144
der Taktik, die den Parteitag von Lannover drei und einen halben Tag
beschäftigt hatten, bildeten diese Abstimmungen den Gegenstand sehr lebhafter
Erörterungen in den Versammlungen, in denen am 24. Oktober 1899
die Delegierten Berlins über den Parteitag Bericht erstatteten. Lbcrall
erklärte man sich mit großer Mehrheit mit seinen Beschlüssen einverstanden;
wenn es auch nicht ganz an Rednern fehlte, die in dem einen oder anderen
Punkt sich zu den Artschauungen Bernsteins oder seiner Verteidiger bekannten,
so blieben das doch vereinzelte Stimmen. Mit großer Genugtuung
ward in den bezeichneten Versammlungen davon Kenntnis genommen,
daß der Kongreß den Wünschen der Berliner Parteimitgliedschaften in
bezug auf die Erweiterung der Aufsichts- und Einspruchsrechte der Preßkommission
Berlins hinsichtlich des „Vorwärts" Folge gegeben habe.
Mit dem Jahre 1900 trat das Pohcnlohesche Notvereinsgesetz in Kraft,
die Bestimmungen der einzclstaatlichen Vereinsgesetze, die politischen Vereinen
verboten, niiteinander in Verbindung zu treten, fielen hinweg, und
verschiedene Bestimmungen im Organisationsstatut der Gesamtpartei, die
nur der Rücksicht auf jene Verbote ihre Existenz verdankten, wie auch allerhand
Vorbeugemaßnahincn im Aufbau der örtlichen Organisationen
wurden damit überflüssig. Naturgemäß steht daher in diesem Jahre die
Organisationsftage im Vordergrund der Beratungen sowohl der Generalversanunlungen
der Wahlkreise Berlins (14. August) als auch der Kreiskonferenzen
der Vorortswahlkreise — Niederbarnim 9. Januar, 19. August
und 10. Oktober, und Teltow-Beeskow-Charlottenburg 19. August
und den 9. Dezember. Für den letzteren Wahlkreis ward als Resultat der
Beratungen am 9. Dezember 1900 der Zentral-Wahlverein des Kreises
gegründet, der am 1. Januar 1901 ins Leben trat. Seinen ersten Vorstand
bildeten: Otto Goerkc, erster Vorsitzender, Bruno Borchardt, zweiter
Vorsitzender, Paul Pirsch, Schriftführer, Will). Eberhardt, Kassierer
und Schnell, Beisitzer. In Niederbarnim begnügte man sich vorläufig
damit — Konferenz vom 20. Oktober 1900 — den Kreis in zwölf Bezirke
einzuteilen und für jeden dieser Bezirke einen Bezirkswahlverein zu gründen.
In verschiedenen Versammlungen wird die Frage der Beteiligung an den
Landtagswahlen aufs neue besprochen, und der Wahlkreis Teltow-Beeskow-Charlottenburg
beschließt am 19. August, nach Referaten von P. Pirsch
für und Fr. Zubeil gegen Beteiligung, mit 31 gegen 28 Stimmen einen
von Pirsch formulierten Antrag, der bevorstehende Parteitag möge „der
bisherigen ünklarheit in der Frage unserer Taktik bei den Landtagswahlen
in Preußen ein Ende machen durch den Beschluß allgemeiner und selbständiger
Beteiligung der sozialdemokratischen Parte! bei den nächsten preußischen
Landtagswahlen". Dagegen stimmt am gleichen Tage der Wahlkreis
Niederbarnim auf seiner Konferenz einem von Stadthagen vorgelegten
Antrag an den Parteitag zu, die Entscheidung, ob eine Beteiligung
an den preußischen Landtagswahlen vorzunehmen sei, den einzelnen Wahlkreisen
zu überlassen.
Der Parteitag — Mainz — lehnte diesen letzteren Antrag ab und
nahm mit 163 gegen 66 Stimmen einen von Bebel gestellten Antrag an,
daß in denjenigen deutschen Staaten, wo das Drciklassenwahlsystem bestehe,
die Parteigenossen verpflichtet seien, bei den nächsten Wahlen mit eigenen
Wahlmännern in die Wahlagitation einzutreten.