Die wirtschaftliche Bedeutung der Seeschiffahrt, 331
eines großzügigen und konsequenten Wiederaufbaus
der deutschen Handelsflotte werden ließen, Sie
wußten eher und besser als manche Führer der Nachkriegszeit, daß
gerade das von allen seinen bisherigen Hilfsmitteln entblößte, seiner
Rohstoffquellen beraubte, vom Weltverkehr und von der Weltwirtschaft
künstlich ferngehaltene, überall mißtrauisch und ängstlich beobachtete
Deutschland wieder eine eigene Seeschiffahrt unbedingt nötig
hatte, um seine alte Stellung wiederzuerringen und seinen internationalen
Verpflichtungen dann nachkommen zu können, Mit — allerdings
von Jahr zu Jahr illusorischer werdender — Unterstützung des Reiches
gingen sie unter erheblichen Opfern an den Wiederaufbau ihrer früheren
Besitzstände heran. Es war so gut wie nichts vorhanden, woran
sie anknüpfen konnten, nur ihre Organisationen im Inlande, ein Teil
ihres alten Personals, ihre jahrzehntelangen Erfahrungen und ihre Rücklagen
aus guten Vorkriegs- und teilweise auch Kriegsjahren, die aber
durch die Inflation im Werte ganz erheblich zusammengeschrumpft
waren. Die deutschen Häfen der Nord- und Ostsee lagen völlig verödet
da. Hambur«g als bedeutendster deutscher Güterumschlagsplatz war
1919/1920 gegen 1913 überhaupt nicht wiederzuerkennen, In ihm
machten sich in Ohnmacht eigener Schiffahrt ausländische Reedereien
gewinnhaschend breit. DerdeutscheAußenhandellagbis
auf einen lächerlich geringen Bruchteil völlig
darnieder. Die deutsche Wirtschaft, Industrie, Handel und Landwirtschaft
bluteten aus tausend Wunden, die Produktion sank zunehmend,
die Konsumtionskraft der Bevölkerung zeigte alle Merkmale
eines der Verarmung verfallenen Volkes.
Auf diesem düsteren Hintergrunde vollzog sich der Wiederaufbau
der deutschen Seeschiffahrt, Es zeigte sich mehr und mehr, daß die
geschwächten Wirtschaftskräfte des deutschen Volkes nicht ausreichten,
um merkbar daran mitzuhelfen. Das Ausland mußte zunächst
als Kapitalgeber und Sachwertbesitzer mitherangezogen werden, um
über die ungeahnten Schwierigkeiten der ersten Zeit hinwegzukommen.
Neue Organisationsformen innerhalb der deutschen Seeschiffahrt
tauchten auf: die Verträge mit amerikanischen und englischen
Reedereien zur Wiederingangsetzung der alten Überseeverbindungen.
Die Gemeinschaftsdienste der Hamburg-Amerika-Linie
mit den United American Lines (Harriman) und des Norddeutschen
Lloyd mit der United States Mail Shipping Co. sind
die bedeutsamsten unter ihnen. Sie konnten mit Recht als „Dienst an
der Volkswirtschaft‘ aufgefaßt werden, denn sie zeigten dem Außenhandel
neue Wege aus seiner Stagnation und förderten ganz erheblich
die allmählich nach dem Zusammenbruch sich wieder bemerkbar