde der Landarbeiter?
Elan, ihr Landarbeiter, was will die Socialdemokraüe von euch? Man sollte meinen, daß, wer
dem Bauern Netze stellt, auch vor dem Arbeiter nicht stille hält. Und in der That, es ist so. Auch ihr
Landarbeiter werdet von den Socialdenwkraten schmählich h ntergangen. Um schöne Worte sind die Socialdemokraken
allerdings nicht verlegen. Sie sagen zu euch: „Wie wir Socialdemokraten, wenn wir gewählt
sind, uns für die Arbeiter und kleinen Leute ins Zeug legen, davon berichten die Zeitungen bei
jeder Session."
Das ist sehr richtig! Was aber die Zeitung hierüber berichten, das hüten sie sich hinzuzusetzen.
Da wollen wir denn ein wenig nachhelfen. Als die letzte ReichstagSsession beendet war, da hieß es unter
den.socialdemokratischen Wählern: „Was haben unsere 48 Abgeordneten eigentlich geleistet? Große Summen,
die wir im Schweiße unseres Angesichts sauer verdient haben, sind ihnen von der Partei an Diäten
zugewandt, und für die paar Reden gegen den Umsturz und gegen den Tabak hätten 5 Abgeordnete genügtl"
Groß war damals die Unzufriedenheit unter den getäuschten Wählern. Goldene Berge hatten di- socialdemokmtischen
Herren den Arbeitern vor den Wahlen versprochen: als sie aber gewählt waren, hatten sic
die Versprechungen vergesien.
Nichts haben die Socialdemokraten für die Arbeiter gethanI
Wenn sich daher die Socialdemokraten eine Arbeiterpartei nennen, so ist das der reine Humbug!
Das hat nicht nur die letzte Reichstagssession gezeigt. Als Kaiser Wilhelm I. am 17. November 1881 in
seiner großen Botschaft verkündete, daß er den Hilflosen und Schwachen beistehen wolle, da hätte eine Partei,
die wirklich das Interesse der Arbester und' nur dieses Interesse wahrnehmen wollte, freudig zustimmen
und sich in den Dienst oieser guten Sache stellen müssen. Was aber thaten die Socialdemokraten? Sie
wiesen die Hand, die der Kaiser als rechter sursorglichcr Vater seinem Volk- bot, zurück. Der
Kamps bis aufs Messer wurde angekündigt und fortgeführt. Di« socialdemokratischen Abgeordneten stimmten
gegen das Kranken- und Unsallversicherungsgesetz, gegen daS AltcrS- und Jnvaliditätsgesetz und gegen alle
die denkwürdigen Gesetze, die im Lauf- der Jahre euch Arbeitern »um Segen geschaffen sind!
Das ist die Arbeiterfreundlichkeit der Socialdemokratie!
Und nun, ihr Arbeiter, was versprechen denn die Socialdemokraten euch weiter noch? Das Land
eurer Herren? Freilich thun die Socialdemokraten immer so, als ob sic das Land, das sie euren Arbeitgebern
dann weggenommen haben, euch zu eigen geben wollten. DaS wäre doch wenigstens noch ein Verspreche»,
wenn auch ein verrücktes. Aber in Wirklichkeit denken die Socialdemokraten gar nicht daran, euch
zu Herren und Grundbesitzern zu machen. Nicht einmal ein Eigcnhaus oder einen einzigen Morgen Land
oder ein Stück Garten gönne ! euch, nicht einmal ein Schwein im Stall oder eine Kuh oder eine Ziege.
Es soll so dann niemand mehr etwa« sein eigen nennen. Denn aller Grund und
»nationalen Produktiv-Genossenschaft" oder wie sie sonst heißen mag, d, h. in Wahrheit den socialdemokratischen
Regierern, vielmehr Nichtregierer» und Partei-Tyrannen gehören. Was heißt das?
Das heißt, ihr Arbeiter sollt nach wie vor im Schweiße eures Angesichts arbeiten,
aber ihr sollt keinen Lohn mehr bekommen, sondern einen sogenannten Antheil am Gewinn. Eure
Einnahme wird also allein vom Zufall de» Gewinnes abhängen. Wenn nun aber cinnial ein Hagelschlag
die Ernte vernichtet, wenn Regengüsse die Ernte verfaulen lassen, wovon sollt ihr Arbeiter dann
leben? Zu vertheilen giebt es dann nichts, wenn kein Gewinn da ist! Ja, darüber zerbrechen sich die
Socialdemokraten nicht weiter den Kvpfl
Aber was soll nun erst werden, wenn alle Wirlhschasten im Lande leinen Gewinn mehr abwerfen,
wenn große Krisen durch ausländische Konkurrenz entstehen? Woher soll die Verwaltung die Mittel
nehmen, die Menschen zu ernähren? Reiche Leute, die extra aebrandschatzt werden könnten, wird es doch
im socialdeniokratischen »ZukunstSstaatc" nicht mehr geben. Diese Phantasie-Wirthschaft würde ein schnelles
und furchtbares Ende nehmen.
Lin schrecklicher Hungertod würde die Folge sein!
Wenn euch daher die Socialdemokraten aufbinden wollen, daß sie euch als rettende Engel kommen,
so weist ihnen die Thür! Nichts als Lügen sind es, mit denen sie euch nahen.
Ls sind Wölfe in Schafskleidern!
Bklteg und Druck der SchrislenvertrirbLanfletk, <S. w. b. Berlin SW.‘*
69 und 70. Flugblatt gegen die sozialdemokratische Landagitation