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Erklärung
Saale zum Eiskeller eine
große Versammlung statt,
die Eugen Ernst zum Vor
sitzenden und Karl Wild
berger zum Referenten
hatte, beide damals Mit
glieder der Opposition, und
der Geist der Opposition be
herrschte dieganzeVersamm-
lung. Wildberger griff in
seiner Rede die Reichstags
fraktion auf das schärfste an,
und in der Debatte ward er
darin von A. Kroll, Will).
Börner, Wilh. Werner
und Albert Auer dach kräf
tig unterstützt. Nach Schluß
derVersammlung marschierte
die Mehrheit der Versam
melten — gegen 2000 Per
sonen — im Zuge durch die
Straßen, was immerhin
einen gewissen Eindruck
machte.
Im allgemeinen war
1891 die Beteiligung an den
Maidemonstrationen erheb
lich stärker als im Vorjahr,
doch fehlte dem Ganzen der
einheitliche Zug, der sonst
die Veranstaltungen der
Berliner Arbeiterschaft aus
zeichnet.
Im Jahre 1892 fiel der
1. Mai auf einen Sonntag.
Dadurch konnte die Feier in höherem Grade diesen einheitlichen Charakter
tragen, und stärker als in den Vorjahren war auch die Beteiligung an
den Versammlungen und Festlichkeiten. Alle größeren Lokalitäten, deren
man überhaupt habhaft werden konnte, waren gemietet worden, und aus
nahmslos war der Besuch ein glänzender. Der Maitag war Volksfest
geworden.
Damit war aber die Maifeierfrage noch nicht gelöst. Wohl hatte der
Brüsseler internationale Sozialistenkongreß von 1891 bestimmt, daß die
Maidemonstrationen durchgängig ain I. Mai stattfinden sollten, und sich
grundsätzlich für Arbeitsruhe ausgesprochen. Zu letzterem aber war der Zu
sah angenommen worden: „Soweit dies durch den Zustand in den einzelnen
Ländern nicht unmöglich gemacht wird", und damit war es der Auslegung
der Parteien in den einzelnen Ländern überlassen, nach Wunsch und Be
dürfnis selbst zu bestimmen, ob bei ihnen die Arbeiksruhe „möglich" oder
parteivorstandcs zur Differenz der /Metallarbeiter
bei der H. 6.-6. die Maifeier betreffend.
1 Der Parkeivorstand erklärt, daß er ans Grund der Verhandlungen,
die er seiner Zeit mit der Generalkommission der Gewerkschaften, die
Maifeier betreffend, geführt hat. bereit ist. falls der Metallarbeiterverband
ihn darum ersucht, die finanziellen Opfer, welche die diesjährige Mai
feier dem Verband auferlegte, nach Möglichkeit tragen zn helfet».
Die Form, in welcher der Parteivorstand diese Mittel aufbringt,
ist ausschließlich dessen Angelegenheit.
2. Der Parteivorstand kann kein Urteil abgeben über die HandlungS-
weise der als Mitglieder des Metallarbeiterverbandes in der A. E.-G.
beschäftigten Parteigenossen, soweit diese ihren früher gefaßten Beschluß,
bei der Maifeier nicht zu arbeiten, selbst mißachteten.
Dieser Beschluß ist auf Grund der Vorschriften, welche der Metall-
ardeiterverband für seine Mitglieder bezüglich einer Entscheidung über
die Maifeier erließ, gefaßt worden. ES handelt sich also hierbei in
erster Linie um eine gewerkschaftliche Angelegenheit, zu der zunächst die
Gewerkschaft Stellung zu nehmen hat?
Der Parteivorstand ist aus Grund der Parteiorganisation oec-
pflichtet, abzuwarten, ob eine lokale Organisation den Antrag stellt,
ein Parteimitglied, das sich an der Nichteinhaltung deS in der A. E.-G.
gefaßten Beschlusses betreffend die Maifeier beteiligte, wegen ehrloser
Handlung mi3 der Partei auszuschließen. Wird ein solcher Antrag
gestellt, so ist der Parteivorstand verpflichtet, ein Schiedsgericht zusammen
zu berufen, zu dem er den Vorsitzenden ernennt.
Der Parteivorstand würde also, wenn er von sich auS.in einem
Falle wie den» vorliegenden ein Urteil fällte, von vornherein als Partei
erscheinen und die Unparteilichkeit des Schiedsgerichtsspruchs in Frage
stellen.
3. Soweit der Parkeivorstand in der Lage ist, die Vorgänge, die
anläßlich der Maiseier mit dem Verhalten eines großen Teils der Mit
glieder des MetdllarbeitervecbandeS, die in der A. E.-G. beschäftigt sind,
in Verbindung stehen, beurteilen zu können, glaubt er. daß auf beiden
Seilen, d. h. sowohl aus Seite der bei der Ä. E.-G- beschäftigten Mit
glieder dcL MetallarbeitcrvcrbandcS. wie bei der Leitung desselben Ver
sehen hegangen wurden. die eine unklare Situation herbeiführten.
Von diesen» GesichtSpilNkt auS und in Anbetracht deS Umstandes,
daß ei» größerer Konflikt zivischen dem Metallarbeiterverband und seinen
renitent geivordcne»» Mitgliedern, die bei der A. E.-G. beschäftigt sind,
für die Schar,'machcr eine ersehnte Gelegenheit wäre. eS zu einer Spaltung
in» Metallarbeitervcrbande zu treiben »»nd eine Kraftprobe mit den»
Unternehniertum hervorzurufen, empfiehlt der Parteivorftand aller auf
zubieten, um einen solchen Konflikt zu vermeiden.
199. Erklärung des sozialdemokratischen Partei-
vorstandes