Full text: Probleme der Wirtschaftsgeschichte

48 lIlI. Die Haupttatsachen der älteren deutschen Agrargeschichte. 
des nordostdeutschen Systems erklärlich ist, so handelt es sich 
doch eben um eine irrige Beurteilung. Unter den großen 
Landbesitzern gibt es kaum schärfere Gegensätze als den zwischen 
dem altdeutschen mittelalterlichen nnd auch noch neuzeitlichen 
Grundherrn und dem nordostdeutschen Gutsherrn, 
wie er sich seit dem Ausgang des Mittelalters bis zum Ende des 
18. und dem 19. Jahrhundert, zu seinem Höhenpuntt, ent- 
wickelt hat. Dort das Stift, das Kloster, der Landesherr, der 
reichere vder weniger begüterte Ritter als ein Grundherr, der 
von den abhängigen Bauern, denen sein Land überwiesen ist, 
Renten bezieht, der aber nicht oder kaum Landwirtschaft selbst 
treibt. Der Ritter ist Kriegsmann oder verwaltet staatliche 
Ämter oder vereinigt beide Tätigkeiten. Er sitzt auf einer Burg, 
bei der gar nicht darauf gesehen wird, daß von ihr aus sich das 
dem Ritter gehörige Land zweckmäßig bewirtschaften läßt. Die 
Domänen des Landesherrn werden nicht administriert, son- 
dern sind in der Hand von Zins- und Pachtbauern, deren Ab- 
gaben ein landesherrlicher Rentenverwalter einkassiert. Die 
einzelnen Pachtverträge über die ausgetanen Bauerngüter sind 
etwa noch das einzige Mittel, durch das der Grundherr die Be- 
wirtschaftung seines Besitzes beeinflussen kann. Dagegen halte 
man den neuzeitlichen nordostdeutschen Gutsherrn, der eine 
große Hofländerei verwaltet: seine ganze Tätigkeit ist auf die 
Landwirtschaft gerichtet; der Eigentümer ist ganz Landwirt; 
der gesamte Besitz ist einheitlich unter dem Gesichtspunkt organi- 
siert, die beste Art der Bewirtschaftung, den höchsten Ertrag zu 
liefern; der intelligente Landwirt nutzt jede neue Erfindung der 
landwirtschaftlichen Technik, jede Entdeckung der Wisssenschaft 
für sein Gut. Die nordostdeutsche Gutswirtschaft arbeitet in 
erster Linie für den Verkauf ihrer Erzeugnisse auf dem Markt. 
Die Produktion für den Markt ist freilich auch im Mittelalter 
landwirtschaftlicher Zweck; es ist ein verbreiteter Irrtum, daß 
die mittelalterliche Wirtschaft ihre Erzeugnisse wesentlich nur 
zum eigenen Verbrauch des Erzeugers herstellt. Getreide- und 
Viehhandel fehlt dem Mittelalter keineswegs, wenngleich er 
allerdings sowohl relativ wie absolut geringer war als später
	        
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