Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

426

Erklärung

Saale  zum  Eiskeller  eine
große  Versammlung  statt,
die  Eugen  Ernst  zum  Vorsitzenden ­
  und  Karl  Wildberger ­
  zum  Referenten
hatte,  beide  damals  Mitglieder ­
  der  Opposition,  und
der  Geist  der  Opposition  beherrschte ­
  dieganzeVersammlung.
  Wildberger  griff  in
seiner  Rede  die  Reichstagsfraktion ­
  auf  das  schärfste  an,
und  in  der  Debatte  ward  er
darin  von  A.  Kroll,  Will).
Börner,  Wilh.  Werner
und  Albert  Auer  dach  kräftig ­
  unterstützt.  Nach  Schluß
derVersammlung  marschierte
die  Mehrheit  der  Versammelten ­
  —  gegen  2000  Personen ­
  —  im  Zuge  durch  die
Straßen,  was  immerhin
einen  gewissen  Eindruck
machte.
Im  allgemeinen  war
1891  die  Beteiligung  an  den
Maidemonstrationen  erheblich ­
  stärker  als  im  Vorjahr,
doch  fehlte  dem  Ganzen  der
einheitliche  Zug,  der  sonst
die  Veranstaltungen  der
Berliner  Arbeiterschaft  auszeichnet. ­

Im  Jahre  1892  fiel  der
1.  Mai  auf  einen  Sonntag.
Dadurch  konnte  die  Feier  in  höherem  Grade  diesen  einheitlichen  Charakter
tragen,  und  stärker  als  in  den  Vorjahren  war  auch  die  Beteiligung  an
den  Versammlungen  und  Festlichkeiten.  Alle  größeren  Lokalitäten,  deren
man  überhaupt  habhaft  werden  konnte,  waren  gemietet  worden,  und  ausnahmslos ­
  war  der  Besuch  ein  glänzender.  Der  Maitag  war  Volksfest
geworden.
Damit  war  aber  die  Maifeierfrage  noch  nicht  gelöst.  Wohl  hatte  der
Brüsseler  internationale  Sozialistenkongreß  von  1891  bestimmt,  daß  die
Maidemonstrationen  durchgängig  ain  I.  Mai  stattfinden  sollten,  und  sich
grundsätzlich  für  Arbeitsruhe  ausgesprochen.  Zu  letzterem  aber  war  der  Zusah ­
  angenommen  worden:  „Soweit  dies  durch  den  Zustand  in  den  einzelnen
Ländern  nicht  unmöglich  gemacht  wird",  und  damit  war  es  der  Auslegung
der  Parteien  in  den  einzelnen  Ländern  überlassen,  nach  Wunsch  und  Bedürfnis ­
  selbst  zu  bestimmen,  ob  bei  ihnen  die  Arbeiksruhe  „möglich"  oder

parteivorstandcs  zur  Differenz  der  /Metallarbeiter
bei  der  H.  6.-6.  die  Maifeier  betreffend.

1  Der  Parkeivorstand  erklärt,  daß  er  ans  Grund  der  Verhandlungen,
die  er  seiner  Zeit  mit  der  Generalkommission  der  Gewerkschaften,  die
Maifeier  betreffend,  geführt  hat.  bereit  ist.  falls  der  Metallarbeiterverband
ihn  darum  ersucht,  die  finanziellen  Opfer,  welche  die  diesjährige  Maifeier ­
  dem  Verband  auferlegte,  nach  Möglichkeit  tragen  zn  helfet».
Die  Form,  in  welcher  der  Parteivorstand  diese  Mittel  aufbringt,
ist  ausschließlich  dessen  Angelegenheit.
2.  Der  Parteivorstand  kann  kein  Urteil  abgeben  über  die  HandlungSweise
  der  als  Mitglieder  des  Metallarbeiterverbandes  in  der  A.  E.-G.
beschäftigten  Parteigenossen,  soweit  diese  ihren  früher  gefaßten  Beschluß,
bei  der  Maifeier  nicht  zu  arbeiten,  selbst  mißachteten.
Dieser  Beschluß  ist  auf  Grund  der  Vorschriften,  welche  der  Metallardeiterverband
  für  seine  Mitglieder  bezüglich  einer  Entscheidung  über
die  Maifeier  erließ,  gefaßt  worden.  ES  handelt  sich  also  hierbei  in
erster  Linie  um  eine  gewerkschaftliche  Angelegenheit,  zu  der  zunächst  die
Gewerkschaft  Stellung  zu  nehmen  hat?
Der  Parteivorstand  ist  aus  Grund  der  Parteiorganisation  oecpflichtet,
  abzuwarten,  ob  eine  lokale  Organisation  den  Antrag  stellt,
ein  Parteimitglied,  das  sich  an  der  Nichteinhaltung  deS  in  der  A.  E.-G.
gefaßten  Beschlusses  betreffend  die  Maifeier  beteiligte,  wegen  ehrloser
Handlung  mi3  der  Partei  auszuschließen.  Wird  ein  solcher  Antrag
gestellt,  so  ist  der  Parteivorstand  verpflichtet,  ein  Schiedsgericht  zusammen
zu  berufen,  zu  dem  er  den  Vorsitzenden  ernennt.
Der  Parteivorstand  würde  also,  wenn  er  von  sich  auS.in  einem
Falle  wie  den»  vorliegenden  ein  Urteil  fällte,  von  vornherein  als  Partei
erscheinen  und  die  Unparteilichkeit  des  Schiedsgerichtsspruchs  in  Frage
stellen.
3.  Soweit  der  Parkeivorstand  in  der  Lage  ist,  die  Vorgänge,  die
anläßlich  der  Maiseier  mit  dem  Verhalten  eines  großen  Teils  der  Mitglieder ­
  des  MetdllarbeitervecbandeS,  die  in  der  A.  E.-G.  beschäftigt  sind,
in  Verbindung  stehen,  beurteilen  zu  können,  glaubt  er.  daß  auf  beiden
Seilen,  d.  h.  sowohl  aus  Seite  der  bei  der  Ä.  E.-G-  beschäftigten  Mitglieder ­
  dcL  MetallarbeitcrvcrbandcS.  wie  bei  der  Leitung  desselben  Versehen ­
  hegangen  wurden.  die  eine  unklare  Situation  herbeiführten.
Von  diesen»  GesichtSpilNkt  auS  und  in  Anbetracht  deS  Umstandes,
daß  ei»  größerer  Konflikt  zivischen  dem  Metallarbeiterverband  und  seinen
renitent  geivordcne»»  Mitgliedern,  die  bei  der  A.  E.-G.  beschäftigt  sind,
für  die  Schar,'machcr  eine  ersehnte  Gelegenheit  wäre.  eS  zu  einer  Spaltung
in»  Metallarbeitervcrbande  zu  treiben  »»nd  eine  Kraftprobe  mit  den»
Unternehniertum  hervorzurufen,  empfiehlt  der  Parteivorftand  aller  aufzubieten, ­
  um  einen  solchen  Konflikt  zu  vermeiden.

199.  Erklärung  des  sozialdemokratischen  Parteivorstandes

            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.