33
zumachen, was für sie auf dem Spiele stand. Ein vom II. Dezember 1897
datierter Geheimerlaß des neuen Staatssekretärs des Innern, Graf Posadowsky,
den der „Vorwärts" am 15. Januar 1898 veröffentlicht hatte, hatte
die Behörden aufgefordert, dasjenige Material über Ausschreitungen bei
Streiks einzusenden, das geeignet sei, eine Vorlage „gegen Mißbrauch der
Koalitionsfreiheit" — d. h. auf Einschränkung des Koalitionsrechts — zu
begründen, die dem neuen Reichstag bei seinem Zusammentritt unterbreitet
werden sollte, und in der Reichstagssitzung vom 17. Januar gab der
Minister zu, daß dieses Rundschreiben auf Wunsch der Unternehmer,
will sagen der scharfmacherischen Anternehmerverbände, verschickt worden
sei. Vor allem entsprach es dem Programm, das Wilhelm II. in den
Tagen, die der Ernennung Posadowskys vorausgingen, am 17. Juni 1897
bei einer Denkmalscnthüllung auf dem Sparenberge bei Bielefeld zun:
besten gegeben hatte und das durch das halbamtliche Wolffsche Bureau
in die Welt geschickt worden war:
„Schutz der nationalen Arbeit aller produktiven Stände, Kräftigung
eines gesunden Mittelstandes, rücksichtslose Niederwerfung jedes Am
sturzes, und die schwerste Strafe dem, der sich untersteht, einen Rebenmenschen,
der arbeiten will, an freiwilligem Arbeiten zu hindern."
Es kann dahingestellt bleiben, wie Posadowsky damals innerlich selbst
zu der Sache stand, ob das Rundschreiben von ihm sehr ernst gemeint
war oder bloß den allmächtigen Zentralverband der Industriellen zur Ruhe
bringen sollte. Im Reichstag erklärte er, er wäre bereit, mit dem Rundschreiben
als Wahlmanifest vor das Land zu treten, und so wurde der
Kampf für Einschachtelung des Koalitionsrechts eine der Wahlparolen der
Negierung. Weiter hatte Posadowsky einen wirtschaftlichen Ausschuß
eingesetzt für Vorarbeiten zu einem neuen Zolltarife, der für die
1903 und 1904 zu erneuernden Handelsverträge maßgebend sein sollte,
und die Zusammensetzung des Ausschusses ließ erkennen, daß es auf Erhöhungen
der Zölle abgesehen war, worüber Jndustrie-Schutzzöllner und
Agrarier handelseins werden sollten. Man nannte dies Handelsgeschäft die
„Politik der Sammlung", deren Apostel insbesondere Lerr Miguel
war, und die Zöllnerei selbst hieß nach alten Brauch Schutz der nationalen
Arbeit. Die Kräftigung eines gesunden Mittelstandes aber, von der die
Kaiserrede sprach, ward in Maßregeln gegen Warenhäuser, Lausicrhandel,
und Konsumvereine erstrebt. Für diese Dinge kämpften die Konservativen,
Zentrumsleute, Antisemiten und selbst viele Nationalliberale bei der Wahl.
Gegen die Sozialdemokratie suchte man außerdem teils in gewohnter Weise
Auszüge aus Reden und Schriften auszuspielen, die den Spießbürgern in
allen Klassen Angst einflößen sollten, teils suchte man selbstkritische Aufsätze
von Sozialisten als Zeugnisse gegen den Sozialismus auszuspielen. Auf all
das fand aber die Sozialdemokratie wirksame Antworten, und so war von
allen großen Parteien sie die einzige, die am 16. Juni 1898 einen Stimmenzuwachs
verzeichnen konnte. Bei einer im ganzen noch nicht um eineinhalb
Prozent gestiegenen Wahlbeteiligung wiesen ihre Stimmen einen Zuwachs
von 14 Prozent auf, sie stiegen von 1 786 738 auf 2 107 076 oder
von 23,3 auf 27,2 der Gesamtstimmen. Im ersten Wahlgang eroberte sie
32, bei den Stichwahlen 24 Mandate, so daß nun eine sozialdemokratische
Fraktion von 56 Mann in den Reichstag einzog. Berlin wählte diesmal
Bernstein, Berliner Geschichte. !f