Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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„nicht  möglich"  war.  Auf  dem  Parteitag  der  Deutschen  Sozialdemokratie  von
1892,  der  in  Berlin  tagte,  ward  für  die  Maifeier  von  1893  die  Arbcitsruhe
  mit  236  gegen  5  Stimmen  abgelehnt;  nicht  einer  der  Delegierten  der
sechs  Wahlkreise  Berlins  stimmte  für  die  Arbcitsruhe.  Allerdings  waren
die  rabiatesten  der  „Jungen"  mittlerweile  aus  der  Partei  ausgeschieden.
Trotzdem  wurden  am  l.  Mai  1893,  der  ein  Montag  war,  auch  von
Mitgliedern  der  Partei  Maidemonstrationen  am  Vormittag  abgehalten.
Es  waren  dies  eine  große  politische  Versammlung  im  Norden  Berlins,  die
wiederum  im  Eiskeller  tagte,  diesmal  aber  mit  Wilhelm  Liebknecht  als
Referenten,  und  eine  Anzahl  Versammlungen  gewerkschaftlichen  Charakters.
Die  Maurer  und  Putzer,  die  Maler,  die  Töpfer  vom  Baugewerbe,
die  Schneider  und  die  Glacehandschuhmacher  von  der  Bekleidungsindustrie ­
  feierten  den  1.  Mai  aus  eigenem  Antrieb  durch  Arbcitsruhe.  Alle
andern  Gewerbe  aber  und  die  Wahlvereine  hatten  die  Demonstration  auf
den  Abend  angesetzt,  nur  daß  bei  den  Wahlvereinen  und  verschiedenen
Gewerben  die  Festlichkeit  schon  am  Nachmittag  ihren  Anfang  nahm.
Dann  kam  im  Sommer  1893  der  Züricher  internationale  Kongreß,  der
den  Beschluß  hinsichtlich  der  Arbeitsrnhe  dahin  verschärfte,  daß  er  es  den
Sozialisten  überall  zur  Pflicht  machte,  die  auf  Verwirklichung  der  Arbeitsruhe ­
  gerichteten  Bestrebungen  zu  unterstützen.  Die  deutsche  Delegation
hatte  gegen  die  Verschärfung  gestimmt,  nachdem  die  Resolution  aber  die
Mehrheit  erlangt  hatte,  trug  man  ihr  auch  in  Deutschland  nach  bestem
Können  Rechnung.  Freilich  war  die  Geschäftslage  noch  sehr  schlecht  und
die  Verpflichtung  zur  Arbeitsruhe  um  so  weniger  angängig,  als  viele  Gewerkschaften ­
  an  Mitgliedern  verloren  hatten.  So  nahm  denn  der  im  Perbst
1893  in  Köln  abgehaltene  Parteitag  mit  allen  gegen  3  Stimmen  eine  Resolution ­
  an,  die  erklärte,  daß  die  deutsche  Sozialdemokratie  die  allgemeine
Arbeitsruhe  erstrebe,  sie  indes  im  Pinblick  auf  die  schlechte  Geschäftslage
nur  denjenigen  Organisationen  empfehle,  welche  sie  ohne  Schädigung  der
Arbeiterinteressen  durchführen  könnten.
Das  war  immerhin  eine  bestimmte  Direktive,  und  wer  war  besser  berufen,
zu  entscheiden,  ob  in  den  einzelnen  Gewerben  und  Werkstätten  die  Arbcitsruhe ­
  durchzuführen  war,  als  die  Gewerkschaften?  Am  1.  Mai  1894  halten
in  Berlin  fast  alle  Gewerkschaften  am  Vormittag  ihre  Maidemonstrationen
ab,  während  die  sozialdemokratischen  Wahlvereine  Festlichkeiten  veranstalten,
die  am  Nachmittag  ihren  Anfang  nehmen  und  am  Abend  durch  eine  Festrede ­
  ihre  politische  Weihe  erhalten.  Eine  Einteilung,  bei  der  es  auch  in
der  Folge  verbleibt.  Wie  sie  sich  fast  ganz  von  selbst  ergeben  hat,  wird  sie
auch  die  folgenden  Jahre  als  etwas  Selbstverständliches,  die  Durchführung
der  Arbeitsruhe  als  Angelegenheit  der  Gewerkschaften  betrachtet.  Dies  um
so  mehr,  als  sowohl  die  Festlichkeiten  der  Wahlvereine  wie  die  Vormittagsversammlungen ­
  der  Gewerkschaften  jetzt  fast  jedes  Jahr  sich  größeren  Besuches ­
  erfreuen.  Die  erst  so  umstrittene  Maifcierfrage  scheint  die  glücklichste
Lösung  gefunden  zu  haben.
Da  setzt  um  die  Jahrhundertwende  eine  Gegenströmung  ein.  Wohl
sind  die  Gewerkschaften  stark  gewachsen,  aber  auch  das  Unternehmertum
hat  sich  in  der  Zwischenzeit  immer  geschlossener  organisiert  und  nimmt  in
verschiedenen  Gewerben  die  Arbeitsruhe  des  1.  Mai  zum  Anlaß  von
Maßregelungen  im  großen  —  meist  Aussperrung  für  3  bis  6  Tage.
            
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