Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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„Bemerkungen  eines  Landgeistlichen"  in  der  Rußkaja  Starina,"
so  schreibt  Westermark,  „loerfcn  viele  Streiflichter  ans  Las  Leben
des  russischen  Landadels  vor  der  Befreiung  der  Leibeigenen.  Von
einem  Gutsbesitzer  heißt  es  daselbst:  „Ost  pflegte  R.  I—tsch  spät
abends  in  seinem  Dorfe  umherzuschweifen,  um  sich  an  dem  Wohlergehen ­
  seiner  Bauern  zu  ergötzen;  er  blieb  dann  vor  irgend  einer
Hütte  stehen  und  klopfte  mit  einem  Finger  an  die  Fensterscheibe.
Dieses  Klopfen  war  jedermann  nur  zu  gut  bekannt,  und  sofort  begab ­
  sich  das  schönste  Frauenzimmer  der  Familie  hinaus."  Ein
anderer  Landedelmann  verlangte,  so  oft  er  eines  seiner  Güter  besuchte, ­
  unmittelbar  nach  seiner  Ankunft  vom  Gutsverwaltcr  eine
Liste  aller  erwachsenen  Mädchen.  „Dann,"  fährt  der  Autor  fort,
„nahm  der  Herr  jedes  der  Mädchen  auf  drei  bis  vier  Tage  in  seinen
Dienst,  und  sobald  die  Liste  zu  Ende  war,  begab  er  sich  in  ein  anderes
Dorf.  Dies  geschah  regelmäßig  jedes  Jahr."  Der  russische  Adlige
glaubte  als  Herr  der  Leibeigenen  einen  Anspruch  auf  den  Körper
der  gutsuntertänigen  Mädchen  zu  haben.  Von  einem  gewerbsmäßigen ­
  Verkaufe  ihres  Leibes  an.  den  Gutsherrn  kann  bei  der
Leibeigenen  nicht  die  Rede  sein.  Sie  betrachtet  ihre  Hingabe  als
eine  notwendige,  aus  dem  Gutsuntertanenvcrhältnis  fließende  Verpflichtung. ­

Die  Einführung  der  kapitalistischen  Wirtschaft  auf  das  platte
Land  hatte  keineswegs  die  Entstehung  eines  feilen,  von  der  Prostitution ­
  lebenden  Dirnentums  zur  Folge.  Die  Gutsherren  mochten
oft  ihre  tatsächlichem  Machtbefugnisse  über  ihre  weiblichen  Angestellten
mißbrauchen,  zu  bloßen  Prostituierten  würdigten  sie  diese  nicht
herab.
Die  besitzenden  sozialen  Klassen  durchsetzten  nicht  in  der  Weise
und  in  dem  Umfange,  wie  in  der  Stadt,  die  in  ihren  gesellschaftlichen ­
  Bedürfnissen  stark  übereinstimmende  ländliche  Bevölkerung.
Kleinbauern  und  Landarbeiter  leben  vielfach  auf  dem  gleichen
Fuße.  Die  ländlichen  Feste  vereinigen  meist  Bauern  und  Landarbeiter ­
  in  den  gleichen  Räumen.  In  der  Arbeits-.  und  Lebensweise ­
  beider  Schichten'  treten  keine  scharfen  Unterschiede  hervor.
Der  Gutsherr  thront  durchweg  hoch  über  beiden  Klassen,  er  lebt
fast  ausschließlich  mit  seinen  Standesgenossen  und  selbst,  wenn  er.
sich  sexuell  mit  seinen  Arbeiterinnen  vermischt,  bleibt  er  stets  der
„Herr".
Die  geschlechtlichen  Verhältnisse  auf  dem  Lande  charakterisieren
sich  zumeist  durch  eine  gewisse  derbe  Natürlichkeit.  Geschlechtsreife
junge  Männer  und  junge  Mädchen  pflegen  häufig  einen  regelmäßigen ­
  sexuellen  Umgang.  Die  geschlechtlich-sittlichen  Verhältnisse ­
  des  platten  Landes  haben  protestantische  Pastoren  durch  eine
umfangreiche  Erhebung  sehr  eingehend  beleuchtet.  Zur  Ermittelung
dieser  Verhältnisse  der  evangelischen  Landbewohner  im  Deutschen
Reiche  sandten  die  Pastoren  Wagner  und  Wittenberg  auf  Beschluß
der  1894  zu  Kolmar  tagenden  Konferenz  der  Sittlichkeitsvereine
            
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