Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Ziel  eine  durchgreifende  Reform  des  Gewerbes  war.  Aber  schon  die  Wahl
Berlins  für  den  Sitz  der  Fünferkommission  zeigte,  wie  sehr  man  sich
bewußt  war,  daß  hier  der  Lauptkampf  geführt  werden  mußte.  Denn  hier
handelte  es  sich  um  ein  Leer  von  etwa  50000  Konfektionsarbeitern.
Nur  erst  ein  sehr  kleiner  Teil  dieser  Arbeiter,  von  denen  mehr  als
70  Prozent  Frauen  und  Mädchen  waren,  waren  gewerkschaftlich  organisiert.
Ende  1894  gehörten  im  ganzen  550,  Ende  1895,  nach  all  der  Agitation,
kaum  mehr  als  800  Schneiderei-Arbeiter  Berlins  der  auf  dem  Boden  des
Klasscnkampfes  stehenden  Gewerkschaftsbewegung  an.  Die  große  Mehrheit
davon  —  gegen  700  —  finden  wir  in  der  Ortsstelle  des  deutschen  Schneiderverbandes, ­
  während  der  lokalistische  Verein  der  Maß-  und  Konfektionsfchneider
  Berlins  ungefähr  100  Mitglieder  zählte.  Rechnen  wir  zu  diesen
zwei  Gruppen  noch  etwa  400  im  Berliner  Ortsverein  des  Lirschschen
Gewerkvereins  organisierte  Schneider  hinzu,  so  erhalten  wir  eine  Gesamtziffer
von  1200  Organisierten,  kaum  2 1 / 2  Prozent  der  Beschäftigten.  Da  aber  ein
erheblicher  Teil  der  Organisierten  Maßschneider  waren,  kommt  für  die
Konfektionsschneider  eine  noch  geringere  Prozentzahl  Organisierter  heraus.
Die  Arbeiterinnen,  die  in  der  Konfcklionsschneiderei  die  große  Mehrheit
ausmachen,  waren  in  den  Organisationen  überall  die  Minderheit.
Das  läßt  erkennen,  wie  große  Schwierigkeiten  im  Kampfe  zu  überwinden ­
  waren.  Die  kleine  Schar  bewußter  Kämpfer  hatte  eine  ganze  Armee
von  Arbeitern,  die  bisher  sich  als  ein  jeder  Verbindung  widerstrebendes,  in
der  Vereinzelung  kampfungewohntes  und  meist  sogar  kampfunlustiges  Element
erwiesen  hatten,  für  einen  bedeutungsvollen  Kampf  zu  gewinnen  und  zu
organisieren.  Ein  Werk,  das  in  der  Millionenstadt  mit  ihren  weitschichtigen
Verhältnissen  sehr  viel  schwerer  durchzuführen  war  als  in  kleineren
Städten,  wo  sich  die  Dinge  leicht  übersehen  und  einmal  angeknüpfte
Verbindungen  leicht  festhalten  lassen.  Indes  ward  die  Arbeit  mit  frischem
Mut  aufgenommen  und  keine  Mühe  gescheut,  sie  zu  bewältigen.  Unablässig
ward  für  den  Kampf  geworben,  und  schon  Ende  Dezember  1895  legte  Timm
für  die  Agitationskommission  der  Berliner  Schneider  einer  stark  besuchten
Versammlung  von  Meistern  der  Damenmäntelkonfektion  den  Entwurf  eines
neuen  und  detailliert  ausgearbeiteten  Tarifs  vor.  Er  begegnete  verschiedenen
Ausstellungen,  und  es  erhielt  nach  eingehender  Debatte  ein  Komitee  von
Vertretern  der  verschiedenen  Unterabteilungen  der  Mäntelkonfektion  den
Auftrag,  mit  der  Agitationskommission  der  Arbeiter  die  einzelnen  Punkte
noch  einmal  durchzuberaten.  Gegen  Mitte  Januar  1896  ward  dann  der
Tarif  in  der  Form  publiziert,  in  der  er  den  Fabrikanten  unterbreitet  werden
sollte,  am  20.  Januar  fanden  die  gemäß  dem  Aktionsplan  beschlossenen
Massenversammlungen  statt,  während  die  Verbreitung  des  ersten  Flugblattes
am  26.  Januar  erfolgte.
In  Berlin  waren  auf  den  20.  Januar  sechs  Versammlungen  einberufen
worden,  deren  Besuch  alle  Erwartungen  übertraf.  Die  Agitationsarbeit
hatte  ihre  Früchte  getragen,  auf  gut  10000  Personen  ward  die  Zahl  der
Teilnehmer  geschätzt.  Mit  einer  Ausnahme  erwiesen  sich  die  gewählten
Säle  als  zu  klein,  die  andrängenden  Besucher  zu  fassen.  Die  Referate  von
Ottilie  Baader,  L.  Bohne,  Pfeiffer,  Ad.  Schulz,  I.  Timm  und
A.  Zander  wurden  mit  gespanntestem  Interesse  entgegengenommen,  bei
der  Schilderung  des  Elends  der  Lausarbeit  brach  in  einigen  der  Ver-
            
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