Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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anderthalb  Jahren  Gefängnis  verurteilt  wurde.  Eine  am  23.  Januar  im
Saal  der  Brauerei  Friedrichshain  abgehaltene  Versammlung,  die  sich
gleichfalls  mit  der  Notstandsfrage  befaßte,  verfiel  der  polizeilichen  Auflösung. ­
  Außer  etlichen  kleinen  Abhilfsmaßnahmen  städtischer  Behörden
geschah  nichts,  dem  Notstand  zu  Leibe  zu  gehen.  Zum  Glück  für  die
Arbeiter  brachte  endlich  das  Jahr  1895  einen  Llmschwung  im  Geschäftsgang, ­
  und  für  etliche  Zeit  war  die  Arbeiterschaft  Berlins  jeder  größeren
Sorge  für  Arbeitslose  ledig  und  konnte  den  nun  eingetretenen  und  fünf
Jahre  währenden  industriellen  Aufschwung  zum  Ausbau  ihrer  Organisationen
ausnutzen.  Als  dann  im  Jahre  1900  wiederum  der  Rückschlag  kam,  fand
er  die  organisierten  Arbeiter  in  der  Lage,  eine  gute  Weile  selbst  für  ihre
Beschäftigungslosen  zu  sorgen.  Anfang  1901  —  am  21.  Januar  —
hielten  die  Metallarbeiter  Berlins  eine  Arbeitslosenversammlung  ab,  der
am  3.  September  1901  eine  zweite  Versammlung  Arbeitsloser  dieses  Berufs
folgte.  Am  18.  November  des  gleichen  Jahres,  vormittags,  fanden  in
Berlin  acht  allgemeine  Arbeitslosenversammlungen  statt,  die  sämtlich  sehr
stark  besucht  waren,  und  im  Anschluß  daran  in  den  nächsten  Tagen  noch
Arbeitslosenversammlungen  in  Nachbarorten.  Auch  die  ersten  Monate  des
Jahres  1902  brachten  noch  einige  solcher  Versammlungen,  dann  aberzeigten
sich  Spuren  einer  erneuten  Besserung  des  Geschäftsganges  und  so  ward
von  Fortsetzung  dieser  Agitation  Abstand  genommen.  Ohne  daß  wirklicher
Notstand  vorlag,  veranstaltete  man  keine  Notstandsagitation.
Was  der  Arbeiterschaft  Berlins  fernerhin  wiederholt  Anlaß  zu  Protestdemonstrationen ­
  gab,  war  die  Verteuerung  der  Lebensmittel  durch  die
agrarische  Zollpolitik  und  sonstige  agrarpolitische  Maßnahmen  der
Reichs-  und  Staatsbehörden.  Im  Jahre  1891  stiegen  die  Getreidepreise
auf  eine  Löhe,  die  sie  seit  Mitte  der  siebziger  Jahre  nicht  gehabt  hatten.
Am  16.  Januar  forderten  eine  große,  auf  Tivoli  abgehaltene  Volksversammlung ­
  und  am  5.  Juni  acht  nicht  minder  stark  besuchte  Volksversammlungen ­
  Außerkraftsetzung  der  Getreidezölle,  die  wie  eine  Kopfsteuer  die
ärmeren  Volksklassen  bedrückten.  Die  Caprivischen  Landelsverträge  brachten
zwar  nicht  die  Beseitigung,  aber  immerhin  eine  Ermäßigung  der  Getreidezölle, ­
  und  im  übrigen  sorgten  bessere  Ernten  für  niedrigere  Preise,  wie
auf  dem  Weltmarkt,  so  auch  proportionell  in  Deutschland.
Erst  als  im  Jahre  1898  die  von  den  Agrariern  auf  Grund  von  Übertreibungen ­
  der  Seuchengefahr  durchgesetzte  verstärkte  Grenzsperre  gegen
die  Vieheinfuhr  zu  einer  erheblichen  Verteuerung  gerade  der  Fleischnahrung
der  kleinen  Leute,  des  Schweinefleisches,  gefiihrt  hatte,  regte  sich  die
Arbeiterklasse  Berlins  von  neuem  zum  Protest,  und  am  26.  Oktober'1898
demonstrierten  in  zwei  großen  Versammlungen  die  Arbeiterfrauen  Berlins,
am  8.  November  die  Arbeiterfrauen  Schönebergs  gegen  die  künstliche
Fleischverteuerung.
Das  Jahr  1900,  das  den  Löhe-  und  Wendepunkt  einer  wirtschaftlichen ­
  Prosperitätsperiode  von  ungewöhnlich  langer  Dauer  bildete,  trieb
auch  zwei  Begleiterscheinungen  solcher  Aufschwungsperioden  auf  ihre  Löhe:
Teuerung  der  Wohnungen  bezw.  Mangel  an  Wohnungen  für  die
Arbeiterklasse  und  Teuerung  notwendiger  Lebensmittel,  wozu  in  neuerer
Zeit  noch  die  Verteuerung  des  wichtigsten  Leizmaterials,  der  Kohle,
kommt.  Der  durch  die  Zölle  in  monopolähnliche  Lage  versetzte  Grundbesitz
            
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