Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

Probenummer.

Die  Gleichheit.
Zeitschrift  für  die  Interessen  der  Arbeiterinnen.

Herausgegeben  von  Emms  Ihrer  in  Velten  (Mark).

Die  ,SI«I>dh«il'  «rlchrlnl  »Ilr  >«  Log»  «IninOl.  P«I-1  brr  Summ«
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StuLIßart
Samstag,  den  L8.  Dezember
18SL.

Zuschriften  an  di«  NedaNIon  rer  „SÄchhelt"  s»id  p>  richlrn
an  Fr.  Klara  Eißnor  iZeliin),  SluIIga«.  PvII^bi.h!.
Llrajie  »«»,  IV.  Die  Skprdilion  l-rsindr!  sich  in  €  lullgurl.
Fu«»l>ach.LIr-ße  >2.

An  die
dieser  Runimer  tritt  „Die  Gleichheit"  an  die  Stelle
der  vielen  liebgewordene»  Zeitschrift  „Die  Arbeiterin."
(Sgß&l  Wer  „Die  Arbeiterin"  bisher  und  unter  schwierigen
V  Verhältnissen  am  Werk  gesehen,  der  kennt  mithin  auch
das  Programm,  das  sich  „Die  Gleichheit"  stellt,  die  prinzipielle
Grundlage,  auf  der  ihre  Haltung  fußt.
Allein  in  Folge  veränderter  äußerer  Unistände  hoffen  wir.  den
Wirkungskreis  des  Blattes  beträchtlich  zu  erweitern,  und  für  die
neu  hinzukomnicnden  Leser  dürften  einige  Worte  der  Erklärung
nicht  übersiüssig  sein.
„Die  Gleichheit"  tritt  für  die  volle  gesellschaftliche  Befreiung
der  Frau  rin,  >oie  sie  einzig  und  allein  in  einer  im  Sinne  des
Sozialismus  umgestalteten  Gesellschaft  möglich  ist,  wo  mit  der
ökonomischen  Abhängigkeit  eines  Menschen  von  einem  andere.  Menschen
die  Grundursache  jeder  sozialen  Knechtung  und  Aechtung  fällt.  Sic
geht,  von  der  Ueberzeugung  aus,  daß  der  letzie  Grund  der  Jahrtausende ­
  alten  niedrigen  gesellschaftlichen  Stellung  des  weiblichen
Geschlecht-  nicht  in  der  jeweiligen  „von  Männern.gemachten"
Gesetzgebung,  sondern  in  den  durch  wlrthschaftliche  Zustände
bedingten  Eigenthumsverhältnissen  zu  suchen  ist.
Mag  man  heute  unsere  gesammte  Gesetzgebung  dahin  abändern, ­
  daß  das  weibliche  Geschlecht  rechtlich  auf  gleichen  Fuß
mit  dem  männlichen  gestellt  wird,  so  bleibt  nichtsdestoweniger  für
die.  große  Masse  der  Frauen,  die  nicht  so  vorsichtig  gewesen,  eine
hohe  Rente  mit  zur  Welt  zu  bringen,  die  gesellschaftliche  Versklavung
in  härtester  Form  iveiterbestehen:  ihre  wirthschaftllche  Abhängigkeit
von  ihren  Ausbeutern.
Dieser  Ansfassung  gemäß  erblicht  „Die  Gleichheit"  den  Feind
der  Gleichberechtigung  deS  weiblichen'  Geschlechts  weder  in  dem
Egoismus,  noch  in  den  Äorurtheilen  der  Männerwelt,  sie  predigt
nicht  den  Krieg  von  Geschlecht  zu  Geschlecht,  sie  glaubt  nicht  an
dir  Messiasrolle  einer  zu  Gunsten  der  Frauen  veräudcrlen  Gesetzgebung. ­

Soll  damit  eiwa  gesagt  sein,  daß  wir  auf.  den  Kampf  für  die
rechtliche  Gleichstellung  der  Frau  mit  den.  Manne  verzichten,  soweit ­
  wir  sie  innerhalb  der  heutigen  Gesellschaft  erhalten  können?
Mit  Nichten  und  im  Gegentheil.  Wir  fordern  diese  Gleichstellung,
wir  werden  nnt  aller  Energie  für  dieselbe  eintreten,  aber  sie  kann
nicht  unser  letztes  Endziel  sein,  sie  ist  un»  nur  ein  höchst  werthvolles,
  ja  unerläßliches  Mittel,  dieses  Ziel  zu  erreichen.
Kanu  die  volle  Befreiung  der  arbeitenden  Frau  nur  «-folgen
auf  Grund  einer  völligen  Umgestaltung  der  bestehenden  Gesellschaftsverhältnisse,
  so  ist  damit  auch  die  Haltung  vorgeschrieben,  die
sie  in  den  heutigen  gesellschaftlichen  Kämpfen  einzunehmen  hat:  Sie
muß  theilnehmcn  am  Kampf  der  Arbeiterklasse  gegen  die  kapitalistische
Gesellschaft,  weil  einzig  und  allein  ein  siegreiches  Proletariat  die
Macht  mid  den  Willen  besitzt,  die  Gesellschaft  so  umzugestalten,
daß  jede  wirthschastliche  Abhängigkeit  deS  Menschen  von  dem

Leser!
Menschen  ein  Ende  nimmt.  In  diesem  Kampfe  ober  sind  die
ausgedehntesten  politischen  Rechte.  —  die  Arbeiterbewegung  hak
dies  bewiesen  —  vorzügliche  und  unentbehrliche-  Waffen.
Die  wohlhabende.  Frau  bedarf  zu  ihrer  Emanzipation,  ihrer
Befreiung  blos  der  rechtlichen  Gleichstellung  mit  dem  Planne.
Die  Frau  des  Proletariats  dagegen  bleibt,  auch  wenn  sie
ihre  rechtliche  Gleichstellung  mit  dem  Planne  errungen,  noch  unfrei,
abhängig  vom  Kapitalisten.  Sie  muß  deshalb  olle  Bestiebungcn
unterstützen,  welche  darauf  abzielen,  die  Placht  der  Kapitoiistenklassr
  zu  beschränken,  die  Macht  der  Arbeiterklasse  dagegen  zu  erweitern: ­
  sie  muß  der  Bourgeoisie  alle  die  Konzessionen  abzuringen
suchen,  »velche  geeignet  sind,  das  Proletariat  körperlich,  geistig  und
sittlich  zu  heben.
„Die  Gleichheit"  vertritt  in  erster  Linie  die  Interessen  der
Prolelarieriiinen,  ohne  Unterschied,  ob  dieselben  dem  Proletariat
der  Kopfarbeit  oder  dem  der  Handarbeit  angehöreu.  Zwar  sind
sich  die  Ersteren  ihrer  oft  in  gefälligere  Formen  gehüllten,  aber
um  so  schwerer  lastenden  Klassenlage  vielfach  nicht  bewußt  oder
wollen  dieselbe  nicht  cingesteheii.  Allein  wir  sind  davon  überzeugt, ­
  daß  ihnen  allen,  den  Lehrerinnen,  Buchhalterinnen,  Schriftstellerinnen, ­
  Komptolristinnen  re.  durch  die  Entwichlung  der  wirthschaftlicheu
  Verhältnisse  die  Erkenntniß  dieser  ihrer  Zugehörigkeit
zum  Proletariat,  die  Erkenntniß  der  Nothwendigkei!.  in  Reih  und
Glied  der  kämpscuden  Arbeiter  zu  treten,  ausgezwungcn  wird.
Die  große  Masse  der  Proletarierinnen  der  Handarbeit  ist  ja
auch  noch  nicht  zum  Bewußtsein-ihrer  Klassenlage,  ihrer  Psilchlcn
und  Rechte  erwacht,  und  trotzdem  .—  oder  vielmehr  gerade  deswegen ­
  —  ist  sie  c8,  an  welche  sich  '„Die  Gleichheit"  in  erster
Linie  wendet.  Der  Proletarierin,  die  nicht  mehr  blos  für  das
Haus  und  die  Familie,  sondern  auch  für  den  Kapitalisten  arbeitet,
und  die  sich  non'  der  Knechtschaft  des  letzteren  zu  befreien  suche»
muß,  liegen  noch  andere  Pflichte»  als  die  ob,  welche  früher  ausschließlich ­
  ihr  Leben  und  Sein  beherrschten.  Zu  der  gewissenhaften
Erfüllung  dieser  Psiichten  muß  die  Frau  erzogen  werden.  Dies
Ziel  ist  um  so  schwerer  zu  erreichen,  als  die  Frau  bis  jetzt  mit
ihren  Interessen  und  Gefühlen  ausschließlich  im  Hanse  und  nicht
im  öffentlichen  Leben  wurzelte,  nur  der  Familie,  nicht  der  Allgemeinheit ­
  ihr  Interesse  entgegenbrachte:  Hier  gilt  es  nicht  blos
den  Geist  aufzuklären,  vielmehr  auch  das  Gemüth  zu  bilden,  im
Herzen  die  rechte  Wärme,  die  flammende  Begeisicrung  für  die
neuen  Ziele  zu  erwecken.
Von  diesen  Gesichtspunkten  geleitet,  tritt  „Die  Gleichheit"
an  ihre  Aufgabe  heran,  eine  Zeitschrift  für  die  Interessen  der
Arbeiterinnen  zu  sein.  Aber  wie  ein  Blatt  wird,  daü  hängt
nicht  allein  von  der  Redaktion  und  de»,  Verlag,  sondern  auch
von,  Publikum  ab.  Möge  uns  daher  die  Symp-ubit  nn'o  Mitarbeit ­
  Aller  zu  Theil  ivcrden,  die  mit  uns  die  aleichen  Ziele  verfolgen. ­

Die  Redaktion  rrrrd  der  DerlaH«

177.  Titelseite  der  Probenummer:  „Die  Gleichheit"
            
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