Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

93  und  94.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  für  den  Wahlkreis  Teltow-Beeskow-
Storkow-Charlottenburg

Ein  ernstes  Wort  m  letzter  Stande!
Mahler  des  Wahlkreises
Teltow  Keeskow-StorkowCharLotteirkurg!

Der  Tag  der  Entscheidung  stehs  bevor.  .  Am  Dienstag
den  18.  Juni  sollt  Ihr  durch  Eure  Stimmabgabe  er.
klären,  wen  Ihr  sür  würdig  erachtet,  für  di-  nächsten  fünf
Jahre  den  größten  Wahlkreis  im  deutschen  Reichstage  zu
vertreten.
Soll  di-  Gesetzgebung  loeiter  im  Dienst  der  Agrarier
und  der  Grobkapitalisten  stehen  oder  sollen  endlich  Ges-ne
J»  Gunsten  der  Gesamtheit,  Gesetze  im  Interesse
r>cs  arbeitenden  Volkes  geschossen  werden?  Das  Wohl
und  Wehe  des  deutschen  Volker  hängt  von  der  Gesetz,
gebnng  ab.
Ein  einziges  Gesetz  kann  Sunderttansende  brotlos
niaiben.  kann  Millionen  schwer  schädigen,  nur  damit  eine
La-  dvoll  Besitzender  sich  die  Taschen  süllt.  Tie  Höhe  der
i!cbeusmittclprcise,  die  Höhe  der  Stenern,  Freiheiten
und  Siechte  des  Volkes,  der  Geschäftsgang  der  Industrie ­
  und  des  Handels  —  die  Existenz  und  somit
das  Wohlergehen  eines  je!»-»  einzelnen  hängen  von
den  Gesetzen  ab.  die  im  neuen  Reichstage  zustande  komnien.
Deshalb  muß  sich  ein  jeder,  dem  sein  eigenes
Wohl  und  das  Wohl  seiner  Familie  am  Herzen
liegt,  fragen:
Wen  mahle  ich?
Vier  Kandidaten  sind  es.  die  sich  Euch  präsentiert
haben.  Die  Konservativen  schlagen  Euch  vor.  einen  Mann
zu  wählen,  der  den  weitesten  Kreisen  unbekannt  ist,  einen
Mann.  der  zu  seiner  Empfehlung  nur  anzuführen  weiß,
daß  er  sich  durch  Tüchtigkeit  und  Fleiß  zu  bescheidene»,
Wohlstand  in  treuer  Arbeit  eniporgerungeu  habe,  daß  er
unabhängig  sei  und  daß  er  sich  gern  und  mit  Stolz  an
seine  Dienstzeit  bei  der  Garde  erinnere,  und  der  im  übrigen
Len  sogenannten  Mittelstand  zu  retten  verspricht.
Durch  dies  Versprechen  glaubt  der  konservative
Kandidat  die  Geschäftsleute  einsangen  zu  können.  -In
Wirklichkeit  aber  giebt  es  nur  ein  Mittel,  den  kleinen
*  Leuten  zu  helfen,  das  ist  die  Verringerung  der  Steuerlasten. ­
  Der  Kandidat  der  Konservativen  trägt  mit  die
Verantwortung  dafür,  daß  dem  Volke  immer  neue  Lasten
aufgebürdet  und  daß  die  Lebensrnittel  immer  mehr
verteuert  werden.  Wer  es  wirklich  ernst  mit  den  kleinen
Leuten  meint,  der  muß  dafür  sorgen,  daß  die  Arbeiterschaft
kaufkräftiger  wird.  Wer  aber  für  höhere  Steuern,  für
Vermehrung  der  Heeres-  und  Flottenausgaben  eintritt,
der  trägt  zur  Verarmung  der  Massen  bei  und  meint  es
nun  und  'nimmer  ernst  mit  seinen  Versprechungen,  dem
Mittelstand  zu  helfen.
Der  Kandidat  der  Freisinnigen  Volkspartei  hat  sich
kaum  die  Mühe  genommen,  sich  den  Wählern  vorzustellen,
er  glaubt  selbst  nicht  an  seinen  Sieg.  Und  in  der  Tat
kann  niemand,  dem  das  Wohl  der  Gesaintheit  am  Herzen
liegt,  für  ein  Mitglied  derjenigen  Partei  eintreten,  die  der
Sozialdemokratie  in  ihrem  Kampfe  gegen  den  Zolltarif ­
  to  den  Rucken  gefallen  ist  und  dadurch  den

Sieg  der  DolksauSbeuter  herbeigeführt  hat.  Die
Freisinnige  Volkspartei  hat  besonders  in  der»letzten
Neichstagssession  eine  so  traurige  Rotte  gespielt,  daß
kein  deutscher  Arbeiter,  ja  überhaupt  kein  Mann,  der  noch
einen  Funken  demokratischer  Gesinnung  besitzt,  ihren  Kandidaten ­
  wählen  kann.
Auch  der  uationallibcrale  Kandidat  kann  unmöglich
die  Stimme  eines  denkenden  Arbeiters,  Beamten,  Handwerkers ­
  oder  kleinen  Geschäftsrnannes  erhalten.  Die
nationalliberale  Partei  ist  die  Vertreterin  nackter  Nuternehmerinteressen,
  sie  hat  jeden  Verrat  des  Reichstages ­
  an  den  Rechten  des  Volkes,  jedes  Attentat
ans  die  werktätige  Bevölkerung  gern  und.  freudig
mitgemacht,  sie  hat  ihre  liberale  Vergangenhell  längst  verleugnet ­
  und  stimmt  mit  Hurrah  für  alle  Hecrcö-  und
Flotte,rvorlagcn,  für  neue  Lcbenömittelzölle,  wie  sie
dann  auch  Arm  in  Arin  mit  den  Junkern  und  Pfaffen
die  Redefreiheit  im  deutschen  Reichstage  unterdrückt
und  der  Regierung  gehorsamst  den  Wnchcrtarif  apportiert
  hat.
Die  Interessen  der  Gesamtheit  werden  einzig
und  allein  wahrgenommen  von  der  Sozialdemokratie, ­
  deren  Kandidat  •
Stadtverordneter
Fritz  3nUnl--Berlin
den  Wahlkreis  Teltow  -  Beeökow  °  Storkow  -  Eharlottcnburg
bereits  seit  einem  Jahrzehnt  im  Reichstage  vertreten  hat
und  unter  Hintansetzung  seiner  eigenen  Person  stets  mannhaft ­
  und  unerschrocken.  für  das  Wohl  des  Volkes  gekänrpft
  hat.
Die  Sozialdemokratie  ist  die
Partei  des  gesamten  werktätigen
Volkes!
.  Ein  Mann  ans  dem  arbeitenden  Volke,  der
ferne  Interessen  wahrnehmen  will,  kann  nur  einen
Sozialdemokraten  wählen..
.  Die  Sozialdemokratie  allein  kämpft  mit  Entschiedenheit ­
  gegen  die  wahnsinnigen  Ausgaben  für
Militarismus  und  Marinisrnris!
Die  Sozialdemokratie  ist  der  beste  Schntzdamrn
gegen  die  Gelüste  der  Beutepolitikcr!
Die  Sozialdemokratie  ist  die  Partei  der
Arbeiter,  sowohl  der  Industrie-  und  Landarbeiter  als
auch  der  kleinen  Handwerker,  Geschäftsleute  und
Landleute.  ..
Die  Sozialdemokratie  hat  sich  auch  der  niederes
Beamten  stets  mit  aller  Entschiedenheit  angenommen.
            
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