34
nicht sonderlich. Die Wahlbeteiligung war im allgemeinen geringer als 1893,
Immerhin war die Sozialdemokratie die einzige größere Partei, die einen
Stimmenzuwachs verzeichnete, ihre Stimmen mehrten sich von 151 000 auf
155 000. Berlin II und Berlin V gingen vorübergehend verloren. Dafür
sandte aber jetzt auch der zweite Vorortswahlkreis, Teltow-Beeskow-Charlottenburg,
einen Sozialdemokraten in den Reichstag. Zm ganzen zeigte dieser
gegen seinen Vorgänger ein wenig verändertes Gesicht, doch hatte sich die
Linke immerhin um etwas verstärkt. Verstärkt war auch das Zentrum aus
der Wahl hervorgegangen, es konnte, statt 96,102 Vertreter mustern, während
die beiden konservativen Gruppen zusammen, statt 100, nur noch 79 Vertreter
hatten. Sechs Vertreter hatte der Bund der Landwirte, fünf der
diesem seelenverivandte Bauernbund aufgebracht. Bei den liberalen Fraktionen
und ebenso bei den Nationalitätengruppen glichen sich Gewinne und
Verluste aus. Nach Lage der Dinge war in diesem Reichstag das Zentrum
.Jöerr der Situation. Für seine wirtschaftlich reaktionären Tendenzen konnte
es mit den Konservativen und den agrarisch-antisemitischen Gruppen eine
Mehrheit bilden, für seine politischen Oppositionszwecke hatte es in den linksliberalen
Gruppen, den Nationalitätengruppen und der Sozialdemokratie
Deckung. Der Regierung wieder machte es sich dadurch angenehm, daß
cs nicht ganz so agrarisch war wie die Rechte und keine radikale Opposition
der Linken mitmachte. Für die Beratung des in Aussicht stehenden Zolltarifs
ward es auf diese Weise geradezu unentbehrlich.
Auch die Ende Oktober 1898 erfolgenden Wahlen zum preußischen
Abgeordnetenhaus führten zu einer Stärkung der Position des Zentrums.
Die Konservativen und die Nationallibcralen verloren zusammen 17, die
Polen 4 Stimmen; das Zentrum gewann 5, die beiden freisinnigen Gruppen
15 Stimmen. Mehr als vorher waren die Konservativen auf die Unterstützung
des Zentrums angewiesen. Der Gewinn des Freisinns war zu
mehr als der Lälste der Unterstützung durch Sozialdemokraten geschuldet.
In Breslau, in Görlitz, in Lagen in Westfalen und in Magdeburg hielten
die sozialdemokratischen Wahlmänner das Zünglein der Wage in der Land
und gaben für die Kandidaten des Freisinns den Entscheid. An anderen
Orten hatte schon bei den Arwahlen die Anterstühung durch Sozialisten,
genügt, den Freisinnigen die Mehrheit der Wahlmänner zu verschaffen. Eine
beträchtliche Anzahl von sozialdemokratischen Wahlmännern waren in Altona,.
Bielefeld, Brandenburg, Lalle a. S. und Linden bei Lannover gewählt.
Am letzteren Ort schien cs sogar einen Augenblick, als sollte die Sozialdemokratie
die Mehrheit erhalten, die Klassengliederung dieses Industrievororts
brachte es mit sich, daß auch Arbeiter und zu den Arbeitern
stehende Geschäftsleute in erheblicher Anzahl Wähler zweiter Klasse wurden,,
und der Wahlkreise, wo die Dinge ähnlich lagen, gab es noch mehrere.
So hatte die Probe, ob die Sozialdemokratie den Kampf unter dem
Landtagswahlsystem wirksam führen könne, ein durchaus ermunterndes
Resultat ergeben. In der Masse der Wahlkreise, so namentlich in Berlin
und Amgegend, hatte man sich noch der Wahl enthalten, teils weil man
überhaupt gegen die Wahlbeteiligung war, teils weil die Wahl zu schnell
auf den Stuttgarter Parteitag folgte, von dem man eine bestimmte Parolefür
den Wahlkampf erwartet hatte. Der Parteitag war aber nicht darüber
hinausgegangen, den Genossen die Teilnahme an der Wahl freizustellen.