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gangenheit des Eingeborenen nicht so behandeln, als ob sie ihm weder
Gepflogenheiten noch Denkrichtungen überliefert hätte. So wenig wie
wir kann auch er von seinem Erbteil getrennt betrachtet werden. Wir
können ihn nicht dazu bringen, wieder von vorn anzufangen; deshalb
müssen wir ihn von seinem eigenen und nicht von unserem Stand
punkte aus beurteilen. Die Einrichtungen, die ihm die Freiheit brin
gen sollen, sind aller Wahrscheinlichkeit nach ganz verschieden von
den Institutionen, die uns die Freiheit zu gewähren haben. Der Erfolg
der Eingeborenenpolitik hängt deshalb davon ab, ob die weißen Ras
sen dem Eingeborenen auf Wegen führend voranschreiten können,
die zu wandeln für den Eingeborenen selbst natürlich sind, und nicht
bloß auf Pfaden, die der Bequemlichkeit der weißen Rassen Zu
sagen und ihren Ansichten entsprechen. Aber sie können die Gewalt
seiner Häuptlinge und Führer, die Gesetze, Sitten und Wirtschafts
weise seines Stammes anerkennen; sie können den Eingeborenen be
hilflich sein, die Auswüchse der Entartung zu beseitigen. Der Geist, der
bei uns individuelle Freiheit und demokratische Kontrolle fordert, wird
durch die Selbstentwicklung verschiedenartiger Gemeinschaften be
friedigt, immer vorausgesetzt, daß dies keinen Bruch der fundamen
talen sittlichen Ordnung nach sich zieht, wie z. B. absichtliche Ver
nichtung von Menschenleben.
.,Der Mann am Orte“, der eine doppelte Moral zu praktizieren ver
sucht, um sich der Mühe zu entheben, alle Verantwortlichkeiten sei
ner Stellung zu tragen, gibt hierauf folgende Antwort: Die Einge
borenen müssen zu ihrem eigenen Vorteil ausgepeitscht werden, Ge
richtsverfahren verstehen sie nicht und summarisch müssen sie be
straft werden; unser Gefühl der Vergebung oder unser Gerechtigkeits
empfinden schätzen sie nicht, wünschen wir einen Eindruck auf sie zu
machen, so müssen wir es in derselben Weise tun, wie sie sich gegen
seitig zu imponieren pflegen. Die Replik ist zwiefach. Erstens können
die Voraussetzungen bestritten werden. Gefällt sich der Weiße in den
Gepflogenheiten des Eingeborenen, um ihm Respekt einzuflößen, so
bietet dies nicht allein ein abscheuliches Schauspiel dar, sondern die
Vorzüglichkeit dieser Methode ist auch noch niemals bewiesen worden.
Die Erfahrung in Gegenden wie Natal lehrt, daß Grausamkeit gegen
über den Eingeborenen eine ganze Ernte von Groll und Unruhe reift.
Zweitens muß ausdrücklich hervorgehoben werden, daß, wenn der