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Unser dem Sozialistengesetz hatten die meisten Fachvereine und Gewerkschaften
ihre Statuten so formulieren müssen, daß die Frauen entweder
ausdrücklich oder doch faktisch aus ihnen ausgeschlossen waren. Daher
gründeten sich auch jetzt noch zuerst Sonderfachvereine für Arbeiterinnen.
Sie kamen aber nicht gut vorwärts, und als es immer deutlicher wurde,
daß die alte Vorsicht in diesem Punkte nicht mehr in gleichem Maße
geboten war, traten die sozialistischen Arbeiterinnen an die Gewerkschaften
derjenigen Berufe, in denen die Frauenarbeit eine Rolle spielte, mit der
Forderung heran, ihre Statuten so abzuändern, daß den Arbeiterinnen der
Beitritt in diese Gewerkschaften ermöglicht wurde. Wie zeitgemäß die Forderung
war, der fast überall entsprochen wurde, wie wenig Lebenskraft die
lediglich aus Arbeiterinnen bestehenden Fachorganisationen an den Tag
legten, geht daraus hervor, daß die Berliner Gewerkschastsstatistik für 1894
unter 20 Fachorganisationen mit weiblichen Mitgliedern nur eine aufweist,
die bloß aus solchen bestand, und diese Organisation — der Verein der
Buchdruckerei-Hilfsarbeiterinnen — ist auch die einzige, ausschließlich aus
Arbeiterinnen zusammengesetzte gewerkschaftliche Verbindung, die wir noch
in der Liste der Berliner Gewerkschaften für 1905 vorfinden. Von etwa
500 war ihre Mitgliederzahl inzwischen auf 1220 gestiegen, ein Zeichen
ganz außergewöhnlicher Lebenskraft, die jedoch zum Teil den besonderen
Verhältnissen des Buchdruckgewerbes zu verdanken ist. Am vorerst noch bei
der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen Berlins zu bleiben, so
waren nach der Gewerkschaftsstatistik für 1894 in diesem Jahre von 123749
in Berlin beschäftigten Arbeiterinnen erst 1410 oder 17« vom Hundert
organisiert. Für 1905 liegt keine erschöpfende Zusammenstellung der gewerkschaftlich
organisierten Arbeiterinnen Berlins vor, wohl aber für das Jahr
1908. Sie weist in den Gewerkschaften, die in der Kommission vertreten
sind, 16 330 Arbeiterinnen auf — mehr als das Zehnfache der Zahl von
1894. Aber man darf nicht vergessen, daß in der Zwischenzeit auch die
Zahl der beschäftigten Arbeiterinnen Berlins um ein Vielfaches gestiegen
war, und daß diese Steigerung sich auch auf die Art der Beschäftigung
bezieht. Die Frauenarbeit ist in Industrien eingedrungen, wo sie früher
unbekannt war oder nur als ganz seltene Ausnahme vorkam. Nichts kann
dies eindrucksvoller veranschaulichen als die Tatsache, daß 1908 die größte
Zahl organisierter Arbeiterinnen nicht in einer derjenigen Industrien zu
finden ist, die als solche der weiblichen Arbeiter bekannt sind, sondern in
dem „männlichen" Gewerbe der Metallindustrie. 1894 zählte das
Metallgewerbe Berlins ganze 12 organisierte Arbeiterinnen, 1908 hat der
Metallarbeiterverband in Berlin 3564 weibliche Mitglieder.
Die zweitgrößte Zahl organisierter Arbeiterinnen weist 1908 die Buchbinderei
mit ihren Nebenindustrien (Kartonnagenfabrikation usw.) auf,
nämlich 3285, während 1894 es in diesen Gewerben nur 218 organisierte
Arbeiterinnen gegeben hatte. Das Verhältnis der weiblichen zu den männlichen
Mitgliedern der Organisation hat sich derart verschoben, daß während
1894 auf 940 männliche nur 210 weibliche Mitglieder kamen, im Jahre
1908 die Zahl der letzteren die der ersteren übersteigt. 3285 weibliche
stehen 2973 männlichen Mitgliedern gegenüber.
Erst an der dritten Stelle kommt mit 2183 organisierten Arbeiterinnen
die spezifische Frauenindustrie der Wäschefabrikation und Wäscherei,