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zeichnete sich äußerlich keiner vor dem anderen aus. Noch jetzt kann
Jeder von Euch sich durch eigenen Anblick überzeugen, daß die
Wohnungen eines Themistokles, eines Miltiades und aller übrigen
großen Männer der Vorzeit durchaus nicht schöner und ansehnlicher
waren als die ihrer Mitbürger. Dagegen sind die zu ihrer- Zeit
errichteten öffentlichen Gebäude und Denkmale so großartig und
prachtvoll, daß sie ewig unübertrefflich bleiben werden; ich meine
die Propyläen, die Arsenale, die Säulengänge, die Hafenbauten des
Piräus und andere öffentliche Werke unserer Stadt. Jetzt aber
gibt es Staatsmänner, deren Privatwohnungen viele öffentliche
Gebäude an Pracht überbieten, und welche so große Landgüter
zusaminengekauft haben, daß die Felder von Euch Allen, die Ihr
hier als Richter versammelt seid, an Ausdehnung denselben nicht
gleichkommen." (Die einzelnen athenischen Schwurgerichtshöfe
waren von fünfhundert Geschworenen zusammengesetzt.) Was da
gegen jetzt von Staats wegen gebaut wird, das ist so unbedeutend
und ärmlich, daß man sich schämen muß, davon zu reden."
Im alten Athen tritt die Prostitution als soziale Massen-
erscheinung aus und zwar bei einer städtisch angesiedelten, durch
tiefeinschneidcndc Klassengegensätze zerklüfteten Bevölkerung.
II. Die Ständcgliederung der mittelalterlichen
Stadt und das Dirnen wesen.
Tun wir nun einen gewaltigen Schritt vom Altertum in die
Geschichte des späteren Mittelalters, so erheben sich vor uns in
schönster Blüte die mittelalterlichen Städte.
Eine ungezügelte, derbe Sinnenlust lärmte überall aus dem
Leben unserer mittelalterlichen Städte heraus. Und diese Städte
kannten nur in sehr bescheidenen Anfängen kapitalistisches Wirt
schaften. Wenn wir die Daten überschauen, die der fleißige
Sammler Scheible über die Prostitutionsgeschichtc des Mittelalters
zusammengestellt hat, so überrascht uns die Blüte eines aus
gesprochenen Bordellwesens in relativ so kleinen Städten wie Aken
an der Elbe, Volkach, Schwabach, Oberehnheim, Quedlinburg.
Schwabach hatte in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahr
hunderts nur etwas über 7600 Einwohner, Aken 5284, Oberehnheim
4725 und Volkach gar nur 1074 Einwohner.
Die mittelalterlichen Städte, wenn sie auch nur verschwindend
p kleine soziale Gruppen von Kapitalbesitzern im nrodernen Sinne
des Wortes enthielten, waren doch durch eine sehr vielseitige
Gliederung der Bevölkerung nach sozialen Klassen gekennzeichnet.
Viele fremde, unansässige Elemente, die fahrenden Leute usw.
fielen ganz aus der Standeswelt des Mittelalters heraus. Fahrende
Frauen, die gewerbsmäßige Unzucht trieben, hielten sich in größeren
Städten vielfach auf. Das Konstanzer Konzil lockte bekanntlich
1500 Dirnen nach Konstanz. Der Handel mit sächsischen und
schwäbischen Mädchen kam am Schluß des Mittelalters sehr in