Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

100  und  101.  Allgemeines  sozialdemokratisches  Flugblatt  an  die  Wähler  der
dritten  Abteilung

Aus  zur  Stadtoerordnetenwahl!
Wähler  der  3.  Abteilung!

Noch  einmal  wenden  wir  unS  an  Euch,
Arbeiter,  Handwerker,  Kleingewerbetreibende,
die  Ihr  nicht  daS  Glück  habt,  durch  die  Größe
Eures  Geldbeutels  in  der  ersten  oder  zweitenAbteilung.
  wählen  zu  dürsen,  die  Ihr  aber  desto
mehr  durch  Eure  Arbeit,  Euren  Fleiß  und  Eure
Intelligenz  zur  Erhaltung  des  GcmeindewcscnS
beitraget.  Noch  einmal  wollen  wir  Euch  mahnen,
Euer  einziges  Hecht,  das  Ihr  in  der  Gemeinde
habt,  zu  wahren.  Jeder  mache  es  sich  zur
Pflicht,  »m  Sonnabend  sein  Wahlrecht  auszuüben! ­

Wer  der  geeignetste  Kandidat  für  die  Wähler
der  dritten  Abteilung  ist,  das  sollte  eigentlich
nicht  mehr  zweifelhaft  sein,  Drei  Parteien  ringen
um  den  Besitz  der  Mandate:
1.  die  im  bürgerlichen  Wahlausschuß  vereinigten ­
  Gegner  eines  jeder»  Fortschritts'in
unserm  Staats-  und  Gemeindelcben;
2.  die  Liberalen:
3.  die  Sozialdemokratie.
Kann  ein  Wähler  der  dritte»  Abteilung
cineni  Kandidaten  des  vereinigten  bürgerlichen
Mahlauvschulses  die  Stimme  geben?
Darauf  gibt  es  nur  eine  Antwort:-  Pein!
Die  Kandidaten  des  vereinigten  bürgerlichen
Wahlausschusses,  an  deren  Spitze  der  Rcicholjigenurrband
  und  der  Dans-  und  Grundbesitze ­
  rvcrrin  stehen,,  werde:»  nur  die  Interessen
der  Besitzenden  vertreten.
Sie  sind  dagegen,  daß  den  Steuerzahlern
ei»  gerechtes  Wahlrecht  gegeben  wird!
sic  sind  dagegen,  daß  den  minderbemittelten
Bevölkerungsklassen  das  Recht  gegeben  wird,
mitzureden  über  das  Wohl  des  Ecmrindewesens;

sie  sind  gegen  alle  Einrichtungen,  die  der
allgemeinen  Kolkswohlfiihrt  dienen  solle»!
sie  sind  für  eine  weitere  Einschränkung  de»
Mahirechts  (Herabsetzung  der,Wahlzeit)!
sie  sind  wohl  zu  finden,  wenn  eS  sich  um
die  Erhöhung  der  Gehälter  der  höheren  Keamten'
  handelt,  dagegen  wird  der  Daum  auf
jeden  Groschen  gedrückt,  der  den  »uteren  Beamten ­
  und  den  Arbeitern  gegeben  werden  soll',
sie  treten  in  allererster  Linie  stets  für  die
Interessen  der  Haus-  und  Grundbesitzer  ein
und  stellen  die  Interessen  der  übrigen  Einwohnec
  hintenan.
Solchen  Männern,  und  wenn  sie  auch  das
Klaue  vam  Himmel  herunter  versprechen  und

erklären,  ein  „warmes  Herz"  zur  die  Mruderbemittelten
  zu  haben,  könnt  Ihr  unmöglich  Eure
Stimnre  gcticn.
Kann  denn  nun  ein  Wähler  der  dritten  Abteilung ­
  einem  Kandidaten  der  „Liberalen"  seine
Stimme  geben?
At:ch  hier  lautet  die  Antwort:  Nein!
Die  „Liberalen"  treten  in  diesem  Wahlkampf
zum  ersten  Mal  selbständig  auf.  Früher  haben
dieselben  Leute  Hand  in  Hand  mit  ihren  reaktionären ­
  Freunden  der  übrigen  bürgerlichen  Parteien
gearbeitet,  um  der  Sozialdemokratie  entgegenzutreten,- ­
  Die  „Liberalen"  glauben,  daß  für  sic  jetzt
in  Schöneberg  der  Zeitpunkt  gekommen  ist,  uin
die  Herrschaft  im  Stadtparlament,  von.  ihren  bürgerlichen ­
  Freunde,t  zu  übernehmen  und  allein  zu
führen.  Durch  weitgehende  Versprechungen
und  hochtönende  Worte  suchen  sie  auch  die
minderbemittelten  Bevölkerungsschichten  für  sich  zu
ge:vi:nien,  Fn  den  rosigsten  Farben  wird  den
Wählern  vargcmalt,  was  alles  von,  den  „Liberalen"
getan  wird,  und  wieviel  mehr  sie  noch  tun  werden,
Ivenn  sic  erst  an  der.  Herrschaft  sind.
Wer  die  Entwicklungsgeschichte  der  .Liberalen
auch  nur  einigermaßen  kennt,  der  wird  sich  sofort
darüber  klar  sein,  daß  die  großen  Versprechungen
der  „Liberalen"  niemals  gehalten  werden.  Die
„Liberalen  werden,  wenn  sie  erst  über  die  Majorität
in  unserem  Stadlpartament  versügen,  genau  so,
wie  sie  cs  in  anderen  Städten  tun,  die  Interessen
der  unteren  Bevölkerungsklassen  hinter  die
Interessen  der  Besitzenden  stellen,
Ein  oberflächlicher  Blick  aus  die  Kandidatenliste ­
  .  der  Liberalen  zeigt  uns  das  mit  aller
Dcullichkcil,  Sind  diese  Männer  wirklich  im
Stande,  Eure  Interessen  zu  vertreten?
Kanu  von  einem  „Liberalen",  der  erklärt,
daß'  die  Rechte  der  Hausbesitzer  unantastbar
sein  solle»,  verlangt  werden,  daß  er  in  wirksamer
Weise  für  die  -Mieter  eintritt?
Kann  man  zu  einem  „Liberalen",  der  vor
kurzer  Zeit  noch  Mitglied  der  so  sehr  verschriene« ­
  Hausbcscherfraktiorr  war,  denn
wirklich  Vertrauen  haben?
Arbeiter,  Handwerker,  Parteigenossen  l
Ihr,  die  Ihr  Euch  alle  in  schwerer  Arbeit  das
Notdürftigste  zum  Leben  erringen  müßt:  Ihr,
die  Ihr  jahraus  jahrein  im  Dienste  des  Kapitals
fronen  müßt',  Ihr,  die  Ihr  durch  Eurer  Hände
Arbeit  alle  Reichtümer  und  Werte  schasst,  Ihr
könnt  nur  einem  Soziaidemokraten  Eure
            
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