Full text: Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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standteilen zusammengesetzte Bevölkerung kann nicht derartige 
parasitische Klassen erzeugen. Alle Volksgenossen dieser Be 
völkerung arbeiten unter ungefähr gleichen Verhältnissen und leben 
auf dem gleichen Fuße. Erst wenn eine soziale Schicht über die 
andere beträchtlich hinauswächst und mit ihren Mitteln die Dienste 
der schlechter gestellten Schicht zahlen kann, kann die Käuflichkeit 
bestimmter Volkselemente als soziale Massenerscheinung auftreten. 
Die Käuflichkeit der Frau setzt, wie jede andere Käuflichkeit, erst 
zahlungsfähige Leute voraus. Begüterte soziale Klassen und völlig 
verarmte Volkselemente stoßen nun bereits in der mittelalterlichen 
Stadt zusammen. 
Holen wir nun zu einem Sprung von der mittelalterlichen 
Geschichte in die neuere Geschichte aus, so sehen wir das öffentliche 
Haus des Mittelalters ohne wesentliche Umgestaltungen in das 
Bordell der neueren Zeit übergehen. Dringen wir z. B. in der vor 
kapitalistischen Zeit, in der Zeit des ehrbaren achtzehnten Jahr 
hunderts, in die Geheimnisse des feileir Liebesdienstes der guten 
Stadt Frankfurt a. M. ein, dann müssen wir uns sagen, daß rinsere 
heutigen Jungen auch nicht viel lauter zwitscherten, als die Alten 
sungen. Dr. Hanauer durchblättert in seiner Geschichte der Pro 
stitution in Frankfurt a. M. die „Briefe über die Galanterien von 
Frankfurt a. M.", die anonym in London 1791 erschienen und 
sicher aus der Feder des Dr. Ehrmann, eines geachteten Arztes am 
Rochuskrankenhaus, am Spital für Venerische, stammen. 
Bordelle bestanden in Frankfurt a. M. am Ende des acht 
zehnten Jahrhunderts in der großen Eschenheimergasse, in der kleinen 
Eschenheimergasse, in der Gallusgasse, Bockgasse, Meisengasse, 
großen Friedebergergasse, Schäfergassc, Allerheiligengasse, am Geist- 
pförtchen, am Holzpförtchen, in der goldenen Federgasse, Nonncn- 
gasse, Mainzergasse, im Rebstock. Im Vorort Frankfurts, in Vorn 
heim, dessen bloßer Name schon keusche Ohren beleidigte, tollten sich 
in etwa 20 Freudenhäusern wahre Orgien aus. In Weingärten 
und Weinsälen in der Stadt fand der käufliche Geschlechtsgcnuß 
zahlreiche Schlupfwinkel. In Sachsenhausen öffneten sich ihm zwei 
„recht niederträchtige, abscheuliche Häuser". Die Gassenprostitution 
lockte an allen Eckposten, hauptsächlich aber in allen Alleen und auf 
allen Promenaden. Von den Promenaden geleitete die Dirne ihren 
Liebhaber in die Schlupfwinkel, von denen der Verfasser der 
Galanterien Frankfurts allein 16 aufzählte. Die Prostitution griff 
weit in die bürgerlichen Kreise über. — Eine Blondcnnäherin und 
eine Putzmacherin nahmen Bürgerstöchter nur in die Lehre auf, 
um sie an reiche Herren zu verkuppeln. Die Hausiererinnen der 
Weingärten, die Waschmädchen warfen sich der käuflichen Liebe 
massenhaft in die Arme. Zu den Messen tummelten sich in Frank 
furt ct. M. Mainzerinnen, Rheinländerinnen, Sächsinnen, Ansbache 
rinnen, Kasselerinnen, um aus dem Venusdienst ein blühendes Ge- 
lverbe zu machen. Aus Wertheim, Miltenberg, Bacharach liefen 
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