Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

Sind  sie  Freunde  der  Landarbeiter?

Elan,  ihr  Landarbeiter,  was  will  die  Socialdemokraüe  von  euch?  Man  sollte  meinen,  daß,  wer
dem  Bauern  Netze  stellt,  auch  vor  dem  Arbeiter  nicht  stille  hält.  Und  in  der  That,  es  ist  so.  Auch  ihr
Landarbeiter  werdet  von  den  Socialdenwkraten  schmählich  h  ntergangen.  Um  schöne  Worte  sind  die  Socialdemokraken
  allerdings  nicht  verlegen.  Sie  sagen  zu  euch:  „Wie  wir  Socialdemokraten,  wenn  wir  gewählt
sind,  uns  für  die  Arbeiter  und  kleinen  Leute  ins  Zeug  legen,  davon  berichten  die  Zeitungen  bei
jeder  Session."
Das  ist  sehr  richtig!  Was  aber  die  Zeitung  hierüber  berichten,  das  hüten  sie  sich  hinzuzusetzen.
Da  wollen  wir  denn  ein  wenig  nachhelfen.  Als  die  letzte  ReichstagSsession  beendet  war,  da  hieß  es  unter
den.socialdemokratischen  Wählern:  „Was  haben  unsere  48  Abgeordneten  eigentlich  geleistet?  Große  Summen,
die  wir  im  Schweiße  unseres  Angesichts  sauer  verdient  haben,  sind  ihnen  von  der  Partei  an  Diäten
zugewandt,  und  für  die  paar  Reden  gegen  den  Umsturz  und  gegen  den  Tabak  hätten  5  Abgeordnete  genügtl"
Groß  war  damals  die  Unzufriedenheit  unter  den  getäuschten  Wählern.  Goldene  Berge  hatten  di-  socialdemokmtischen
  Herren  den  Arbeitern  vor  den  Wahlen  versprochen:  als  sie  aber  gewählt  waren,  hatten  sic
die  Versprechungen  vergesien.
Nichts  haben  die  Socialdemokraten  für  die  Arbeiter  gethanI
Wenn  sich  daher  die  Socialdemokraten  eine  Arbeiterpartei  nennen,  so  ist  das  der  reine  Humbug!
Das  hat  nicht  nur  die  letzte  Reichstagssession  gezeigt.  Als  Kaiser  Wilhelm  I.  am  17.  November  1881  in
seiner  großen  Botschaft  verkündete,  daß  er  den  Hilflosen  und  Schwachen  beistehen  wolle,  da  hätte  eine  Partei,
die  wirklich  das  Interesse  der  Arbester  und'  nur  dieses  Interesse  wahrnehmen  wollte,  freudig  zustimmen
und  sich  in  den  Dienst  oieser  guten  Sache  stellen  müssen.  Was  aber  thaten  die  Socialdemokraten?  Sie
wiesen  die  Hand,  die  der  Kaiser  als  rechter  sursorglichcr  Vater  seinem  Volk-  bot,  zurück.  Der
Kamps  bis  aufs  Messer  wurde  angekündigt  und  fortgeführt.  Di«  socialdemokratischen  Abgeordneten  stimmten
gegen  das  Kranken-  und  Unsallversicherungsgesetz,  gegen  daS  AltcrS-  und  Jnvaliditätsgesetz  und  gegen  alle
die  denkwürdigen  Gesetze,  die  im  Lauf-  der  Jahre  euch  Arbeitern  »um  Segen  geschaffen  sind!

Das  ist  die  Arbeiterfreundlichkeit  der  Socialdemokratie!

Und  nun,  ihr  Arbeiter,  was  versprechen  denn  die  Socialdemokraten  euch  weiter  noch?  Das  Land
eurer  Herren?  Freilich  thun  die  Socialdemokraten  immer  so,  als  ob  sic  das  Land,  das  sie  euren  Arbeitgebern ­
  dann  weggenommen  haben,  euch  zu  eigen  geben  wollten.  DaS  wäre  doch  wenigstens  noch  ein  Verspreche», ­
  wenn  auch  ein  verrücktes.  Aber  in  Wirklichkeit  denken  die  Socialdemokraten  gar  nicht  daran,  euch
zu  Herren  und  Grundbesitzern  zu  machen.  Nicht  einmal  ein  Eigcnhaus  oder  einen  einzigen  Morgen  Land
oder  ein  Stück  Garten  gönne  !  euch,  nicht  einmal  ein  Schwein  im  Stall  oder  eine  Kuh  oder  eine  Ziege.

Es  soll  so  dann  niemand  mehr  etwa«  sein  eigen  nennen.  Denn  aller  Grund  und

»nationalen  Produktiv-Genossenschaft"  oder  wie  sie  sonst  heißen  mag,  d,  h.  in  Wahrheit  den  socialdemokratischen ­
  Regierern,  vielmehr  Nichtregierer»  und  Partei-Tyrannen  gehören.  Was  heißt  das?
Das  heißt,  ihr  Arbeiter  sollt  nach  wie  vor  im  Schweiße  eures  Angesichts  arbeiten,
aber  ihr  sollt  keinen  Lohn  mehr  bekommen,  sondern  einen  sogenannten  Antheil  am  Gewinn.  Eure
Einnahme  wird  also  allein  vom  Zufall  de»  Gewinnes  abhängen.  Wenn  nun  aber  cinnial  ein  Hagelschlag ­
  die  Ernte  vernichtet,  wenn  Regengüsse  die  Ernte  verfaulen  lassen,  wovon  sollt  ihr  Arbeiter  dann
leben?  Zu  vertheilen  giebt  es  dann  nichts,  wenn  kein  Gewinn  da  ist!  Ja,  darüber  zerbrechen  sich  die
Socialdemokraten  nicht  weiter  den  Kvpfl
Aber  was  soll  nun  erst  werden,  wenn  alle  Wirlhschasten  im  Lande  leinen  Gewinn  mehr  abwerfen,
wenn  große  Krisen  durch  ausländische  Konkurrenz  entstehen?  Woher  soll  die  Verwaltung  die  Mittel
nehmen,  die  Menschen  zu  ernähren?  Reiche  Leute,  die  extra  aebrandschatzt  werden  könnten,  wird  es  doch
im  socialdeniokratischen  »ZukunstSstaatc"  nicht  mehr  geben.  Diese  Phantasie-Wirthschaft  würde  ein  schnelles
und  furchtbares  Ende  nehmen.

Lin  schrecklicher  Hungertod  würde  die  Folge  sein!

Wenn  euch  daher  die  Socialdemokraten  aufbinden  wollen,  daß  sie  euch  als  rettende  Engel  kommen,
so  weist  ihnen  die  Thür!  Nichts  als  Lügen  sind  es,  mit  denen  sie  euch  nahen.

Ls  sind  Wölfe  in  Schafskleidern!

Bklteg  und  Druck  der  SchrislenvertrirbLanfletk,  <S.  w.  b.  Berlin  SW.‘*

69  und  70.  Flugblatt  gegen  die  sozialdemokratische  Landagitation
            
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