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im September in Dresden abgehaltenen Parteitag zu den oben schon erwähnten
Auseinandersetzungen, in denen die bittersten Vorwürfe hin und herflogen
und manche scharfen Worte gebraucht wurden, die in ruhiger Stunde
schwerlich gefallen wären, die aber, wie der ganze Streit, von den Gegnern
der Sozialdemokratie mit Wohlbehagen breitgetreten und gegen die
Partei ausgespielt wurden. Die auch von vielen der Beteiligten nach
träglich bedauerten Debatten fanden ein recht häßliches Nachspiel, als Lerr
Larden aus Ärger darüber, daß die des Verkehrs mit ihm Bezichtigten
nicht für ihn eingesprungen waren, sondern ihn mehr oder weniger abge
schüttelt hatten, nun in breiten Artikeln über sie Herzog und sie der Anwahr
haftigkeit zieh. Es entspann sich eine unerquickliche und sehr lange sich
hinziehende Preßpolemik im „Vorwärts", die namentlich bei der Masse der
Berliner Genossen die Mißstimmung gegen diejenigen, die man für Revi
sionisten hielt, noch erheblich verschärfte.
Alles das verhinderte selbstverständlich nicht, daß die Sozialdemokratie bei
der zwei Monate nach dem Dresdener Parteitag erfolgenden Landtagswahl in
Preußen wieder einmütig kämpfte, so daß sie, trotz der großen Angunst des per
fiden preußischen Wahlsystems, das es ihr unmöglich machte, in allen Wahl
kreisen den Kampf aufzunehmen, nur zehntausend Arwählerstimmen weniger
erhielt als wie die stärkste aller übrigen Parteien. Es wurden für sie
314 149, für die Konservativen 324 157 Stimmen abgegeben. Während
aber die ersteren 143 Mandate erhielten, ward der Sozialdenwkratie keines
zuteil. Schuld daran war indes nicht ausschließlich das System, sondern
die Äaltung der freisinnigen Parteien, die durchgängig lieber den Kon
servativen zum Sieg verhalfen, als sich mit der Sozialdemokratie zu ver
ständigen oder in der Stichwahl für deren Kandidaten zu stimmen. Das
hatte dann zur Folge, daß auch die Sozialdemokraten ihrerseits bei den
Stichwahlen die Freisinnigen ihrem Schicksal überließen, so daß das End
resultat der Landtagswahl von 1903 eine Verringerung der Mandate der
Freisinnigen war. Ein typisches Beispiel ist Breslau. Dort hatten 1898
die Sozialdemokraten den Freisinnigen ohne Gegenleistung den Sieg ver
schafft. Nun aber verlangten sie, die ja die Lälfte der Wähler Breslaus
hinter sich hatten, von den Freisinnigen die Abtretung wenigstens des einen
der drei Mandate, und einer der drei 1898 Gewählten, Herr Gothein,
unterstützte das Verlangen als gerechtfertigt und erklärte sich bereit, zu
gunsten eines Sozialdemokraten auf sein Mandat zu verzichten. Aber es
gelang ihm nicht, die Mehrheit seiner Parteimitglieder für diese demokratische
Politik zu gewinnen. Man ließ es im Gegenteil ruhig darauf ankommen,
daß die Vertretung Breslaus klerikal-konservativ lvurde. And so war es
anderwärts auch.
Auch in Berlin hatte jetzt die Sozialdemokratie den Kampf bei der
Landtagswahl aufgenommen. Genaueres über das Resultat findet der
Leser in einem besonderen Kapitel. Lier sei jedoch erwähnt, daß es im
höchsten Grade ermunternd ausfiel. Es fehlte damals schon wenig an der
Wahl von sozialdemokratischen Vertretern für den Norden Berlins.
Der neue Landtag bewilligte der Regierung nach vielen Verhandlungen
endlich im Jahre 1905, im Verein mit anderen Verbesserungen der Wasser
straßen, auch die Fortführung des begonnenen Stücks vom Mittellandkanal.
Doch wurde ihm Hannover als Grenze gesetzt, damit das geheiligte Ost-