Full text: Die deutsche Wirtschaft

Deutsche Wasserstraßenpolitik, 355 
In ähnlicher Weise sind auch der badische und der bayerische Staat 
an der Rheinschiffahrt beteiligt, 
Einen viel weitergehenden Einfluß auf den Schiffahrtbetrieb übte 
jedoch das Reich während der Kriegsjahre aus. Hier galt es, um die 
für militärische Zwecke stark in Anspruch genommenen Eisenbahnen 
nach Möglichkeit zu entlasten, alle für die Wasserstraßen möglichen 
Transporte auf diese abzudrängen und auch sie so für die Kriegs- 
zwecke auszunutzen, Eine planmäßige Regelung des ganzen Verkehrs- 
wesens, wie sie die Friedenswirtschaft nicht kannte, wurde durch- 
geführt, Unter der Schiffahrtsabteilung beim Chef des Feldeisenbahn- 
wesens stand ein weitverzweigtes Netz militärischer Dienststellen, 
deren Tätigkeit sich auf sämtliche Wasserstraßen des Inlandes und der 
besetzten Gebiete erstreckte; für die belgischen und nordfranzösischen 
Wasserstraßen bestand in Brüssel eine besondere Militär-Kanal- 
Direktion, Die Aufgaben dieser Stellen bestanden in der Organisation 
des Schiffahrtsgewerbes, Verteilung des Schiffsparks auf das In- und 
Ausland, Beschaffung von Mannschaften für Schiffahrtsbetrieb und Um- 
schlag, im Ausland auch in der Unterhaltung der Wasserstraßen; es 
galt, genaue Transportprogramme durchzuführen. Die Wasserstraßen 
mußten namentlich der Güterbeförderung zur Versorgung des Heeres 
und der Zufuhr zu militärischen Bauten dienen, Die private Schiffahrt 
mußte sich dem Zwange fügen, der freie Frachtenmarkt wurde zum 
Teil ausgeschaltet. Wenn auch mit Kriegsende die freie Schiffahrt 
wieder eingeführt wurde, so ergaben sich doch aus dem militärischen 
Betrieb manche Erfahrungen für die künftige Wasserstraßenpolitik, 
HL Die Bedeutung der Wasserstraßen. 
Während der Umfang des deutschen Wasserstraßennetzes sowie 
die Entwicklung der Binnenflotte schon früher besprochen wurde, soll 
hier an Hand einiger Zahlen, die Veröffentlichungen des Statistischen 
Reichsamts entnommen sind, die Entwicklung und der gegenwärtige 
Umfang des Wasserstraßenverkehrs und seine Bedeutung im Rahmen 
des gesamten Verkehrswesens gezeigt werden. Der außerordentliche 
Aufschwung, den der deutsche Wasserstraßenverkehr genommen hat, 
geht am deutlichsten daraus hervor, daß in den 35 Jahren von 1875 bis 
1910, in denen sich die Bevölkerung des Reiches um 50 % vermehrt hat, 
die Güterbeförderung zu Wasser sich auf etwa die sechsfache Menge 
erhöht hat und im Jahre 1910 über 80 Millionen Tonnen erreichte. Die 
tonnenkilometrischen Leistungen der deutschen Wasserstraßen er- 
höhten sich in diesem Zeitraum infolge der zunehmenden durchschnitt- 
lichen Beförderungsweite sogar von 2,9 auf 19 Milliarden Tonnenkilo- 
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