Zweites Buch. Die Gegner.
Die Saint-Simonisten und die Kritik des Privat
eigentums.
Die Bücher Saint-Simon’s sind nicht viel gelesen worden. Sein
Einfluß lag hauptsächlich in seiner Persönlichkeit. Es gelang ihm, be-
beutende Männer um sich zu sammeln, von denen viele nach seinem
Tode seine Ideen verbreiteten. Von 1814—1817 war Augustin Thierry
sein Sekretär. Er bezeichnete sich selbst als den Adoptivsohn Saint-
Simon’s. Auguste Comte nahm von 1817—1824 die gleiche Stellung
bei ihm ein und war Mitarbeiter an seinen Veröffentlichungen.
Olinde Rodrigues und sein Bruder Eugene waren ebenfalls unter
seinen ersten Schülern. Zu ihnen gesellten sich unter anderen
Enfantin, ein früherer Polytechniker, und Bazard, ein alter Karbonaro,
der der politischen Versuche überdrüssig geworden war. Gleich nach
dem Tode Saint-Simon’s gründeten sie eine Zeitung, Le Producteur,
um die Gedanken des Meisters zu verbreiten; die meisten der dort er
schienenen volkswirtschaftlichen Aufsätze stammen von Enfantin.
Die Zeitung bestand nur ein Jahr, aber die Anhänger der neuen Lehre
wuchsen zu einer bedeutenden Zahl an. Alle waren sie überzeugt, daß
die Ideen Saint-Simon’s die Grundlage eines wirklich modernen Glaubens
bildeten und bestimmt seien, zu gleicher Zeit den im Niedergang begriffenen
Katholizismus und den politischen Liberalismus zu ersetzen, welch letzterer
in ihren Augen eine rein negative Lehre war.
Um die geistigen Bande, die sie schon vereinten, zu stärken, bildeten
diese Enthusiasten unter sich eine Art Hierarchie. An ihrer Spitze standen
die Führer, „Väter“ genannt, die zusammen das College bildeten.
Die „Söhne“, die sich gegenseitig mit „Bruder“ anredeten, verteilten
sich auf verschiedene „Grade“. Diesen Charakter einer organisierten
Sekte nahm der Saint-Simonismus im Jahr 1828 unter dem Einfluß
Eugene Rodrigues’ an. Gleichzeitig beauftragten sie einen der ihrigen,
Bazard, die Lehre öffentlich in Vorträgen darzulegen. Diese Vorträge,
die von 1828—1830 vor einer glänzenden Hörerschaft stattfanden, —
zu denen sich viele drängten, die später eine große Rolle in der Geschichte
Frankreichs spielen sollten, wie Ferdinand von Lesseps, A. Carrel,
H. Carnot, die Gebrüder Pereire, Michel Chevalier und andere —
sind in zwei Bänden veröffentlicht worden und zwar unter dem Namen
Exposition de la Doctrine de Saint-Simon (Darlegung der Lehren
Saint-Simon’s). Der zweite Band beschäftigt sich hauptsächlich mit
Philosophie und Moral. Der erste enthält die soziale Lehre der Schule
und stellt, wie A. Menger sehr richtig sagt, „eins der bedeutendsten
Monumente des modernen Sozialismus dar“ 1 ).
0 Der genaue Titel ist: Doctrine de Saint-Simon, Exposition, Premier 6