Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

J

eine  Einsendung  an  das
Organ  der  Konfektionäre
mit  der  Überschrift  versehen ­
  durste:
„Der  Übel  größtes  ist  der
Streik  noch  nicht.
Das  ist  das  Einigungsamt
am  Gewerbegericht."
Dergleichen  sei  eines
großen  Verbandes,  dessen
ümsatz  sich  nach  Millionen ­
  beziffere,  unwürdig.
Diese  scharfen  Worte
eines  Mannes,  der  selbst
Unternehmer  war,  gaben
der  Presse  das  Signal,
und  die  Konfekttonäre
mußten  böseAngriffeübcr
sich  ergehen  lassen.  Sie
wichen  daher  hastig  ein
Stück  zurück  und  ließen
erklären,  sie  hätten  durchaus ­
  nicht  die  Absicht  gehabt, ­
  vor  der  Fällung  des
Schiedsspruchs  von  der
vorläufigen  Abmachung
zurückzutreten,  sic  hätten
nur  gewissermaßen  gegen
die  Verschleppung  des
Schiedsspruchs  demonstrieren  wollen.  Eine  Ausrede,  die  der  Vorsitzende  des
Gewerbegerichts  von  Schulz  dadurch  Lügen  strafte,  daß  er  der  Presse  den
Wortlaut  des  gar  nicht  mißzuverstehenden  Schreibens  des  Fabrikantenvereins
zugehen  ließ.  Außerdem  stellte  er  fest,  daß  das  Einigungsamt  durch  die
bei  den  Vernehmungen  ermittelten  Tatsachen  zu  dem  Beschluß  genötigt
worden  sei,  die  Untersuchungen  über  den  Endtermin,  den  es  sich  erst  bestimmt
hatte,  hinaus  fortzusetzen,  die  Vernehmungen  aber  mit  größter  Beschleunigung
täglich  von  9  bis  3  ühr  vor  sich  gingen.  Selbstverständlich  ließ  man  es
auch  von  seiten  der  Arbeiter  nicht  an  einem  kräftigen  Protest  gegen  das
Verhalten  der  Fabrikanten  fehlen.  Die  Fünferkommission  berief  auf  den
11.  Mai  zwei  große  Schneiderversammlungen  ein,  mit  Emma  Ihrer  und
Ioh.  Timm  als  Referenten,  die  das  schnöde  Verhalten  der  Fabrikanten
gebührend  brandmarkten  und  den  Arbeitern  dringend  ans  Lerz  legten,
die  Lehren  daraus  zu  ziehen,  die  sich  in  die  Worte  zusammenfassen  lassen:
Organisation  und  Rüstung  zu  weiterem  Kampf.  Man  müsse  darauf
vorbereitet  sein,  daß  man  sehr  bald  aufs  neue  für  den  Tarif  werde
zu  kämpfen  haben.
Einstweilen  blieb  es  jedoch  beim  alten.  Das  Einigungsamt  führte  sein
Arbeitsprogramm  zu  Ende  durch  und  war  gegen  Mitte  Juli  so  weit,  einen
endgültigen  Tarifcntwurf  aufzustellen.  Es  übersandte  ihn  am  18.  Juli

Während  des  Streiks.
146  und  147.  Karikaturen  aus  dem  Kladderadatsch
auf  die  Großkonfektionäre
            
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