Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

416

genossen  kurzweg  als  „angesehene  Mitbürger"  gewählt,  ohne  daß  ihnen  ein
bestimmtes  politisches  Glaubensbekenntnis  abverlangt  wird.*)  Dieser  Amstand ­
  erschwert  denn  auch  ungemein  die  Wahlstatistik,  so  daß  eine  ganz
sichere  Landhabe  für  die  Wahlstärke  der  Parteien  nicht  einmal  durch  die
Abstimmung  der  Wahlmänner  bei  der  Abgeordnetenwahl  geliefert  wird.
Gewöhnlich  erscheinen  eine  Anzahl  Wahlmänner  überhaupt  nicht  zur  Wahl,
von  den  Gekommenen  aber  entscheidet  sich  ein  Teil  erst  im  Wahllokal,
welchen  der  Kandidaten  sie  ihre  Stimmen  zuwenden  wollen.
In  Berlin  waren  bei  der  Wahlmännerwahl  6823  Wahlmänner  gewählt.
Von  diesen  stimmten  bei  der  Abgeordnetenwahl  6383,  also  440  oder  über
6  Proz.  weniger.  Im  ersten  Wahlkreis  blieben  die  dort  gewählten  147
sozialdemokratischen  Wahlmänner  nach  Parteibeschluß  von  der  Abgeordnetenwahl ­
  fort,  weil  ihre  Stimmen  auf  diese  in  keiner  Weise  Einfluß  ausüben
konnten.  Im  zweiten  und  vierten  Wahlkreis  blieben  wiederum  ein  Teil  der
konservativen  Wahlmänner  fort,  während  andere  zur  Wahl  gingen  und
freisinnig  stimmten.  Dies  ist  bei  der  nun  folgenden  Zusammenstellung  im
Auge  zu  behalten.
Es  stimmten  Wahlmänner  für  die  auf  den  betreffenden  Listen  an  erster
Stelle  stehenden  Kandidaten:

sozialdemokratisch

freisinnig

konservativ

In  Berlin  l

—

803

127

„  „  >l

487

909

—

„  „  HI

1099

1309

184

„  „  iv

530

929

—

Insgesamt

2116

3950

311

Die  Abstimmung  für  die  zweiten  und  im  ersten  Wahlkreis  auch  für  den
dritten  Abgeordneten  ergaben  nur  ganz  unbedeutende  Abweichungen.
Die  Tabelle  zeigt,  daß  im  dritten  Wahlkreis  nicht  allzuviel  an  einem  Sieg
der  Sozialdemokratie  fehlte.  Es  waren  ihr  dort  in  der  zweiten  Wählerklasse
so  viele  Wahlmänner  zugefallen,  daß  dritte  und  zweite  Klasse  zusammen
immer  noch  eine  Mehrheit  von  Wahlmännern  für  die  Sozialdemokratie
ergaben.  Lediglich  die  Plutokratie  der  ersten  Klasse  verschaffte  den  Freisinnigen ­
  hier  die  Mehrheit.  Im  zweiten  und  vierten  Wahlkreis  hatte  die
Sozialdemokratie  in  der  dritten  Wählerklasse  die  übergroße  Mehrheit  der
Wahlmänner  und  in  der  zweiten  Wählerklasse  immerhin  eine  ansehnliche
Minderheit.
Das  war  ein  unerwartet  glänzendes  Resultat.  Aber  es  stellt  sich  noch
glänzender  dar,  wenn  man  die  Zahlen  der  Arwähler  betrachtet,  die  in  den  einzelnen ­
  Kreisen  für  die  Wahlmänner  der  drei  kämpfenden  Parteien  gestimmt  hatten.
Es  erhielten  nach  der  amtlichen  Statistik  Arwählerstimmen:

Sozialdemokraten

Freisinnige

Konservative

Bürgerliche
zusammen

In  Berlin  l

8  468

6  301

3181

'  9  484

„  „  II

29  803

4  612

31

4  643

„  „  HI

53  538

4  968

3  790

8  758

„  „  iv

30  341

4  852

112

4  964

Insgesamt

122  150

20  733

7114

27  847

*)  Im  Wahlbezirk,  wo  der  Verfasser  dieses  Wähler  war,  stimmte  ein  Rentier,  den  die
Konservativen  der  zweiten  Klasse  als  ihren  Wahlmann  aufgestellt  hatten,  seinerseits  als  Wähler
erster  Klasse  freisinnig.  Anderwärts  kamen  noch  drastischere  Widersprüche  vor.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.