178 IV. Über Theorien der wirtschaftlicher Entwicklung der Völker,
der individuelle Faktor !) werfen das angebliche Entwicklungs-
geseß um. Immer werden die „Gesetße“ durch so viele Aus-
nahmen, infolge mannigfacher Ursachen, durchlöchert, daß von
einer Regel kaum die Rede sein kann.
Die Schilderung, welche Bücher von der Hauswirtschaft
des früheren Mittelalters gibt?), geht zwar nicht so in die Jrre
wie seine Darstellung der antiten Zustände, ist aber doch auch
unhaltbar.s) Er dentt sich die mittelalterliche Fronhofswirt-
schaft als einen sich vollkommen selbst genügenden kleinen Wirt-
schaftsorganismus; man müsse sich die Wirtschaft eines ganzen
Dorfes als eine Einheit vorstellen, deren Mittelpunkt durch den
Herrenhof gehildet werde (S. 74 ff.). Allein diese Geschlossen-
heit besaßen Dorf und Fronhofswirtschaft nicht; sie war auch
nicht einmal „das Normale“). Wenn Bücher (S. 83) mit Lam-
Schriften 2. Bd.: „Ihr eigentliches Lebenselement ist der Handel.
Die Beschaffenheit des Landes, als einer Passage für alle Karawanen-
züge, die aus dem innern Asien zum Mittelmeere gingen, mag mit
einer natürlichen Anlage der Bewohner selbst zusammengewirkt haben,
~ genug, die Syrer sind die geborenen Kaufleute der alten Welt."
1) Vgl. z. B. Vierkandt a. a. O. (oben S. 163 A. 1).
2) S. 81 hat Bücher die Zeitbestimmung wohl nur aus Versehen
stehen gelassen, da er sie an anderer Steile aufgibt. S. oben S. 172
Anm. 2. Vgl. zu Bücher S. 81 übrigens Beloch, Jahrbücher für
Nationalökonomie 73, 626.
3) Übrigens wollen wir, um Bücher ganz gerecht zu werden, nicht
unerwähnt lassen, daß er sich die geschichtliche Entwicklung der Betriebs-
systeme nicht so denkt, als ob jede neue Betriebsart die vorhergehende
ältere vollkommen verdränge.. Erste Aufl. S. 114; zweite S. 159.
4) Ich begnüge mich, hierfür auf meine Darstellung in der Z. f.
Soz.- u. W.G. 5, 127 ff. zu verweisen. Vgl. auch oben S. 35 ff. und
unten S. 199 Anm. 1; mein Territorium und Stadt S. 24 Anm. 1;
Dopsch! Karolingerzeit. Büchers Darstellung würde allenfalls z. T.
für die Gutsherrschaften der böhmischen Krone mit der Aufdrängung
oer „Feilschaften“ passen, nicht aber für die deutschen Grundherrschaften.
Es ist wohl nicht nutlos, darauf hinzuweisen (wenngleich die betreffen-
den Nachrichten der zweiten Hälfte des Mittelalters angehören), daß
die Ordensschäffereien in Preußen Leinwand, Wollenzeuge und Leder
kauften. Töppen, Altpreußische Monatsschrift 7, 415. – Zu den
mannigfaltigen dinglichen und persönlichen Abhängigteitsverhält-
nissen des deutschen Mittelalters, die es zulassen, daß Leute, die persön-