Object: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Peüalazzlstraße »I. 1. 
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Donnerstag S—0 Uhr Abend«. 
^ Bestellungen nehmen entgegen die ÜspedUtan. Eharlatlendueg tzebclazzisti. »1.1 
alle Spediteure. die vuchdaiwlung Vorwärts. Berit» SW, «eu:l.Llrcie 2 
und alle Vastanstailen stir tSOS unter Ae. »IW. 
! Zuschritten an die Rebatiion «nb zu richten nach Berlin N, verlchistr. «1,111. 
Geldlendungeu an den Vertag sJuI.VIslauerl. Lharlailendurg. stsesialezzitirbl I. 
Nummer 12. | MMooch, den 15. Juni 1898. 
VII. Jahrgang. 
Rollegen: Auf znv M»«hl: 
Morgen, am 16. Juni, füllt der entscheidende Schlag. Morgen wird da» deutsche Volk bestimmen, wem eS auf fünf lange Jahre 
sein LLohl und Wehr anvertrauen will. In den letzten Wocheit ist unzählige Male ausgeführt worden, von welcher Bedeutung die diesmalige 
Wahl ist, waS auf dem Spiele steht. Heute wird sich ein Jeder klar sein, wen, er seine Stimme zu geben hat. 
.Handlungsgehilfen! Wir haben Euch gezeigt, wie Eure Interessen von den bürgerlichen Parteien verrathen und verkauft und mit 
Führ« getreten worden sind. Ihr wistt. dost nur die SofialdrmoKrslic sich Eurer angenonunen hat, dast Ihr cö nur der SoriLldrmoKralir 
zu verdanken habt, dasi das neue Handelsgesetzbuch wenigstens einige Vcrbcssernngen enthält. 
Handlungsgehilfen! Ihr werdet darum auch morgen, am Wahltage, Eure Pflicht thun. Eure Pflicht! Die ist damit nicht gethan, daß 
Ihr Euren Stimmzettel für den sozialdemokratischen Kandidaten abgebt. Die Säumigen aufrütteln, die Nachlässigen an die Urne holen, das- ist 
der grvstcre und weitaus schwierigere Theil Eurer Pflicht! Kollegen! Jeder,- der sich morgen frei machen kann, stelle seine Dienste in den WahlburcauS 
der sozialdemokratischc» Partei zur Verfügung und kann er sich -nicht frei machen, dann benutze er wenigstens die Mittagspause zur Arbeit. 
Arbeitet jeder von Euch morgen mit Aufbietung aller Kräfte, thut jeder seilte Pflicht, dann werden tvir an, Abend stolz sagen können, 
dag auch wir einen kleinen Theil zu dem Erfolge der Sozialdemokratie beigetragen haben. 
Moetz die öojtal&cmoluntic! 
Li» »euer Anschlag. 
Raum |c Ist in kaiiimauuischen Kreisen einer Frage ei» 
so lebhafte» Interesse entgegengebracht worden, wie der 
gegenwärtig aus der Tagesordnung stehende» Besteuerung 
der Waarcnhäuser. Toi Ist auch garnicht verwunderlich. 
Erhoffe» doch Tausende von Rleinkausleulen davon ihre 
Rettung, glaubcn. sie doch, dost dainit dem Grostbclrieb im 
Handel-gewerbe der Todesstoß versetzt wird. Nur da« Wie? 
inacht ihnen noch Schwierigkeiten. Seit Monate» schon 
sinnt man nach, wie die Waarenhäuser an, besten und 
sichersten zu treffen sind; Dutzende von Vorschlägen sind 
aufgetaucht. ebenso schnell aber wieder verworsen worden, 
lieberail war schließlich ein Hi,i terthürche» vorhanden. Gewerbe 
steuer. Umsatzsteuer u. s. w. sind ju wenig radikale Miltes, 
weil die Kontrolle zu schwierig ist. Nur ein Vorschlag ist 
schließlich als diskutabel übrig geblieben:. Die Personal- 
Der Vorschlag ist dem überschiauen Hirn drk Abgeord 
neten Botthein von der freisinnigen Vereinigung entsprungen 
enb die Schutzgemeinschast sür Hände, und Gewerbe 
in Zeitz hat nicht gezögert, demselben eine scsle Form zu geben. 
Mc.» denkt sich die Sache so. daß 6 Angestellte in jedem 
Geschäft steuersrei sein solle». Der 7. soll mit 60 Mark, 
der 8. mit. 100 Mark, der 0. mit 300 Mark, der 10. mit 
•100 Mark, der 11. mit 600 Mark, der 12. mit 700 Mark, 
btt 13. mit 000 Mark u. s. io. pro Jahr besteuert werden. 
Ein Geschält mit 13 Angestellten würde also sährlich 
3000 Mark Steuer zu zahlen haben, ein solche» mit 30 
bis 40 Angestellten ca. 10 000 DIark. Nimmt man an. daß ein 
derartiges Geschäft einen Umsatz von ca. 800 000 Marl 
tyct und eine» Reingewinn von 10pTt., also 30 000 DIark 
abioirsl, so würde demselben immerhin noch ein Reingeivinn 
von 20 000 Mark verbleibe». Die Waarenhäuser können 
also dieser vesteuerung ruhig entgegensehen, anders dagegen 
die Angestellten. Der Inhaber eines derartigen Waaren. 
Hauses wird sich schön in Acht nehmen, auch nur ans einen 
Pfennig seines bisherigm Profit« zu verzichlen; er wird 
daraus bedacht sein, wie er de» durch die Steuer entstandenen 
Verlust wieder wett mache» kann. Ge wird sein Personal 
vermindern, die Gehälter herabsetzen, die Arbeits 
zeit verlängern, anstatt männlicher Arbeitskräfte weid- 
liche und Lehrlinge anstellen. ES ist außer Frage, daß 
dabei die heute schon über«»« schlechte Lage der Handlung«, 
gehilsen zu einer gerade erbärmlichen ,»erden muß. 
Wir haben cS stet» betont: Jede Maßregel zu Gunsten 
de« selbständigen Kleirkausniannk stellt sich zuletzt als eine 
Bedrückung der Angestellten heraus. D-a» war von 
jeher so, weil unsere Gesetzgebung noch nie den Geist der 
Zeit begriffen hat. noch nie Gesetze erlasse» hat. um die 
wirthschastliche Entwickelung zu fördern, sondern nur um sie 
auszuhallen, weil dieses Aushallen im Ingresse bestimmter 
Kliqiun liegt. Von einer derartigen Bedrückung, wie e» 
die Personalsten er sein würde, ist der deutsche Handlung», 
gehilsriistand jedoch noch nie betroffen worden, weder vor 
den Zeit der vielgepriesenen Eozialrejvnn. noch nach der 
selbe,,. Die Personalsteuer würde geradezu eine Prämi. 
darstellen aus möglichst .inljnfjp.e Ausbeutung, aus 
möglichst geringe Entlohnung, auf möglichst lauge 
Arbeitszeit. 
Zu den Verfechten, der Besteuerung der Waarenhäuser 
gehören auch bekanntlich die deulschnalionalen Hand. 
lungSgehilsen. Ihre Agilalareu hebe» diese Forderung 
immer al» ein wesentliche« Unterscheidungsmerkmal hervor. 
Wir haben demgegenüber unzählige Male daraus hingewiesen, 
daß eine Besteuerung deS Großbetriebes im HandelSgeioerbe den 
Interessen der Handlungsgehilfen geradezu ins Gesicht schlägt. 
Und die Entwickelung der Angelegenheit hat uns nu 
Recht gegeben. Die Herren vom deutschnationälen 
bände fangen nun auch au baü Absurde ihres Verlangens 
einzusehen. Nicht, weil sie zu befferer Erkenntniß gekommen 
sind, daS - ist bei diesen Leuten gaitj ausgeschlossen. Aber 
die Bedrückungen und Verschlechlerungen. die die Personal- 
[teuer in, (Befolge haben würde, liegen so klar auf der 
Hand, daß selbst in dem durch kein Wölkchen wiffenschast- 
licher Erkenntniß getrübten Gehirn der Mitglieder de« 
deulschnalionalen Verbände» ein Licht ausgehen könnte. Die 
. DeutscheHandelS-Wacht' spricht sieh darum gegen die Personal, 
steuer au# und empfiehlt bei Ortsgruppen bc8 Verbände- 
.Entschließungen' dagegen einzureichen, wie die» bereits die 
Ortsgruppe in Zeitz gethan hat. Daß die antisemitischen 
Handlungsgehilfen eS aber mit verschuldet haben, daß ein 
derartige» Projekt überhaupt in Erwägung gezogen werden 
konnte. daS wird der .H.-W. natürlich nicht einleuchten. — 
Die Personalsteuer ist daS einzige Mittel, mit dem 
die Waarenhäuser empfindlich getroffen werden können. Nach 
den Wahlen wird ganj zweijelloS an seine Realisirung 
gegangen werden, wen» dieselben der Reaktion die erhoffte 
Stärkung bringen. Tragen wir Handlungsgehilfen unser 
Theil dazu bei, daß dies nicht der Fall sein wird, treten 
wir mit allen Kräften für die Muhl der sozialdemokratischen 
Kandidaten ein: 1* mehr Sozialdemokraten gewählt werden, 
desto größer wird die Gewißheit sein, daß auch dieser 
neuest« Anschlag ersolgreich abgewehrt wird. 
Dir Harmonie-Apostel 
bei der „praktischen" Arbeit. 
Wem, wir s-zialdeinoiralischen Haudtungtgehilsea bei der 
öffentlichen Propaganda sür unsere Ideen unter bc„ Kollegen 
austrete«, so t|! unfehlbar Immer ein Cegne« zur Stelle, btt 
i,„3 beweisen will, wie herzlich „nNug wir vorgingen, wie wenig, 
Erfolge wlr bisher erzielt. gegenüber den alten praktisch 
thätigen kansmü,mischen Bertinen, welche dtth der Kollegen,chaft 
sch»,, heute Ruhen brächten und mmnhem v.belstande ad. 
g,Holsen hätten, wie wir nur tritiflten. nicht-, aber bestem könnten 
and wie die sonstigen Cchlagworte noch olle heißen. Da» wird 
“ nb "»getragen. mit dem Brusttöne 
st'Usch» Uedcrzmgung u»!> .»tgegen geschleudert, dag selbst 
latlses.e vlalurrn stutzig werben und dev Ttraden der Dichter 
Glauben schenken. — Wir wollen 'nun heute einmal -aii Hand 
der Jahresberichte der Harmonie-Vereine, an Hand der eigenen 
EingeftLndniise untersuchen. ns„» an den Behauptung,» Wahre» 
ist und bald werden wir ttar sehen, wie dreist die Herren und 
Herrchen austrete». die alle Ursache hälten zu schweige». Sich 
der Geld, und Kräfte. Verzettelung, welche besonder« hier tn 
Berlin von den Harmonie. Vereinen betriebe» wirb, lieber zu 
schämen, al« davon noch vsteiillich grob Rühmen« zu machen. 
Zuerst wird siet« mit der Stellenvermittelung geprahlt, 
!lche doch de» Gehilfen ungeheuren Vortheil bringe, den 
Stellungslosen Brod verschoste k. — Wer nun so glücklich ist, 
Mitglied eine« der bet den Heeren EhesS so beliebten vereine ,ü 
sein, habe diese Wohlthat ganz gratis, wer ei nicht sei. -werde 
auch nicht zurückgestoben. müsse nur wie bei jedem Stellen, 
verminter Vorschob, so hier .Einschreibegebühr' s^ißt, zahlen. 
Also Ehre wem Ehre gebührt, zuerst Hera» mit' Dir. Du 
Nettester der in Berlin bestehenden Vereine, der den Namen bef 
Verein« junger Kaufleute von Berlin trägt. — Laut brr 
Berus«, und Kewerbezählung de« Jahre« ISbö waren tn Berlin 
im Handel thätig 12640b angestellte Personen. Diese 
Grundzister wird man, bei den nachfolgende» Betrachtnngen im 
Gedächtniß halten müssen. 
Der Verein junger Kaufleute hat nun in dem der Zählung 
entsprechenden Jahre vetmitlell 628 Stellen, worunter noch 
100 auswärtige, die wir aber au« llourtoiste mit hinzu 
.nen. Die Besetzung dieser winzigen Zahl schlechtest 
dotlrter Vakanzen haben dem verein einen Zuschitst von 
9Sb4 Mk. gekostet, so daß der Zuschuß sür jede besetzte 
Stellung netto 1b Mk. 80 Pfg. beträgt. Geht man aber 
der Cache ganz und gar aus den Grund und rechnet die 
»470 Mk.. welche an Einschreibegebühren und Entschädigungen 
te. von den Bewerbern erhoben wurden, hinzu, so kostet die 
Besetzung jeder Stelle noch 8 Mk. 70 Pfg. mehr und kommt 
aus den Betrag von 24 ivtk. 50 Pfg. rund per Stellung 
zu stehen, eine enorm« Summe, deren Höhe sich die bei den Eheft 
so sehr angesehenen Herren Vorstandsmitglieder wohl noch nie 
rech! klar gemacht haben mögen. Die Geholter u>n die Beamten, 
die diese Riesenanzahl von Besetzungen vermittelten, betrugen ea. 
Die MUgtiedttzohl bei Verein» betrug 1808. 886«, davon 
erhielten durch die eigene Vermittelung 113 Bewerber ein 
Ä emenl. also 8.87»/, dee Mitglieder. Ein Lottospiel im 
i, wenn einer von den 12» 000 Angestellten BttUuS 
durch de» Verein junger Kausleule plazirt wird. Hier «J-Oiße 
bafl Verhältniß auf noch nicht eiiihatb pro Le nt zusammen- 
schrumpfen. Und derlei Spielerei soll von Irgend welchem 
günstigen sozialen «instuß aus die Lage der Gchitsenschaft 
sein? Tu« mögen die Herren glauben machen^ wem sie wollev- 
Jeder Dr.cksähige wird bei solchen Resultaten ,u dem Schluffs 
kommen: Packt Ihr Euch mit Eurer ganzen SteHenvenniNrlung 
zusammen, so werden dal unter 1000 Angestellten Berlin« kaun» 
süns fühlen, „och viel weniger bedauern oder vermissen. Mau 
glaube aber beileibe nicht, wir Hütten ein besonder« schlechte« 
Jahr heraulgegrissen. „ _ ... 
• E» wurden durch den verein junger Kaufleute weiter besetzt: 
1800: «83 Stellen darunter 102 emZwärtige. Zuschuß 10878 «k. 
1807:7öv . . 71 . . . "vb . 
trotzdem die Milgllederzahl gewachsen und der verrtu sich de« 
stetrn Wohlwollen, der Herren llhes« weiter msttute.' 
Wir bfirftn un« »der de« kläglichen kostenreicheu «esulMe» 
kaum wundern, wenn wir oul der Vortragoltste de« letzte» 
Jahre» «sehen. wonül sich dieser verein eigentlich beschäftig! 
175. Titelseite einer Nummer des „Landels-Angestellten"
	        
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