Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

300 
waren. Es fanden sich etwa 200 bis 250 Meister ein, denen Timm als 
Referent für die Arbeiter deren Forderungen so sachlich und eindringlich 
wie nur möglich auseinandersetzte. Aber die Meister wollten davon nichts 
hören. Schon während Timm sprach, unterbrachen höhnische Zwischen 
bemerkungen seine Ausführungen, und gleich der erste Meister, ein Schneider 
Flügge, der nach ihm sprach, ließ seine Gegenrede, deren Laupttrumpf der 
Linweis auf die unbesiegbare Konkurrenz war, in die Ermahnung an seine 
Kollegen auskaufen: „Lehnen Sie den Antrag ab, lassen Sie die Arbeiter 
machen, was sie wollen." Ein als Antisemit bekannter anderer Meister 
namens Volk mann erklärte die Forderungen der Arbeiter für unannehmbar, 
weil sie den heiligen Mittelstand schädigen würden, und würzte diese Be 
hauptung durch Verdächtigung der gewerkschaftlichen Vertreter der Arbeiter. 
Aber auch denjenigen Meistern, die sich weniger schroff ausdrückten, war der 
Tarif zu hoch, und als es dann zur Abstimmung kam, erhob nicht ein 
Meister die Land für den Tarif. Das gleiche geschah mit den Forderungen: 
Einrichtung von Betriebswcrkstätten, Einsetzung einer paritätischen Lohn 
kommission und Anerkennung des Arbeitsnachweises der Arbeiter. And 
wenn hierbei schon jedesmal ein Teil der Meister seine schlechten Witze riß, 
so ward die Abstimmung über die so berechtigte Forderung einer Begrenzung 
der Wartefrist beim Abholen und Abliefern von Arbeit von ihnen direkt 
als ein Alk betrachtet. Anter höhnischen Redensarten erhoben eine Anzahl 
ihre Lände, so daß man ihr Ja nicht für ernst nehmen konnte. Der Vor 
sitzende, Ad. Schulz, konnte nur feststellen, daß die anwesenden Meister die 
Forderungen der Arbeiter abgelehnt hätten. 
Immer stärker regte sich jedoch die öffentliche Meinung für ein Ent 
gegenkommen an diese. Angesehene Mitglieder des Berliner Gewerbe 
gerichts steckten Fühler zugunsten einer Vermittlung heraus, ein von der 
Gesellschaft für ethische Kultur gebildetes freies Komitee, dem u. a. die 
Professoren Delbrück, Förster und Schmoll er, die praktisch wirkenden 
Sozialpolitiker Dr. R. Freund und Dr. I. Iastrow, der Regierungsrat 
Dr. Sprenger und eine größere Anzahl sozialreformerisch gesinnter Frauen, 
wie Elisabeth Gnauck-Kühne, Johanna Schwerin und Fräulein Dr. 
Bluhm angehörten, bemühte sich, die Anternehmer zur Nachgiebigkeit zu 
bewegen, und trat auch an die städtischen Behörden mit dem Gesuch heran, 
in diesem Sinne ihren Einfluß geltend zu machen. Im Linblick auf diese 
Bemühungen verlängerte das Komitee der Arbeiter den Termin für die 
Antwort der Fabrikanten auf den 10. Februar — eine auch deshalb sehr 
kluge Maßregel, weil es gerade in jenem Augenblick schien, als ob das 
bekannte Telegramm Wilhelms II. an den Burenpräsidenten Krüger den 
Absatz von deutschen Konfektionswarcn nach England völlig lahmlegen 
sollte, was natürlich die Aussichten eines Kampfes der Arbeiter sehr ver 
schlechtert hätte. Indes zog diese Wolke bald wieder vorüber. 
Am 7. Februar verhandelte dann der Gewerberat Dr. Sprenger nach 
einander persönlich mit Vertrauenspersonen der Arbeiter, der Meister und 
der Fabrikanten, und am 8. Februar tagten unter seinem Vorsitz erst Ver 
treter der Fabrikanten der Lerren- und Knabenkonfektion und dann Ver 
treter der Damenmäntel-Konfektion mit der Fünferkommission der Arbeiter. 
Die Vertreter der ersteren Fabrikantenkategorie zeigten sich scheinbar ent 
gegenkommender als die Damenmäntel-Konfektionäre. Sie gaben zu, daß
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.