Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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wurde  ferner  mit  Mehrheit  der  Antrag  an  den  Parteitag  gestellt,  zum
Verhalten  Max  Schippels  in  Zoll-  und  Landelsfragen  Stellung  zu
nehmen  und  eventuell  Schippels  Ausschluß  aus  der  Partei  herbeizuführen. ­

Es  bezog  sich  das  auf  einen  Vortrag  über  Landelspolitik,  den  Max
Schippe!  im  Dezember  1903  im  Wahlverein  des  dritten  Berliner  Reichstagewahlkreiscs
  gehalten  hatte.  Schippe!  hatte  darin  den  Standpunkt  der
Zollfreunde  in  einer  Weise  dargestellt,  die  als  eine  Anerkennung  der  Zollpolitik ­
  der  Schutzzöllner  erschien,  und  an  diesen  Vortrag,  über  den  im
„Vorwärts"  an  auffälliger  Stelle  berichtet  worden  war,  hatte  sich  eine
große  Debatte  geknüpft.  Es  wurde  in  den  Zusammenkünften  der  Sozialdemokraten ­
  Berlins  sehr  viel  über  ihn  gesprochen,  und  auch  in  der  Presse
rief  er  eine  lebhafte  Polemik  hervor.  Die  Stimmung  der  Mehrheit  der
Genossen  war  Schippe!  überaus  ungünstig,  wenn  auch  viele  einen  Ausschluß ­
  für  eine  zu  starke  Maßregel  hielten.  Man  machte  Schippe!  namentlich ­
  das  zum  Vorwurf,  daß  er,  statt  offen  mit  seinen  Ansichten  herauszurücken, ­
  unausgesetzt  in  Wort  und  Schrift  Material  für  die  Gegner  der
von  der  Partei  verfochtenen  Handelspolitik  zusammentrage.  Eine  Resolution,
die  in  diesem  Sinne  gegen  Schippe!  wegen  Zweideutigkeit  scharfen  Tadel
ausspricht,  fand  auf  dem  Parteitag  —  Bremen  —  nach  längerer  Debatte
eine  große  Mehrheit.
Es  mag  hierbei  erwähnt  werden,  daß  im  Jahre  1904  Ed.  Bernstein,
nachdem  ihm  im  Anschluß  an  die  Dresdener  Vorgänge  die  Mitarbeiterschaft
  am  „Vorwärts"  gekündigt  war,  in  Berlin  eine  sozialdemokratische
Montagszeitung,  „Das  Neue  Montagsblatt",  ins  Leben  rief.  Diese
Gründung  gab  zu  verschiedenen  Besprechungen  von  Parteimitgliedern  Anlaß. ­
  Die  Zentralinstanzen  der  Berliner  Parteiorganisation,  denen  der  Genannte ­
  von  ihr  Mitteilung  gemacht  hatte,  einigten  sich  auf  eine  Erklärung,
daß  sie  das  Blatt  als  eine  Privatangelegenheit  betrachteten,  welche  die
Partei  in  keiner  Weise  berühre.  Im  Gegensatz  dazu  erklärten  Ende  April
die  Vertrauensmänner  des  Wahlkreises  Berlin  IV  (Ost)  auf  Antrag  von
Ad.  Loffmann,  daß  sie  in  der  .Herausgabe  der  Zeittmg  durch  Ed.  Bernstein ­
  einen  „Verstoß  gegen  die  Interessen  der  Partei"  erblickten  und  daher
die  Genossen  aufforderten,  die  Zeitung  „weder  durch  Abonnement  noch  durch
Einzellauf  zu  unterstützen".  Dieser  Beschluß  rief  eine  Gegenerklärung
der  Vettrauensleute  der  andern  Wahlkreise  Berlins  sowie  des  Wahlkreises
Berlin  IV  (Südost)  hervor,  worin  betont  wird,  daß  das  Blatt  Bernsteins
kein  Konkurrenzunternehmen  gegen  ein  Parteiorgan  sei  und  damit  eine
neutrale  Laltung  ihm  gegenüber  selbstverständlich  sei.  Dann  heißt  es  weiter:
„Ob  ein  Parteigenosse  das  Blatt  durch  Kauf  oder  Abonnement
unterstützt,  ist  seine  Privatangelegenheit,  über  die  niemand  zu  bestimmen
hat.  Sollte  sich  die  Sachlage  ändern,  so  würden  wir  von  neuem  Stellung
nehmen,  haben  aber  zurzeit  keine  Veranlassung,  „Befürchtungen"  oder
„Vermutungen"  Rechnung  zu  tragen."
Schließlich  wird  dann  noch  das  Bedauern  darüber  ausgesprochen,  daß
die  Verttauensmänncr  von  Berlin  IV  (Ost)  als  einzelne  vorgegangen
seien,  statt  ihre  gegenteilige  Anschauung  einer  Gesamtsitzung  der  Vertrauensmänner ­
  vorzulegen.  Das  „Neue  Montagsblatt"  konnte  sich  indes  nicht
halten  und  stellte  im  November  1904  sein  Erscheinen  ein.
            
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