Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

haben  und  dadurch  denjenigen  Kollegen,  die  aus  den  alten  kaufmännischen  Vereinen ­
  ausschieden,  einen  Ersatz  bieten  solle.  Die  betreffenden  Anträge  fanden
keine  Mehrheit,  da  namentlich  die  Berliner  Delegierten  sie  als  zum  mindesten ­
  verfrüht  bekämpften,  und  als  zu  Pfingsten  1897  auf  einer  zu  Leipzig
abgehaltenen  Konferenz  von  Delegierten  aus  acht  Orten  Deutschlands  doch
ein  solcher  Zentralverband  beschlossen  wurde,  der  dann  am  1.  Juli  1897
mit  Lamburg  als  Zentralsitz  ins  Leben  trat,  hielten  sich  Berlin  und  einige
andere  Städte  mehr  als  ein  Jahr  noch  abseits.  Am  2.  Oktober  1898  jedoch
beschlossen  auch  die  Freien  Vereinigungen  dieser  Orte,  sich  aufzulösen  und
Mitgliedschaften  des  Zentralverbandes  zu  bilden.  Das  geschah,  und  der
erste  Bevollmächtigte  der  Berliner  Mitgliedschaft  wurde  Willy  Friedländer, ­
  der  dieses  Amt  bis  zum  Jahre  1906  in  selbstlosester  Weise  versehen ­
  hat,  Kassierer  Arban,  und  neben  diesen  und  den  vorher  schon  genannten ­
  Streitern  traten  nun  ganz  besonders  Ida  Baar,  Julius  Kaliski,
Regina  Kraus,  Emil  Rosenow  und  Georg  Acko  als  Kämpfer  für  die
Bewegung  in  den  Vordergrund.
Da  derZentralverband  sich  im  „Landlungsgehilfenblatt"  ein  eignesOrgan
geschaffen  hatte,  war  mit  Beitritt  derVereinigung  zum  Verband  „Der  Pandels-Angestellte"
  überflüssig  geworden  und  stellte  am  15.  Oktober  1898  sein  Erscheinen ­
  ein.  Das  „Landlungsgehilsenblatt"  wurde  damals  in  Berlin  von
Leopold  Liepmann  redigiert.
Einen  großen  Erfolg  erkämpften  im  Jahre  1897  die  im  Geist  der
Arbeiterbewegung  wirkenden  Landlungsgehilfen  bei  der  Delegiertenwahl  für
die  Ortskrankenkasse  der  Apotheker,  Kaufleute  ustv.  Berlins.  Die  Ortskrankenkaffc
  für  Landlungsgehilfen,  die  bis  dahin  neben  jener  Kasse  bestanden  hatte,
war  aufgelöst  worden,  und  es  galt  nun,  Einfluß  auf  die  Verwaltung  der  erstgenannten ­
  Kasse  zu  gewinnen.  Zu  diesem  Zweck  gingen  die  Mitglieder
der  Vereinigung  gemeinsam  mit  den  Mitgliedern  der  Berliner  Ortsstelle
des  Verbandes  der  Landels-  und  Transportarbeiter  vor  und  erreichten  es,
daß  die  mit  ihnen  vereinbarte  Delegiertenliste  die  große  Mehrheit  der
Stimmen  erhielt.  Die  Ortskrankenkasse  für  Kaufleute,  Landelsleute  und
Apotheker  ist  die  größte  Ortskrankenkasse  Deutschlands,  sie  war  im  Jahre
1905  auf  über  90  000  Mitglieder  angewachsen  und  hat  unter  der  Leitung
des  bald  darauf  zum  Rendanten  der  Kasse  gewählten  Vertrauensmanns
der  Landlungsgehilfen  Albert  Kohn  und  anderer  den  Interessen  der  Angestellten ­
  ergebenen  Personen  ganz  Bedeutendes  auf  dem  Gebiet  der  Sozialpolitik, ­
  speziell  auch  der  Lygiene  für  ihre  Mitglieder  geleistet.  Anter  anderem
haben  ihre  Veröffentlichungen  über  die  Wohnverhältnisse  ihrer  Mitglieder
die  Anerkennung  aller  Sozialpolitiker  gefunden.  Allerdings  sind  der  Verwaltung
  auch  Angriffe  von  Unternehmern  und  Behörden  nicht  erspart
geblieben.  Sie  haben  sie  aber  in  ihrem  Wirken  nicht  von  der  bcschrittenen
Bahn  ablenken  können.  Bei  den  Erneuerungswahlen  von  1902  erhielt  die
Liste  der  beiden  gewerkschaftlichen  Verbände  2322,  die  der  vereinten  Gegner
aber  nur  1057  Stimmen.
Ein  weiterer  Erfolg  der  rastlosen  Agitation  der  nun  im  Zentralverband
organisierten  Landlungsgehilfen  Berlins  war  es,  daß  im  Jahre  1903  endlich
die  städtischen  Behörden  sich  dazu  entschlossen,  den  Krankenkassenzwang  für
alle  Angestellten  einzuführen,  die  bis  zu  2000  Mk.  Iahresgehalt  beziehen.
Lier  waren  es  die  sozialdemokratischen  Stadtverordneten,  die  in  der  Gemeinde-
            
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