100 und 101. Allgemeines sozialdemokratisches Flugblatt an die Wähler der
dritten Abteilung
Aus zur Stadtoerordnetenwahl!
Wähler der 3. Abteilung!
Noch einmal wenden wir unS an Euch,
Arbeiter, Handwerker, Kleingewerbetreibende,
die Ihr nicht daS Glück habt, durch die Größe
Eures Geldbeutels in der ersten oder zweitenAbteilung.
wählen zu dürsen, die Ihr aber desto
mehr durch Eure Arbeit, Euren Fleiß und Eure
Intelligenz zur Erhaltung des GcmeindewcscnS
beitraget. Noch einmal wollen wir Euch mahnen,
Euer einziges Hecht, das Ihr in der Gemeinde
habt, zu wahren. Jeder mache es sich zur
Pflicht, »m Sonnabend sein Wahlrecht auszuüben!
Wer der geeignetste Kandidat für die Wähler
der dritten Abteilung ist, das sollte eigentlich
nicht mehr zweifelhaft sein, Drei Parteien ringen
um den Besitz der Mandate:
1. die im bürgerlichen Wahlausschuß vereinigten
Gegner eines jeder» Fortschritts'in
unserm Staats- und Gemeindelcben;
2. die Liberalen:
3. die Sozialdemokratie.
Kann ein Wähler der dritte» Abteilung
cineni Kandidaten des vereinigten bürgerlichen
Mahlauvschulses die Stimme geben?
Darauf gibt es nur eine Antwort:- Pein!
Die Kandidaten des vereinigten bürgerlichen
Wahlausschusses, an deren Spitze der Rcicholjigenurrband
und der Dans- und Grundbesitze
rvcrrin stehen,, werde:» nur die Interessen
der Besitzenden vertreten.
Sie sind dagegen, daß den Steuerzahlern
ei» gerechtes Wahlrecht gegeben wird!
sic sind dagegen, daß den minderbemittelten
Bevölkerungsklassen das Recht gegeben wird,
mitzureden über das Wohl des Ecmrindewesens;
sie sind gegen alle Einrichtungen, die der
allgemeinen Kolkswohlfiihrt dienen solle»!
sie sind für eine weitere Einschränkung de»
Mahirechts (Herabsetzung der,Wahlzeit)!
sie sind wohl zu finden, wenn eS sich um
die Erhöhung der Gehälter der höheren Keamten'
handelt, dagegen wird der Daum auf
jeden Groschen gedrückt, der den »uteren Beamten
und den Arbeitern gegeben werden soll',
sie treten in allererster Linie stets für die
Interessen der Haus- und Grundbesitzer ein
und stellen die Interessen der übrigen Einwohnec
hintenan.
Solchen Männern, und wenn sie auch das
Klaue vam Himmel herunter versprechen und
erklären, ein „warmes Herz" zur die Mruderbemittelten
zu haben, könnt Ihr unmöglich Eure
Stimnre gcticn.
Kann denn nun ein Wähler der dritten Abteilung
einem Kandidaten der „Liberalen" seine
Stimme geben?
At:ch hier lautet die Antwort: Nein!
Die „Liberalen" treten in diesem Wahlkampf
zum ersten Mal selbständig auf. Früher haben
dieselben Leute Hand in Hand mit ihren reaktionären
Freunden der übrigen bürgerlichen Parteien
gearbeitet, um der Sozialdemokratie entgegenzutreten,-
Die „Liberalen" glauben, daß für sic jetzt
in Schöneberg der Zeitpunkt gekommen ist, uin
die Herrschaft im Stadtparlament, von. ihren bürgerlichen
Freunde,t zu übernehmen und allein zu
führen. Durch weitgehende Versprechungen
und hochtönende Worte suchen sie auch die
minderbemittelten Bevölkerungsschichten für sich zu
ge:vi:nien, Fn den rosigsten Farben wird den
Wählern vargcmalt, was alles von, den „Liberalen"
getan wird, und wieviel mehr sie noch tun werden,
Ivenn sic erst an der. Herrschaft sind.
Wer die Entwicklungsgeschichte der .Liberalen
auch nur einigermaßen kennt, der wird sich sofort
darüber klar sein, daß die großen Versprechungen
der „Liberalen" niemals gehalten werden. Die
„Liberalen werden, wenn sie erst über die Majorität
in unserem Stadlpartament versügen, genau so,
wie sie cs in anderen Städten tun, die Interessen
der unteren Bevölkerungsklassen hinter die
Interessen der Besitzenden stellen,
Ein oberflächlicher Blick aus die Kandidatenliste
. der Liberalen zeigt uns das mit aller
Dcullichkcil, Sind diese Männer wirklich im
Stande, Eure Interessen zu vertreten?
Kanu von einem „Liberalen", der erklärt,
daß' die Rechte der Hausbesitzer unantastbar
sein solle», verlangt werden, daß er in wirksamer
Weise für die -Mieter eintritt?
Kann man zu einem „Liberalen", der vor
kurzer Zeit noch Mitglied der so sehr verschriene«
Hausbcscherfraktiorr war, denn
wirklich Vertrauen haben?
Arbeiter, Handwerker, Parteigenossen l
Ihr, die Ihr Euch alle in schwerer Arbeit das
Notdürftigste zum Leben erringen müßt: Ihr,
die Ihr jahraus jahrein im Dienste des Kapitals
fronen müßt', Ihr, die Ihr durch Eurer Hände
Arbeit alle Reichtümer und Werte schasst, Ihr
könnt nur einem Soziaidemokraten Eure