Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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im September in Dresden abgehaltenen Parteitag zu den oben schon erwähnten 
Auseinandersetzungen, in denen die bittersten Vorwürfe hin und herflogen 
und manche scharfen Worte gebraucht wurden, die in ruhiger Stunde 
schwerlich gefallen wären, die aber, wie der ganze Streit, von den Gegnern 
der Sozialdemokratie mit Wohlbehagen breitgetreten und gegen die 
Partei ausgespielt wurden. Die auch von vielen der Beteiligten nach 
träglich bedauerten Debatten fanden ein recht häßliches Nachspiel, als Lerr 
Larden aus Ärger darüber, daß die des Verkehrs mit ihm Bezichtigten 
nicht für ihn eingesprungen waren, sondern ihn mehr oder weniger abge 
schüttelt hatten, nun in breiten Artikeln über sie Herzog und sie der Anwahr 
haftigkeit zieh. Es entspann sich eine unerquickliche und sehr lange sich 
hinziehende Preßpolemik im „Vorwärts", die namentlich bei der Masse der 
Berliner Genossen die Mißstimmung gegen diejenigen, die man für Revi 
sionisten hielt, noch erheblich verschärfte. 
Alles das verhinderte selbstverständlich nicht, daß die Sozialdemokratie bei 
der zwei Monate nach dem Dresdener Parteitag erfolgenden Landtagswahl in 
Preußen wieder einmütig kämpfte, so daß sie, trotz der großen Angunst des per 
fiden preußischen Wahlsystems, das es ihr unmöglich machte, in allen Wahl 
kreisen den Kampf aufzunehmen, nur zehntausend Arwählerstimmen weniger 
erhielt als wie die stärkste aller übrigen Parteien. Es wurden für sie 
314 149, für die Konservativen 324 157 Stimmen abgegeben. Während 
aber die ersteren 143 Mandate erhielten, ward der Sozialdenwkratie keines 
zuteil. Schuld daran war indes nicht ausschließlich das System, sondern 
die Äaltung der freisinnigen Parteien, die durchgängig lieber den Kon 
servativen zum Sieg verhalfen, als sich mit der Sozialdemokratie zu ver 
ständigen oder in der Stichwahl für deren Kandidaten zu stimmen. Das 
hatte dann zur Folge, daß auch die Sozialdemokraten ihrerseits bei den 
Stichwahlen die Freisinnigen ihrem Schicksal überließen, so daß das End 
resultat der Landtagswahl von 1903 eine Verringerung der Mandate der 
Freisinnigen war. Ein typisches Beispiel ist Breslau. Dort hatten 1898 
die Sozialdemokraten den Freisinnigen ohne Gegenleistung den Sieg ver 
schafft. Nun aber verlangten sie, die ja die Lälfte der Wähler Breslaus 
hinter sich hatten, von den Freisinnigen die Abtretung wenigstens des einen 
der drei Mandate, und einer der drei 1898 Gewählten, Herr Gothein, 
unterstützte das Verlangen als gerechtfertigt und erklärte sich bereit, zu 
gunsten eines Sozialdemokraten auf sein Mandat zu verzichten. Aber es 
gelang ihm nicht, die Mehrheit seiner Parteimitglieder für diese demokratische 
Politik zu gewinnen. Man ließ es im Gegenteil ruhig darauf ankommen, 
daß die Vertretung Breslaus klerikal-konservativ lvurde. And so war es 
anderwärts auch. 
Auch in Berlin hatte jetzt die Sozialdemokratie den Kampf bei der 
Landtagswahl aufgenommen. Genaueres über das Resultat findet der 
Leser in einem besonderen Kapitel. Lier sei jedoch erwähnt, daß es im 
höchsten Grade ermunternd ausfiel. Es fehlte damals schon wenig an der 
Wahl von sozialdemokratischen Vertretern für den Norden Berlins. 
Der neue Landtag bewilligte der Regierung nach vielen Verhandlungen 
endlich im Jahre 1905, im Verein mit anderen Verbesserungen der Wasser 
straßen, auch die Fortführung des begonnenen Stücks vom Mittellandkanal. 
Doch wurde ihm Hannover als Grenze gesetzt, damit das geheiligte Ost-
	        
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