Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

Übelstände  im  Gewerbe  herrschten,  die  abgeändert  werden  müßten  und  erklärten ­
  sich  namentlich  bereit,  den  Forderungen  der  Arbeiter  auf  bessere
Bedienung  beim  Abliefern  und  Abholen  von  Arbeit  und  auf  paritätische
Kommissionen  für  Lohnstreitigkeiten  Rechnung  zu  tragen.  An  die  geforderte
Lohnerhöhung  wollten  sie  freilich  nicht  heran,  erkannten  aber  wenigstens  eine
gewisse  Verantwortlichkeit  der  Fabrikanten  für  die  von  den  Zwischenmeistern
gezahlten  Löhne  an.  Anders  die  Vertreter  der  Damenmäntel-Konfektion.
Ihre  Taktik  bestand  darin,  daß  sie  erklärten,  sie  zahlten  den  Zwischenmeistern
genügende  Preise,  die  Arbeiter  müßten  sich  mit  jenen  auseinandersetzen.
Nur  zu  einigen  der  formalen  Zugeständnisse,  zu  welchen  sich  die  Vertreter
der  Lerrenkonfektionäre  bereit  erklärt  hatten,  ließen  auch  sie  sich  herbei.
Diese  letzteren  sehten  sich  noch  am  gleichen  Tage  mit  einer  Versammlung ­
  ihrer  Kollegen  auseinander,  und  es  ward  eine  Resolution  beschlossen, ­
  in  der  die  Fabrikanten  dieser  Branche  erklärten,  die  Bewilligung
der  geforderten  Löhne  und  Einrichtungen  würde  bei  der  gegebenen  Geschäftslage ­
  und  der  schweren  Konkurrenz  Berlins  mit  anderen  Plätzen  die
Existenz  der  meisten  Berliner  Geschäfte  in  Frage  stellen.  In  bezug  auf
andere  Punkte  werde  eine  Kommission  der  Fabrikanten  mit  den  Zwischenmeistern ­
  unterhandeln,  den:  natürlichen  Bindeglied  —  so  hieß  es  wörtlich  —
„zwischen  dem  ünternehmer  und  dem  Arbeiter,  dein  wirklichen  Lersteller  der
Arbeit".  Die  Zwischenmeister  zu  umgehen  sei  nicht  möglich,  da  diese  nach
den  in  Berlin  herrschenden  Üsancen  „die  eigentlichen  Arbeitgeber  der  Arbeiter"
seien.  Die  Fabrikanten  hofften,  hieß  es  schließlich,  daß  die  Arbeiter  sich
durch  Vernunftgründe  überzeugen  lassen  und  nicht  auf  Forderungen  bestehen
würden,  deren  Erfüllung  außerhalb  des  Bereichs  der  Möglichkeit  liege,  und
die  daher,  wenn  auf  ihnen  verharrt  würde,  „zum  Schaden  der  Fabrikanten
und  zum  Schaden  der  Arbeiter  zum  Streik  führen  müßten".
Das  war  alles  sehr  schön  gesagt,  aber  es  konnte  den  heraufziehenden
Sturm  nicht  mehr  beschwichtigen.  Die  Arbeiter  hörten  aus  den  Beteuerungen
des  Wohlwollens  nur  das  Nein  gegenüber  ihren  Hauptforderungen  heraus,
und  da  die  Bestellungen  aus  England  mittlerweile  doch  eingelaufen  waren,
hielten  die  Führer  der  Arbeiter  sich  nicht  für  berechtigt,  die  Mion  noch
irgendwie  länger  hinauszuschieben.  Während  einer  der  einflußreichsten
LInternehmcrbeisitzer  des  Gewerbegerichts,  der  Fabrikant  O.  Weigert,
führende  Fabrikanten  der  Damenmäntel-Konfektion  persönlich  zu  etwas  mehr
Entgegenkommen  zu  bearbeiten  suchte,  erklärte  sich  schon  am  Abend  des
9.  Februar  eine  von  dem  Komitee  der  Ethiker  einberufene  Versammlung
aus  bürgerlichen  Kreisen  entschieden  für  die  Forderungen  der  Arbeiter,  und
am  folgenden  Abend  gaben  diese  ihre  Antwort  kund.  Sie  war  durch  alles
Vorhergegangene  bereits  gegeben.  Jedes  Zögern  hätte  jetzt  Verzicht  geheißen. ­
  Selbst  Herr  Weigert  erklärte  später,  daß  namentlich  die  Damenmäntel-Fabrikanten ­
  ersichtlich  die  Taktik  befolgten,  die  Arbeiter  über  die
Arbeitssaison  hinaus  hinzuhalten.  Das  merkten  die  Führer  der  Arbeiter
auch  ohne  weiteres  heraus  und  handelten  danach.  An  verschiedenen  Orten
in  der  Provinz  war  es  bereits  zur  Arbeitseinstellung  gekommen,  nun  brach
auch  mit  elementarer  Wucht  in  Berlin  ein  Streik  aus,  wie  ihn  diese  Industrie
hier  noch  nicht  gekannt  hatte.
In  14  Versammlungen  ward  am  10.  Februar  den  Konfektionsarbcitern
Berlins  Bericht  über  die  Ergebnisse  der  Verhandlungen  gegeben  und  ihnen
            
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