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angesetzten Zeit dicht besetzt, und zwei Stunden währte es, bis alle die
Kranzträger die von Einzelnen und Körperschaften gestifteten, meist mit
tiefroten Schleifen versehenen Blumenspenden auf dem Grabe niedergelegt
hatten. Draußen aber wogte die ganze Zeit über eine viele Zehntausende
zählende Menge, die durch ihr ernstes Verhalten den tiefen Eindruck der
Kundgebung noch steigerte.
In gleicher Weise wären noch viele bemerkenswerte Leichenbegängnisse
aufzuzählen. Die Bestattung des Veteranen Theodor Metzner und die
des jugendlich hoffnungsvollen Dichters und Kämpfers Emil Rosenow,
die des in gefährdeter Situation stets tatbereiten August Iacobey und
die des vielverfolgten knorrigen Gustav Keßler, sowie noch vieler Tapferer,
die sich in der einen oder anderen Weise ausgezeichnet hatten. Es scheint
indes angemessen, von den wenigen Vorgenannten abgesehen, in bezug auf
die Toten keine Ausnahme zu machen, sondern auch diesem Leere gegenüber
die demokratische Gleichheit obwalten zu lassen, denn sie verbürgt die größere
Gerechtigkeit. Llnsere Bewegung ist groß durch die Arbeit der Ungenannten.
Ja, es ist eine große Bewegung. Das zeigt die Bilanz der Ergebnisse
ihrer Arbeit. Wohin wir blicken, zeigt sie gegen den Anfang gewaltigen
Aufstieg. Kaum zehn Prozent der beschäftigten männlichen Arbeiter Berlins
sind am Anfang unserer Epoche gewerkschaftlich organisiert, am Ende ist
der Prozentsatz der Organisierten, trotz der Schwierigkeiten, die gerade die
Weltstadt der Organisationsarbeit entgegensetzt, auf gegen 30 Prozent
gestiegen, hat sich das Leer in absoluter Zahl mehr als verfünffacht. In
fast gleicher Weise ist die Armee der politisch organisierten Arbeiter Berlins
gestiegen. Sie belief sich zu Anfang auf kaum zehntausend und zählte am
Abschluß 41 700 Mitglieder bei bedeutend durchgearbeiteter Gliederung und
Zusammenfassung der Kräfte. Nicht minder groß ist die Zunahme der
Beteiligung der weiblichen Arbeiterschaft an der Bewegung. Für die
politische Bewegung läßt sich das nicht ziffernmäßig feststellen, weil in den
Wahlvereinen die Frauen noch nicht Mitglieder sein durften, in der
Gewerkschaftsbewegung aber ist die Zahl der organisierten Arbeiterinnen
von kaum 1 500 auf über 15 000 gestiegen, hat sie sich mehr als verzehnfacht.
Lind wir haben gesehen, wie sich in entsprechender Weise in den öffentlichen
Körperschaften die Vertretung der Arbeiterklasse gehoben hat. Wie von
den acht Reichstagsmandaten Groß-Berlins zu Anfang nur zwei, am
Abschluß aber sieben Besitz der Sozialdemokratie waren, wie in Berlins
Kommunalverkretung die Sozialdemokratie im Jahre 1891 erst ein Viertel,
Ende 1905 aber zwei Drittel der Mandate der dritten Wählerabteilung
erobert hatte und in den meisten Vororten ein gleiches, in einigen aber ein
noch günstigeres Verhältnis obwaltet. In den Gewerbegerichten Groß-
Berlins sind die Arbeitcrbeisitzer durchgängig Angehörige der sozialistischen
Arbeiterbewegung, im Berliner Kaufmannsgericht hat der auf dem Boden
der Arbeiterbewegung kämpfende Verband der Landlungsgehilfen eine starke
Vertretung. Wie das alles auf die ökonomisch-soziale Lage der Arbeiter
zurückgewirkt hat, soll zahlenmäßig nicht vorgeführt werden, weil das
ökonomische Leben durch Momente mit beeinflußt wird, die sich die Arbeiter
bewegung nur zum Teil auf Rechnung sehen kann. Soviel aber ist sicher:
wenn der durchschnittliche Satz der Arbeitslöhne in allen Industrien und
Gewerben Berlins um bis zu 25 Prozent und darüber gestiegen ist, wenn