Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

83.  Erste  Seite  eines  antisemitischen  Flugblattes  gegen  die  Sozialdemokratie

Ausruf!
3n  der  Blüthezeit  des  alten  Athen  bestand  dort  ein  Gesetz,  nach  dem  jeder  Bürger  rechtlos  wurde,
der  für  Las  Gemeinwesen  in  den  Zeiten  der  Gefahr  nicht  kräftig  eintrat.  Das  war  ein  gutes  Gesetz,  denn
es  führte  schnelle  Entscheidung  und  längere  Zeiten  der  inneren  Ruhe  herbei.
In  unseren  Tagen  beendet  sich  unser  deutsches  Vaterland  in  einer  Zeit  der  größten  Roth  und
Gefahr,  und  jeder  Deutsche  mutz  sich  dessen  bewirstt  sein,  von  welcher  Seite  die  Noth  gesteigert  wird
und  die  Gefahr  unaufhaltsam  hereinbricht.  Es  Mte  doch  füglich  keinen  deutschen  Mann  geben,  der  geneigt
wäre,  unser  Jahrtausende  altes  und  doch  immer  neu  und  kräftig  pulsirendes  Deutschthmn  preiszugeben
und  es,  wenn  es  von  fremdem  Recht  und  von  freinder  Sitte  unterdrückt,  eingeschränkt  oder  auch  nur  bedroht
ist,  nicht  mit  allen  Mitteln,  ja  selbst  mit  Darangabe  von  <8ut  und  Blut  zu  retten  und  zu  befreien.
Leider  aber  gilt  für  so  Viele  noch  immer  das  alte  Wort:  „Was  mich  nicht  brennt,  das  lösche  ich
Nichts  Ursprünglich  ist  es  ja  aus  altgermanischem  Trotze  und  Selbständigkeitsgefühl  hervorgegangen,  doch
heute  ist  es  der  Ausdruck  einer  unverantwortliche»  Kurzsichtigkeit.  Wenn  die  Gefahr  Dir  auch
heute  noch  nicht  unmittelbar  auf  den  Leib  rückt,  so  brauchst  Du  doch  nicht  lange  auf  sie  zu  warten.  Denn
wenn  die  Bürger  zusehen,  wie  Socialdemokraten  und  Freisinn  stch  im  öffentlichen  Leben  breit  machen,  wie
jedes  Amt  von  ihnen  besetzt  wird,  dann  können  zum  Schaden  des  soliden  Bürgers  nur  die  Geschäfte  storiren,
welche  von  den  Machthabern  geschützt  werden,  und  was  sind  dies  für  Geschäfte?  Ramschbazare  und  die  Börse.
Tausende  von  solide»  Existenzen  sind  vernichtet  worden.  Vielleicht  schon  morgen  kommst  Du
an  die  Reihe,  und  wenn  nicht  mehr  Du,  daun  gewiß  Deine  Familie,  Deine  Kinder!  —
Und  wie  verhält  sich  der  solide  Bürger  bei  dieser  Gefahr?  Das  lehren  uns  die  Wahlen.  Bei  der
letzten  Rcichstagswahl  im  6..Berliner  Wahlkreise  haben  z.  B.  65  808  Wähler  stch  betheiligt  und  80422
sind  zu  Hause  geblieben.  Die  Vorfrucht  der  Sozialdemokratie,  der  Freisinn,  hatte  sich  garnicht  bei  der
Wahl  bethätigt  und  unser  Kandidat,  Herr  Rechtsanwalt  Ulrich,  hat  nur  lO  490,  das  Centrum  1116,  die
Sozialdemokratie  63  896  Stimmen  erhalten,  wer  sind  nun  die  90  422  Wähler?  Die  solidesten,  die  sich  um
keine  Politik  kümmern;  ist  das  recht?  Die  Sozialdemokratie  geht  munter  vorwärts,  jeder  Arbeiter  in  den
Verbänden  zahlt  20  Pfennig  pro  Woche,  d.  h.  in  6  Jahren  also  zu  einer  Reichstagswahl  62  Mark.  Was
giebt  der  Leser?  Fast  nichts.  Hierdurch  kann  die  Sozialdemokratie  viele  Agitatoren  re.  unterhalten,  große
Gewerkschaftshäuser  bauen,  wo  die  Herren  nur  auf  den  Knopf  drücken,  um  die  Arbeiter  antreten  zu  lassen
und  bald  hier,  bald  dort  einen  Streik  zu  veranlassen.  Kann  durch  das  Verhetzen  die  Lage  der  Arbeiter
dauernd  gebessert  werden?  oder  werden  dadurch  nur  die  allgemeinen  Verhältnisse  in  die  Höhe  getrieben?
z.  B.  die  jetzige  Wohnungsnoth,  ist  der  Kapitalmarkt  allein  daran  Schuld  oder  auch  die  lautesten  Schreier
über  die  Wohnungsnoth?  Ein  Bau,  welcher  vor  15  Jahren  40  000  Mark  Arbeitslohn  kostete,  kostet  heute
65000  Mk.,  dazu  kommt,  daß  ein  Maurer  damals  700  bis  800  Steine  an  einem  Tage  vermauerte,  heute
aber  nur  300  bis  400  Steine,  d.  h.  eine  Verdopplung  des  hohen  Lohnes:  also  ein  Bau,  welcher  früher
40000  Mark  kostete,  erfordert  heute  130  000  Mark  Arbeitslohn.  Die  Folge  davon  ist.  daß  cs  sich  für
Niemand  mehr  lohnt,  Arbeiterwohnungen  zu  bauen.  Das  sind  die  Folgen  der  Hetzereien.
Wenn  der  Freisinn  die  Majorität  in  Preußen  hätte,  würden  die  Beamten  den  Unterschied  fühlen:
keine  Gehaltszulagen,  keine  Pension,  das  ist  des  Freisinnigen  Prinzip.  Wie  der  preußische  Kultusminister
            
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