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Berlin ist Arbeitsstadt geblieben und gleichzeitig Freuden- und Fremdenstadt
ersten Ranges geworden. Noch in den siebziger Zähren des 19. Jahrhunderts
wurden seine Darbietungen in bezug auf Kunstanstalten,
Vergnügungsetablissements, technische und Verkehrscinrichtungen fast
nur von preußischen Provinzlern aufgesucht; in neuerer Zeit aber zieht
es immer mehr Gäste aus anderen Ländern an sich. Im Jahre 1890
wurden schon 505 482 Fremde in Berlin gemeldet, im Jahre 1905 aber
waren es eine volle Million — in genauer Zahl 1 004 774. In fünfzehn
Jahren hat sich der Fremdenverkehr verdoppelt. Im Durchschnitt beherbergt
Berlin in seinen Lotels, Pensionen und dergleichen monatlich 100000 Fremde.
Verdoppelt oder sogar mehr als verdoppelt hat sich aber auch die
Inanspruchnahme des jetzt in der Fröbelstraße, im Nordosten Berlins
gelegenen städtischen Obdachs für nächtliche Obdachlose. Im Jahre 1890
ward es von 227 896 Personen in Anspruch genommen, 1905 belief sich
die Zahl auf 581 680 Personen, nachdem sie 1904 schon 658 353 Personen
betragen hatte. Da Vergleiche einzelner Jahre leicht ein falsches Bild
ergeben, weil der wechselnde Geschäftsgang sich hier natürlich besonders
stark geltend macht, mag eine Zusammenstellung der ersten und der
letzten fünf Jahre seit Neueinrichtung des städtischen Obdachwesens —
24. Oktober 1887 — uns eine Vorstellung von dem Elend geben, welches
die Hauptstadt birgt. Es benutzten das städtische Obdach für nächtliche
Obdachlose:
Jahr Besuch Jahr Besuch
1888 223 909 1901 526 567
1889 205 703 1902 603 487
1890 227 396 1903 589 606
1891 317 849 1904 658353
1892 308 535 1905 581 680
Durchschnitt 1888/92 256 678 Durchschnitt 1901/05 591 939
Auch der Durchschnitt von je fünf Jahren zeigt für unsere Periode
eine Steigerung auf erheblich mehr als das Doppelte der Gäste des Obdachs.
Das Jahr 1905 zeichnete sich durch ganz besonders günstigen Geschäftsgang
aus, es darf daher aus dem bedeutenden Rückgang, den es in bezug auf
die Zahl der Gäste des Obdachs aufweist, noch kein Schluß hinsichtlich der
Entwicklung der sozialen Verhältnisse gezogen werden.
Wenngleich anerkannt werden muß, daß die Grundsätze, nach denen
das städtische Obdach geleitet wird, und die Behandlung, welche die
Obdachlosen dort erfahren, gegen früher etwas besser geworden sind, und
daß wenigstens einige der schreiendsten Äbelstände des ehemaligen „Ochsenkopf"
Abhilfe gefunden haben, so ist die Leitung doch noch weit von echter
Äumanität entfernt und ist für Sauberkeit und gute Lust noch lange nicht
genügend gesorgt. Es herrscht noch immer im wesentlichen der alte Polizeigeist,
der sich keine andere Disziplin als die unter der Fuchtel strammer
Aufseher vorstellen kann. ,
Das aus Privatmitteln errichtete und möglichst frei vom Polizeigeist
gehaltene Asyl des Asylvereins fiir Obdachlose in der Wiesenstraße iin
Norden Berlins, im Volk die „Wiesenburg" genannt, hat eine im Verhältnis
noch stärkere Zunahme seiner Frequenz zu verzeichnen als das stad 0 )
Obdach. Seine Besuchszahlen waren (Männer und Frauen zusammen-.