454 VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus.
tionen, in der die Existenzbedingungen für das Handwerk sich
allmählich und Stück für Stück verschlechtern.“
Diese Darstellung verschiebt die Verhältnisse. Eine Abnahme
der Bevölkerung tritt zweifellos vom 13. Jahrhundert ab nicht
ein, und im 14. Jahrhundert zeigt das deutsche Volk eine so gewaltige
Kraft, daß ihm auch die Pesten nicht viel anhaben können!).
Zünfte gibt es schon im 13. Jahrhundert in namhafter Zahl; ja
aus dem 12. haben wir, in Anbetracht der Dürftigkeit der allgemeinen
Überlieferung, bereits viele Erwähnungen; es müßte
daher der Beginn der Periode der Hilfskonstruktionen erheblich
früher angeseßt werden. Mit andern Worten: Sombart müßte
eigentlich ziemlich von Anfang des städtischen Handwerks an eine
„Abbröckelung“ desselben eintreten lassen?). Kaum geboren, zer-15ÿ
M, E. irrt Sombart, wenn er eine Zunahme der Bevölkerung
seit dem 13. Jahrhundert bestreitet. S. 136 dekretiert er einfach: es
„ist dem Urteil Schmollers zuzustimmen, daß von einer allgemeinen
Zunahme der Bevölkerung 125001450 kaum die Rede sein kann."
Schmoller (Tüb. Ztschr. 27, 299) stütt sich aber gar nicht auf ein zahlenmäßiges
Material. S. 137 behauptet Sombart, daß die Pessten des
14. Jahrhunderts die Bevölkerungszunahme ein Jahrhundert lang
aufgehalten haben. Die Zahlen, die sJich feststellen lassen, sprechen
eher dagegen. Vgl. z. B. Reinecke, Lüneburgs ältestes Stadtrecht
S. XL: „Das Dezennium 1350-1359 überholt mit einem Rekord
von 630 Neubürgern alle andern Jahrzehnte weit." Allerdings beweist
diese Tatsache zunächst nur eine starke Einwanderung. Aber
wenn wirklich die Pest so dezimierend gewirkt hätte, wie Sombart
annimmt, so würde doch auch die Bevölkerung außerhalb der Stadt
vermindert worden sein. Nach Schmollers und Sombarts Schilderung
sollte man sich das 14. Jahrhundert als eine überaus traurige Zeit
vorstellen. Tatsächlich entwickeln die deutschen Städte jettt eine außerordentliche
Lebenskraft. Der Mauerring wächst; die Bevölkerung hat
die Mittel, herrliche Kirchen, Rathäuser, Patrizierhäuser zu bauen.
Vgl. auch Reisner, Die Einwohnerzahl deutscher Städte in früheren
Jahrhunderten mit besonderer Berücksichtigung Lübecks S. 95: „Die
Geschichte Lübecks bestätigt, daß die Pesten einen dauernden Einfluß
auf die wirtschaftliche und politische Machtentfaltung nicht herbeizuführen
vermochten.“
2) Uni Sombart nicht unrecht zu tun, bemerke ich, daß er (S. 161)
auch während der „Periode der Hilfskonstruktionen“ die materiellen
Bedingungen der handwerksmäßigen Produktion noch „in weitem
Umfange“ bestehen bleiben läßt.