428
„nicht möglich" war. Auf dem Parteitag der Deutschen Sozialdemokratie von
1892, der in Berlin tagte, ward für die Maifeier von 1893 die Arbcitsruhe
mit 236 gegen 5 Stimmen abgelehnt; nicht einer der Delegierten der
sechs Wahlkreise Berlins stimmte für die Arbcitsruhe. Allerdings waren
die rabiatesten der „Jungen" mittlerweile aus der Partei ausgeschieden.
Trotzdem wurden am l. Mai 1893, der ein Montag war, auch von
Mitgliedern der Partei Maidemonstrationen am Vormittag abgehalten.
Es waren dies eine große politische Versammlung im Norden Berlins, die
wiederum im Eiskeller tagte, diesmal aber mit Wilhelm Liebknecht als
Referenten, und eine Anzahl Versammlungen gewerkschaftlichen Charakters.
Die Maurer und Putzer, die Maler, die Töpfer vom Baugewerbe,
die Schneider und die Glacehandschuhmacher von der Bekleidungsindustrie
feierten den 1. Mai aus eigenem Antrieb durch Arbcitsruhe. Alle
andern Gewerbe aber und die Wahlvereine hatten die Demonstration auf
den Abend angesetzt, nur daß bei den Wahlvereinen und verschiedenen
Gewerben die Festlichkeit schon am Nachmittag ihren Anfang nahm.
Dann kam im Sommer 1893 der Züricher internationale Kongreß, der
den Beschluß hinsichtlich der Arbeitsrnhe dahin verschärfte, daß er es den
Sozialisten überall zur Pflicht machte, die auf Verwirklichung der Arbeitsruhe
gerichteten Bestrebungen zu unterstützen. Die deutsche Delegation
hatte gegen die Verschärfung gestimmt, nachdem die Resolution aber die
Mehrheit erlangt hatte, trug man ihr auch in Deutschland nach bestem
Können Rechnung. Freilich war die Geschäftslage noch sehr schlecht und
die Verpflichtung zur Arbeitsruhe um so weniger angängig, als viele Gewerkschaften
an Mitgliedern verloren hatten. So nahm denn der im Perbst
1893 in Köln abgehaltene Parteitag mit allen gegen 3 Stimmen eine Resolution
an, die erklärte, daß die deutsche Sozialdemokratie die allgemeine
Arbeitsruhe erstrebe, sie indes im Pinblick auf die schlechte Geschäftslage
nur denjenigen Organisationen empfehle, welche sie ohne Schädigung der
Arbeiterinteressen durchführen könnten.
Das war immerhin eine bestimmte Direktive, und wer war besser berufen,
zu entscheiden, ob in den einzelnen Gewerben und Werkstätten die Arbcitsruhe
durchzuführen war, als die Gewerkschaften? Am 1. Mai 1894 halten
in Berlin fast alle Gewerkschaften am Vormittag ihre Maidemonstrationen
ab, während die sozialdemokratischen Wahlvereine Festlichkeiten veranstalten,
die am Nachmittag ihren Anfang nehmen und am Abend durch eine Festrede
ihre politische Weihe erhalten. Eine Einteilung, bei der es auch in
der Folge verbleibt. Wie sie sich fast ganz von selbst ergeben hat, wird sie
auch die folgenden Jahre als etwas Selbstverständliches, die Durchführung
der Arbeitsruhe als Angelegenheit der Gewerkschaften betrachtet. Dies um
so mehr, als sowohl die Festlichkeiten der Wahlvereine wie die Vormittagsversammlungen
der Gewerkschaften jetzt fast jedes Jahr sich größeren Besuches
erfreuen. Die erst so umstrittene Maifcierfrage scheint die glücklichste
Lösung gefunden zu haben.
Da setzt um die Jahrhundertwende eine Gegenströmung ein. Wohl
sind die Gewerkschaften stark gewachsen, aber auch das Unternehmertum
hat sich in der Zwischenzeit immer geschlossener organisiert und nimmt in
verschiedenen Gewerben die Arbeitsruhe des 1. Mai zum Anlaß von
Maßregelungen im großen — meist Aussperrung für 3 bis 6 Tage.