Object: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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stellung und der zu geringen Fühlung mit dem Proletarierelend." Auer 
antwortete aufs neue in längerer Rede, zum Teil unter lebhaften Zwischen 
rufen von seiten der Opposition, für die sodann Eugen Ernst, Wilh. 
Werner, E. Börner und P. Litfin das Wort nahmen, bis nach Mitter 
nacht noch einmal Vertagung beschlossen wurde. Am 9. September kam 
man im Kolberger Salon ein drittes Mal zusammen, und hier verlas Ignaz 
Auer, nachdem zuerst Karl Wildberger von der Opposition gesprochen 
hatte, jenes Verzeichnis der aus dem Flugblatt der Opposition heraus 
zulesenden Anklagen, das später dem Erfurter Parteitag als Grundlage 
für die Auseinandersetzung mit der Opposition vom Parteivorstand mit 
der Parole unterbreitet wurde: Beweisen oder zurücknehmen! Dann 
ging Auer die Anklagen im einzelnen durch, Vertreter der Opposition 
antworteten ihm, und erst nach 1 Ahr nachts konnte endlich die Debatte 
geschlossen werden. Mit großer Mehrheit — ungefähr tausend gegen etwa 
hundert Stimmen — fand eine von A. Iacobey beantragte Resolution 
Annahme, die folgenden Wortlaut hatte: 
„Die heutige Versammlung erklärt: 
1. Die Befürchtung, daß die sozialdemokratische Partei durch die 
bisher geübte Taktik einer Versumpfung entgegengeht, entbehrt jeder 
Begründung. 
2. In Erwägung, daß innerhalb der sozialdemokratischen Partei von 
jeher die freie Meinungsäußerung gewaltet hat, ist die Versammlung 
der Ansicht, daß dieselbe auch ferner bestehen wird. Dagegen erkennt 
die Versammlung eine organisierte Opposition, falls eine solche bestehen 
sollte, nicht an, nachdem die Zwecklosigkeit einer solchen in den letzten 
drei Versammlungen deutlich nachgewiesen ist." 
Gleichfalls mit großer Mehrheit ward eine von Karl Poffmann 
beantragte Resolution angenommen, die erklärte, daß das Recht der Kritik 
das wichtigste Recht des einzelnen Genossen und die unentbehrliche Trieb 
feder der Weiterentwicklung der Gesamtpartei sei, jeder Mißbrauch dieses 
wertvollsten, unentbehrlichsten und schwerwiegendsten Rechts aber die Partei 
aufs ttesste schädige und es daher „aufs schärfste zu verurteilen sei, 
daß von Parteigenossen Behauptungen persönlich verleumderischen Inhalts 
ohne genügend vorhandene Beweise in die Welt gesetzt werden, gleichviel 
ob dieselben sich sofort als unwahr Herausstellen oder, noch schlimmer, wenn 
der Betreffende nicht in der Lage ist, ihre Anwahrheit sofort beweisen zu 
können". Die Versammlung erwarte, schloß die Resolution, daß die Partei- 
genossen „sich ihrer Verantwortlichkeit der Partei gegenüber wieder voll 
bewußt werden und sich aller Behauptungen enthalten, von deren Tat 
sächlichkeit sie sich nicht vorher überzeugt haben". And von einer dritten 
Resolution — Antragsteller Duchateau — ward der erste Teil, der der 
Fraktion „das vollste Vertrauen der Versammlung" aussprach, wiederum 
mit allen gegen etwa hundert Stimmen angenommen, während der zweite 
Teil, der die Erwartung aussprach, daß die Fraktion die Wünsche der 
Opposiüon prüfen und auf dem Erfurter Parteitag zum Gegenstand der 
Beratungen machen werden, keine unbestrittene Mehrheit erlangen konnte. 
Das war unter den gegebenen Amständen ein bedeutsamer Sieg der 
Parteileitung. Mit dem gleichen Resultat endete vier Tage darauf — am 
13. September — eine nach dem Feenpalast einbemfene allgemeine Partei-
	        
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