Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

An  die
Handlungsgehilfen  Berlins!

RoUegen!
Di,  Handlungsgehilfen  sind  <«»  L°g»
ver  FazraldrmoLraire  übergrschwenkt!
Endlich  kommt  der  freisinnigen  Volkspartei  diese  CrjkerMtniß.
  Sie  sucht  daher  in  letzter  Stunde  zu  retten,  was
iwch  zu  retten  ist,  um  die  wenigen  ihr  treu  gebliebenen  üuch
schon  schwankenden  Kollegen  an  ihr  /verschlissenes  Banner
zu  fesseln.
Doch  wie  thut  sie  das?  Unfähig,  ein  eigenes  Flug,
ökatt  zu  verfassen,  greift  sie  rn  den  bekannten  Lngensäck  der
„Freisinnigen  Zeitung"  und  druckt  den  Extrakt  derselben
als  Flugblatt.
Kollegen!  Die  sozialdemokratische  Partei  soll  sich  erst
vor  den  Wahlen  ‘  drs  8  Uhr-Ladenschlussev  erinnert  hohen:
so  steht  auf  der  ersten  Seite  des  Machwerks!  Ihr,  die  Ihr
unser  Blatt,  „Der  Handels-Angestellte",  gelesen  habt.  wißt,
daß.  so  lange  diese  Frage  aus  der  Tagesordnung  ist.  wir,
die  sozialdemokratischen  Handlungsgehilfen,  unentwegt  für
diese  Forderung  eingetreten  '  sind  und  daß  sich  im  gleichen
Sinne  der  sozialdemokratische  Parteitag  zu  Gotha  1896
entschieden  hat.  —  Aber  dir  Abschreiber  des  Flugblattes
Sesne«  1-r  alleine  die  Unwahrheit  ihrer  Behauptung.
Denn  wie  steht  auf  der  zweiten  Seite  ihres  Machwerks?
„Die  Sozialdemokratie  macht  den  Freisinnigen  zum  Vorwurf,
daß  in  der  Kommission  für  das  Handelsgesetzbuch  ihre  Anträge ­
  auf  Einführung  eines  MaximalarbeitStatzeS  für
Handlungsgehilfen  mit  allen  Stimmen  gegen  die  der  Sozialdemokraten ­
  abgelehnt  worden  sei."
Die  foziardemokratifche  Partei  hat  bereits  im
Jahre  1830  bei  Vorlage  eines  Entwurfes,  zu  eiuem  vollständigen
  Arbeiterschutzgesrtz  die  Festlegung  der  Arbeitszeit
nLch  für  das  HandekSgrwerbr  gefordert  und  fcitd-m  ist
r.nsrre  Presse  unausgesetzt  dafür  eingetreten.
Die  frerstnurse  NoU-.oparter  dagegen  hat  sich  in
der  von  den  freisinnigen  Kollegen  zitirlen  Rede  Eugen  Richters
Argen  den  gesetzlichen  8  Uhe-Laderrfchl«tz  erklärt,
trotzdem  der  Herr  alle  Mißstände  im  Handelsgewerbe,  die
nach  den  entsetzlichen  Enthüllungen  in  der  Kommission  für
Ar'oeiterstatistik  klar  vor  Allee  Augen  lagen,  anerkennen
mußte.  Und  wie  nennt  das  freisinnige  Muchwer!  eine  solche
Stellungnahme?  „Jeder  Unbefangene  wird  zugeben  müssen,
daß  diese  Stellung  die  Jnterrss«  der  Handlungsgehilfen  in

jeder  Beziehung  berücksichtigt.-  Wer  lacht  da?  —  Wir
wiederholen  noch  einmal  den  Vorwurf,  daß  Mitglieder  der
freisinnigen  Volkepartei  bei  Gelegenheit  der  Berathung  des
Antrages  Gemp  auf  Verschlechterung  der  Sonntagsruhe
im  Abgeordnetenhause  geschwiegen  haben!  Zum  Eintreten
für  die  Interessen  der  Handelsangestellten  bedurfte  es  bei
dieser  Gelegenheit  nur  Mannesmuth.  der  auch  diesmal  den
14  Freisinnigen  'wieder  fehlte.
Unerhört  ist  der  Vorwurf,  die  sozialdemokratische  Partei
habe  ihre  Anträge  bei  Berathung  des  Handelsgesetzbuches
nicht  ernst  gemeint!  Wie  würden  die  freisinnigen  Mannes,
freien  zetern,  wenn  wir  einen  solchen  Borwurf  bei  irgend
einem  Antrage  der  Freisinnigen  in  die  Welt  schleuderten!  —
Die  Freisinnigen  sagen  weiter,  unsere  Angriffe  seien  nnr  aüü
dem  Zusammenhange  herausgerissen.  Theile  von  Reden.
Gut?  Lassen  wir  die  Thaten  sprechen.
Dir  Irrlstunstzevr,  beider  Richtungen.  HkLurmtett
gegen  die  gesetzliche  Festlegung  der  Sonntagsruhe;
gegen  die  Einrichtung  von  kaufmännischen  Schiedsgerichten
analog  den  Gewerbegerichlen;
gegett  die  Sitzgelegenheit  für  Verkäuferinnen;
gegrr»  Beschränkung  der  Arbeitszeit  für  jugendliche  Arbeiter
und  Gehilfinnen;
gsgett  MinimalründigungSfrist  von  4  Wochen;
gegen  Freigabe  von  zwei  Stunden  täglich  für  Kollegen  in
gekündigter  Stellung;
gegen  die  Festsetzung  einer  gesetzlichen  Arbeitszeit  im  HandelS»
gewerbe,  getreu  den  Worten  Eugen  Richters:  „Die
freisinnige  Vollspartet  ist  gegen  die  Einführung  eines
allgemeinen  Maximalarbeitstages."  (Abc-Buch  für
1893.  S.  24.)
Die  Frrlstrmrge».  beider  Richtungen.  fttmwltn
füv  die  Konkurrenzklausel;
und  fKe  die  Knebelparagrapheu  9  uud  10  des  Gesetzes  gegen
den  unlauteren  Wettbewerb.
Das  find  Thatsache».  rmd  Thatsache»«  vshtu
eltte  eindringliche  Sprache.
Um  diesen  Verrath,  an  unseren  vitalsten  Interessen  zu
verschleiern,  glauben  die  Abschreiber  des  Flugblattes,  auf
die  Verhältnisse  der  Handlungsgehilfen  im  Zukunftsstaare.
natürlich  wie  er  in  ihrem  Hirn  spukt,  hinweisen  zu  müssen.
Wie  steht  es  aber  in  der  Gegenwart?
Ist  wirklich  jeder  Chef  Handlungsgehilfe  gewesen?
Kann  wirklich  jeder  Handlungsgehilfe  Chef  werden?

,  ;  [  173  und  174.  Flugblatt  zur  Reichstagswahl  1898
            
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