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waren. Es fanden sich etwa 200 bis 250 Meister ein, denen Timm als
Referent für die Arbeiter deren Forderungen so sachlich und eindringlich
wie nur möglich auseinandersetzte. Aber die Meister wollten davon nichts
hören. Schon während Timm sprach, unterbrachen höhnische Zwischen
bemerkungen seine Ausführungen, und gleich der erste Meister, ein Schneider
Flügge, der nach ihm sprach, ließ seine Gegenrede, deren Laupttrumpf der
Linweis auf die unbesiegbare Konkurrenz war, in die Ermahnung an seine
Kollegen auskaufen: „Lehnen Sie den Antrag ab, lassen Sie die Arbeiter
machen, was sie wollen." Ein als Antisemit bekannter anderer Meister
namens Volk mann erklärte die Forderungen der Arbeiter für unannehmbar,
weil sie den heiligen Mittelstand schädigen würden, und würzte diese Be
hauptung durch Verdächtigung der gewerkschaftlichen Vertreter der Arbeiter.
Aber auch denjenigen Meistern, die sich weniger schroff ausdrückten, war der
Tarif zu hoch, und als es dann zur Abstimmung kam, erhob nicht ein
Meister die Land für den Tarif. Das gleiche geschah mit den Forderungen:
Einrichtung von Betriebswcrkstätten, Einsetzung einer paritätischen Lohn
kommission und Anerkennung des Arbeitsnachweises der Arbeiter. And
wenn hierbei schon jedesmal ein Teil der Meister seine schlechten Witze riß,
so ward die Abstimmung über die so berechtigte Forderung einer Begrenzung
der Wartefrist beim Abholen und Abliefern von Arbeit von ihnen direkt
als ein Alk betrachtet. Anter höhnischen Redensarten erhoben eine Anzahl
ihre Lände, so daß man ihr Ja nicht für ernst nehmen konnte. Der Vor
sitzende, Ad. Schulz, konnte nur feststellen, daß die anwesenden Meister die
Forderungen der Arbeiter abgelehnt hätten.
Immer stärker regte sich jedoch die öffentliche Meinung für ein Ent
gegenkommen an diese. Angesehene Mitglieder des Berliner Gewerbe
gerichts steckten Fühler zugunsten einer Vermittlung heraus, ein von der
Gesellschaft für ethische Kultur gebildetes freies Komitee, dem u. a. die
Professoren Delbrück, Förster und Schmoll er, die praktisch wirkenden
Sozialpolitiker Dr. R. Freund und Dr. I. Iastrow, der Regierungsrat
Dr. Sprenger und eine größere Anzahl sozialreformerisch gesinnter Frauen,
wie Elisabeth Gnauck-Kühne, Johanna Schwerin und Fräulein Dr.
Bluhm angehörten, bemühte sich, die Anternehmer zur Nachgiebigkeit zu
bewegen, und trat auch an die städtischen Behörden mit dem Gesuch heran,
in diesem Sinne ihren Einfluß geltend zu machen. Im Linblick auf diese
Bemühungen verlängerte das Komitee der Arbeiter den Termin für die
Antwort der Fabrikanten auf den 10. Februar — eine auch deshalb sehr
kluge Maßregel, weil es gerade in jenem Augenblick schien, als ob das
bekannte Telegramm Wilhelms II. an den Burenpräsidenten Krüger den
Absatz von deutschen Konfektionswarcn nach England völlig lahmlegen
sollte, was natürlich die Aussichten eines Kampfes der Arbeiter sehr ver
schlechtert hätte. Indes zog diese Wolke bald wieder vorüber.
Am 7. Februar verhandelte dann der Gewerberat Dr. Sprenger nach
einander persönlich mit Vertrauenspersonen der Arbeiter, der Meister und
der Fabrikanten, und am 8. Februar tagten unter seinem Vorsitz erst Ver
treter der Fabrikanten der Lerren- und Knabenkonfektion und dann Ver
treter der Damenmäntel-Konfektion mit der Fünferkommission der Arbeiter.
Die Vertreter der ersteren Fabrikantenkategorie zeigten sich scheinbar ent
gegenkommender als die Damenmäntel-Konfektionäre. Sie gaben zu, daß