Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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hatte  die  Regierung  etliche  Beamte,  die  mit  den  „Kanalrebellen"  gegangen
waren  —  2  Regierungspräsidenten  und  20  Landräte  —  zur  Disposition
gestellt.  Da  sie  es  aber  nicht  wagte,  den  Landtag  auszulosen  und  einmal
gegen  ihre,  selbst  wenn  sie  trotzen,  noch  geliebten  Junker  die  Wähler  aufzurufen, ­
  blieben  die  um  Kanitz  und  Wangenheim  unerschüttert,  zumal  sie
im  Ministerium  selbst  heimliche  Verbündete  hatten,  darunter,  wie  es  hieß,
den  sich  zurückgesetzt  fühlenden  Miqucl.  Anfang  1901  brachte  die  Regierung
den  Entwurf  wieder  ein,  diesmal  verzuckert  durch  Bestimmungen  über
Kanalbauten,  Meliorationen,  Flußregulierungen  und  dergleichen  für  Ostclbien.
  Aber  die  Agrarier  blieben  hartnäckig;  ihnen  war  das  Kanalprojekt
ein  wertvolles  Erpressungsmittel,  von  dem  sie  nach  der  Parole  Gebrauch  zu
machen  suchten:  „Ohne  Kanitz  keine  Kähne!"  Ohne  erst  die  Schlußabstimmung ­
  abzuwarten,  schloß  die  Regierung  die  Tagung,  ließ  aber  nun
Miguel  ziehen,  der  sich  gründlich  abgenutzt  hatte.  Mit  ihm  gingen  der
Landelsminister  Brefeld  und  der  Landwirtschaftsminister  Ernst  Lammerstein-Loxten.
  An  die  Stelle  des  letzteren  trat  der  vergnügte  Pusar  von  Podbielski,
  der  bis  dahin  Reichspostsekretär  gewesen  war,  Finanzminister  wurde
Herr  von  Rheinbaben,  ein  sachkundiger  Bureaukrat,  aber  nicht  mehr,
Minister  des  Innern  Lans  von  Lammerstein-Loxten,  und  das  Landelsportefeuille
  erhielt  der  nationallibcrale  Abgeordnete  und  Großindustrielle
Moller-Brackwede.  Die  Ernennung  des  letzteren  war  ein  Kompliment  an
die  Adresse  der  Industriefeudalität,  die  Übertragung  des  Portefeuilles  für
die  Landwirtschaft  an  Podbielski  eine  Verbeugung  vor  den  Agrariern,  die
auch  gnädigst  entgegengenommen  wurde,  ohne  daß  die  Lerren  an  ihrer
Taktik  ein  Deut  änderten.  Sie  schrien,  daß  der  Tarifentwurf  der  Regierung
die  berechtigten  Forderungen  der  Landwirtschaft  unerfüllt  lasse,  das  heißt,
daß  die  Mindestzölle  auf  Getreide,  Vieh  usw.  noch  viel  zu  niedrig  seien,
und  setzten  sich  in  Positur,  durch  kräftige  Opposition  neue  Zugeständnisse  zu
erpressen.
Das  war  die  Situation,  welche  die  sozialdemokratische  Reichstagsfraktion
vorfand,  als  sie  den  Kampf  gegen  den  Zolltarif  aufnahm.  Eine  Zeitlang
hatte  sie  in  diesem  die  freisinnigen  Fraktionen  zur  Seite.  Position  für
Position  des  Tarifs  wurde  von  den  sozialdemokratischen  Mitgliedern  der
Kommission,  an  die  der  Entwurf  verwiesen  war,  einer  gründlichen  Erörterung
unterzogen,  und  da  der  Tarif  946  Nummern  zählte,  zogen  sich  die  Verhandlungen ­
  so  lange  hin,  daß  man  sich  genötigt  sah,  die  Kommission  selbst
während  der  Sommerferien  des  Jahres  1902  täglich  sechs  Stunden  tagen
zu  lassen,  damit  die  Sache  nur  vorwärts  kam.  Erst  am  6.  Oktober  ging
die  Kommissionsberatung  zu  Ende  und  kam  der  Tarif  im  Plenum  zur
zweiten  Lesung,  die  geschäftsordnungsmäßig  ebenfalls  eine  Spezialberatung  ist.
Selbstverständlich  setzte  die  Sozialdemokratie  hier  ihren  Kampf  fort,  wobei
zu  bemerken  ist,  daß  Gewerbetreibende  aller  Industriegruppen  den  Reichstag
mit  Zuschriften  über  die  ihnen  vom  Tarif  drohenden  Schädigungen  überschütteten ­
  und  Anspruch  auf  Prüfung  ihrer  Vorhalten  hatten.  Da  vollzog
die  freisinnige  Volkspartei  unter  Führung  Eugen  Richters  eine  Schwenkung.
Vor  versammeltem  Reichstag  griff  Richter,  statt  die  aus  Zentrum,  Nationalliberalen, ­
  Freikonservativen  und  einem  Teil  der  Konservativen  bestehende
Zollmehrheit,  die  links  von  ihm  sitzenden  Zollgegner  an,  indem  er  ihnen
sinnlose  Obstruktion  vorwarf,  die  sich  keine  Mehrheit  gefallen  lasse.  Dies
            
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