Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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nicht  sonderlich.  Die  Wahlbeteiligung  war  im  allgemeinen  geringer  als  1893,
Immerhin  war  die  Sozialdemokratie  die  einzige  größere  Partei,  die  einen
Stimmenzuwachs  verzeichnete,  ihre  Stimmen  mehrten  sich  von  151  000  auf
155  000.  Berlin  II  und  Berlin  V  gingen  vorübergehend  verloren.  Dafür
sandte  aber  jetzt  auch  der  zweite  Vorortswahlkreis,  Teltow-Beeskow-Charlottenburg,
  einen  Sozialdemokraten  in  den  Reichstag.  Zm  ganzen  zeigte  dieser
gegen  seinen  Vorgänger  ein  wenig  verändertes  Gesicht,  doch  hatte  sich  die
Linke  immerhin  um  etwas  verstärkt.  Verstärkt  war  auch  das  Zentrum  aus
der  Wahl  hervorgegangen,  es  konnte,  statt  96,102  Vertreter  mustern,  während
die  beiden  konservativen  Gruppen  zusammen,  statt  100,  nur  noch  79  Vertreter ­
  hatten.  Sechs  Vertreter  hatte  der  Bund  der  Landwirte,  fünf  der
diesem  seelenverivandte  Bauernbund  aufgebracht.  Bei  den  liberalen  Fraktionen ­
  und  ebenso  bei  den  Nationalitätengruppen  glichen  sich  Gewinne  und
Verluste  aus.  Nach  Lage  der  Dinge  war  in  diesem  Reichstag  das  Zentrum
.Jöerr  der  Situation.  Für  seine  wirtschaftlich  reaktionären  Tendenzen  konnte
es  mit  den  Konservativen  und  den  agrarisch-antisemitischen  Gruppen  eine
Mehrheit  bilden,  für  seine  politischen  Oppositionszwecke  hatte  es  in  den  linksliberalen ­
  Gruppen,  den  Nationalitätengruppen  und  der  Sozialdemokratie
Deckung.  Der  Regierung  wieder  machte  es  sich  dadurch  angenehm,  daß
cs  nicht  ganz  so  agrarisch  war  wie  die  Rechte  und  keine  radikale  Opposition
der  Linken  mitmachte.  Für  die  Beratung  des  in  Aussicht  stehenden  Zolltarifs ­
  ward  es  auf  diese  Weise  geradezu  unentbehrlich.
Auch  die  Ende  Oktober  1898  erfolgenden  Wahlen  zum  preußischen
Abgeordnetenhaus  führten  zu  einer  Stärkung  der  Position  des  Zentrums.
Die  Konservativen  und  die  Nationallibcralen  verloren  zusammen  17,  die
Polen  4  Stimmen;  das  Zentrum  gewann  5,  die  beiden  freisinnigen  Gruppen
15  Stimmen.  Mehr  als  vorher  waren  die  Konservativen  auf  die  Unterstützung ­
  des  Zentrums  angewiesen.  Der  Gewinn  des  Freisinns  war  zu
mehr  als  der  Lälste  der  Unterstützung  durch  Sozialdemokraten  geschuldet.
In  Breslau,  in  Görlitz,  in  Lagen  in  Westfalen  und  in  Magdeburg  hielten
die  sozialdemokratischen  Wahlmänner  das  Zünglein  der  Wage  in  der  Land
und  gaben  für  die  Kandidaten  des  Freisinns  den  Entscheid.  An  anderen
Orten  hatte  schon  bei  den  Arwahlen  die  Anterstühung  durch  Sozialisten,
genügt,  den  Freisinnigen  die  Mehrheit  der  Wahlmänner  zu  verschaffen.  Eine
beträchtliche  Anzahl  von  sozialdemokratischen  Wahlmännern  waren  in  Altona,.
Bielefeld,  Brandenburg,  Lalle  a.  S.  und  Linden  bei  Lannover  gewählt.
Am  letzteren  Ort  schien  cs  sogar  einen  Augenblick,  als  sollte  die  Sozialdemokratie ­
  die  Mehrheit  erhalten,  die  Klassengliederung  dieses  Industrievororts ­
  brachte  es  mit  sich,  daß  auch  Arbeiter  und  zu  den  Arbeitern
stehende  Geschäftsleute  in  erheblicher  Anzahl  Wähler  zweiter  Klasse  wurden,,
und  der  Wahlkreise,  wo  die  Dinge  ähnlich  lagen,  gab  es  noch  mehrere.
So  hatte  die  Probe,  ob  die  Sozialdemokratie  den  Kampf  unter  dem
Landtagswahlsystem  wirksam  führen  könne,  ein  durchaus  ermunterndes
Resultat  ergeben.  In  der  Masse  der  Wahlkreise,  so  namentlich  in  Berlin
und  Amgegend,  hatte  man  sich  noch  der  Wahl  enthalten,  teils  weil  man
überhaupt  gegen  die  Wahlbeteiligung  war,  teils  weil  die  Wahl  zu  schnell
auf  den  Stuttgarter  Parteitag  folgte,  von  dem  man  eine  bestimmte  Parolefür
  den  Wahlkampf  erwartet  hatte.  Der  Parteitag  war  aber  nicht  darüber
hinausgegangen,  den  Genossen  die  Teilnahme  an  der  Wahl  freizustellen.
            
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