Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

222

b)  Die  sozialdemokratische  Vertretung  in  den  Vororten.
Wenn  aber  in  Berlin  nicht  einmal  die  Eroberung  aller  Mandate  der
dritten  Wählerklaffe  zu  erreichen  war,  so  ist  dies  Werk  dagegen  in  einer
Anzahl  von  Vororten  Berlins  möglich  gewesen.  Dort  liegen  eben  die
Dinge  einfach  so,  wie  sie  in  Berlin  in  den  Stadtvierteln  des  Nordens,
Nordostens,  Ostens,  Südostens  und  zum  Teil  noch  des  Südens  und  des
Nordwestens  beschaffen  sind:  die  Arbeiterschaft  bildet  die  erdrückende
Mehrheit  der  Bevölkerung.  Sobald  einmal  das  Eis  gebrochen  war  und
die  Sozialdemokratie  in  den  Vororten  dem  Beispiel  Berlins  folgte  und  den
Kampf  um  die  Vertretung  in  der  Gemeinde  aufnahm,  wurden  —  mit
wenigen  Ausnahmen,  die  sich  durch  Veränderungen  in  der  Zusammensetzung ­
  der  Bevöllerung  erklären  —  daher  auch  hier  von  Wahl  zu  Wahl
bessere  Erfolge  erzielt.
Man  darf  jedoch  nicht  meinen,  daß  das  Verhältnis  der  Arbeiterwähler ­
  zu  den  bürgerlichen  Wählern  allein  schon  die  Aussichten  der
Wahl  bestimmt.  In  den  kleinen  Ortschaften  war  ursprünglich  überall
—  und  ist  verschiedentlich  selbst  heute  noch  —  die  große  Mehrheit  der  Arbeiterschaft ­
  so  verschüchtert  und  der  politischen  Selbständigkeit  so  ungewohnt,
daß  sie  sich  nur  sehr  schwer  dazu  bewegen  ließ,  ihre  Stimmen  für  sozialdemokratische ­
  Kandidaten  oder  auch  nur  für  einfache  Arbeiterkandidaten  abzugeben. ­
  In  kleinen  Gemeinden  kann  sich  die  ökonomische  Übermacht  eben
ganz  anders  geltend  machen  als  in  der  Großstadt,  und  so  hat  denn
di«  Vorschrift  der  öffentlichen  Stimmabgabe  hier  auch  zumeist  eine  weit
größere  Beschränkung  der  Wahlfteiheit  zur  Folge.  Ferner  ist  in  den
kleinen  Ortschaften,  die  unterhalb  einer  gewissen  Bevölkerungszahl  bleiben,
von  kommunalem  Leben  so  wenig  zu  spüren,  daß  der  Antrieb  der  Arbeiter,
an  ihm  teilzunehmen,  meist  auch  nur  ein  sehr  geringer  ist.  Das  Lerkommen
beherrscht  die  Geister,  nur  ausnahmsweise  und  nur  in  kleinen  unauffälligen
Dosen  wird  an  ihm  geändert.  Das  lähmt  die  Gemüter,  und  viel  besser
stand  es  auch  lange  Zeit  selbst  in  der  Masse  der  oberhalb  der  Linie  befindlichen ­
  Gemeinden  nicht.  Kurz,  es  wäre  durchaus  irrig,  anzunehmen,
daß  in  den  Vorortsgemeinden  mit  überwiegender  Arbeiterbevölkerung  die
Arbeit  für  die  Vertretung  in  der  Gemeinde  von  vornherein  eine  leichtere
gewesen  sei.  Sie  war  im  Gegenteil  vielfach  eine  sehr  viel  schwerere,  als  in  Berlin.
Viel  Intelligenz  und  Verwaltungsarbeit  wirkt  unauffällig  an  kleinen  Orten,  die
abseits  vom  Verkehr  liegen,  oder  hat  den  Grund  zu  Vertretungen  gelegt,
die  dann,  nachdem  die  betreffenden  Gemeinden  stärkere  Bevölkerung  erhalten ­
  hatten,  auch  eine  bedeutende  Wirkung  ausüben  konnten.  Man  begreift
  aber  ohne  weiteres,  daß  es  nicht  angeht,  diese  Entwicklung  nun  für
jeden  in  Betracht  kommenden  Ort  im  einzelnen  hier  vorzuführen.  Es  muß
dem  Leser  anheimgestellt  werden,  was  mit  den  Unterschieden,  wie  sie  durch  die
Größe  der  Orte  und  die  soziale  Gliederung  ihrer  Bewohner  gegeben  sind,
für  alle  Orte  ohne  Ausnahme  gilt,  auf  jeden  einzelnen  anzuwenden.
Überall  hat  man  klein  angefangen,  anfänglich  Niederlagen  und  gelegentlich
auch  einmal  Rückschläge  erlitten,  überall  mußte  ein  mühsames  Erziehunzswerk ­
  geleistet  werden,  und  wo  immer  nur  Mitgliedschaften  der  Sozialdemokratie ­
  von  einiger  Stärke  bestanden,  ist  es  geleistet  worden.  So
konnten  denn,  am  Abschluß  unserer  Epoche,  d.  h.,  da  die  Landgemeinden
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.