Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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angesetzten Zeit dicht besetzt, und zwei Stunden währte es, bis alle die 
Kranzträger die von Einzelnen und Körperschaften gestifteten, meist mit 
tiefroten Schleifen versehenen Blumenspenden auf dem Grabe niedergelegt 
hatten. Draußen aber wogte die ganze Zeit über eine viele Zehntausende 
zählende Menge, die durch ihr ernstes Verhalten den tiefen Eindruck der 
Kundgebung noch steigerte. 
In gleicher Weise wären noch viele bemerkenswerte Leichenbegängnisse 
aufzuzählen. Die Bestattung des Veteranen Theodor Metzner und die 
des jugendlich hoffnungsvollen Dichters und Kämpfers Emil Rosenow, 
die des in gefährdeter Situation stets tatbereiten August Iacobey und 
die des vielverfolgten knorrigen Gustav Keßler, sowie noch vieler Tapferer, 
die sich in der einen oder anderen Weise ausgezeichnet hatten. Es scheint 
indes angemessen, von den wenigen Vorgenannten abgesehen, in bezug auf 
die Toten keine Ausnahme zu machen, sondern auch diesem Leere gegenüber 
die demokratische Gleichheit obwalten zu lassen, denn sie verbürgt die größere 
Gerechtigkeit. Llnsere Bewegung ist groß durch die Arbeit der Ungenannten. 
Ja, es ist eine große Bewegung. Das zeigt die Bilanz der Ergebnisse 
ihrer Arbeit. Wohin wir blicken, zeigt sie gegen den Anfang gewaltigen 
Aufstieg. Kaum zehn Prozent der beschäftigten männlichen Arbeiter Berlins 
sind am Anfang unserer Epoche gewerkschaftlich organisiert, am Ende ist 
der Prozentsatz der Organisierten, trotz der Schwierigkeiten, die gerade die 
Weltstadt der Organisationsarbeit entgegensetzt, auf gegen 30 Prozent 
gestiegen, hat sich das Leer in absoluter Zahl mehr als verfünffacht. In 
fast gleicher Weise ist die Armee der politisch organisierten Arbeiter Berlins 
gestiegen. Sie belief sich zu Anfang auf kaum zehntausend und zählte am 
Abschluß 41 700 Mitglieder bei bedeutend durchgearbeiteter Gliederung und 
Zusammenfassung der Kräfte. Nicht minder groß ist die Zunahme der 
Beteiligung der weiblichen Arbeiterschaft an der Bewegung. Für die 
politische Bewegung läßt sich das nicht ziffernmäßig feststellen, weil in den 
Wahlvereinen die Frauen noch nicht Mitglieder sein durften, in der 
Gewerkschaftsbewegung aber ist die Zahl der organisierten Arbeiterinnen 
von kaum 1 500 auf über 15 000 gestiegen, hat sie sich mehr als verzehnfacht. 
Lind wir haben gesehen, wie sich in entsprechender Weise in den öffentlichen 
Körperschaften die Vertretung der Arbeiterklasse gehoben hat. Wie von 
den acht Reichstagsmandaten Groß-Berlins zu Anfang nur zwei, am 
Abschluß aber sieben Besitz der Sozialdemokratie waren, wie in Berlins 
Kommunalverkretung die Sozialdemokratie im Jahre 1891 erst ein Viertel, 
Ende 1905 aber zwei Drittel der Mandate der dritten Wählerabteilung 
erobert hatte und in den meisten Vororten ein gleiches, in einigen aber ein 
noch günstigeres Verhältnis obwaltet. In den Gewerbegerichten Groß- 
Berlins sind die Arbeitcrbeisitzer durchgängig Angehörige der sozialistischen 
Arbeiterbewegung, im Berliner Kaufmannsgericht hat der auf dem Boden 
der Arbeiterbewegung kämpfende Verband der Landlungsgehilfen eine starke 
Vertretung. Wie das alles auf die ökonomisch-soziale Lage der Arbeiter 
zurückgewirkt hat, soll zahlenmäßig nicht vorgeführt werden, weil das 
ökonomische Leben durch Momente mit beeinflußt wird, die sich die Arbeiter 
bewegung nur zum Teil auf Rechnung sehen kann. Soviel aber ist sicher: 
wenn der durchschnittliche Satz der Arbeitslöhne in allen Industrien und 
Gewerben Berlins um bis zu 25 Prozent und darüber gestiegen ist, wenn
	        
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