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denszeiten unmöglich, in jedem Augenblick alle, ja nur einen erheblichen Teil
aller Zahlungen in Bar zu leisten, um wieviel weniger im Kriegsfall. Bestimmte
Typen von Unternehmungen, so z. B. Sparkassen, weisen grundsätzlich nur
einen geringen Grad von Liquidität auf.120)
Die von mancher Seite erhobene Forderung, die Liquidität mehr zu be
rücksichtigen, könnte eine weitere Hemmung unserer ohnehin schon stark ge
hemmten Produktion und Konsumtion bedeuten. Ein Ausweg wäre möglich,
wenn man die Realkredite etwa in Rentenschulden umwandelt oder statt der
festen Beladung wenigstens teilweise Anteilschaftsbelastung durchführt.121)
Schließlich ist nicht die Liquidität, sondern der Verbrauch das oberste Ziel
unserer Wirtschaft. Rießer hebt mit Recht gelegentlich hervor,122) daß
eine völlige ^Kriegsbereitschaft' der Kreditbanken ihre „Qeschäfts-
bereitschaft" teilweise ausschließen würde. Eine vollständige Kriegsbereit
schaft ist ja nie durchführbar, denn dies würde z. B. heißen, daß Notenbanken
nur vollgedeckte Noten ausgeben dürften, ist doch eine prinzipielle Berechnung,
wieviel Noten zur Einlösung präsentiert werden, unmöglich.
Die Reserven an Gold, Goldforderungen und leicht realisierbaren Ausland-
und Inlandwerten werden immer nur von verhältnismäßig geringer Bedeutung
sein können. Ob der Rat, sich vor Festlegung großer Beträge zu bewahren,
durchführbar ist, läßt sich schwer diskutieren, da die Statistik über diese Punkte
wenig Auskunft gibt. Im großen und ganzen muß man wohl sagen, daß alle
Kreditinstitute und sonstigen Unternehmungen nur mit normalen Erschütterungen
unserer Wirtschaft redhnen können, weil nur so unser Wirtschaftsbetrieb
möglich ist. Je mehr man schwere Erschütterungen in Rechnung zieht, desto
mehr schädigt man den normalen Wirtschaftsbetrieb. Daß man aus diesem
Dilemma heute nicht heraus kann, ist eine wesentliche
Eigentümlichkeit unserer Wirtschaft. Daß der Krieg zeitweilig
dazu führt, insbesondere dann, wenn man einmal die Metallwährung aufgegeben
hat, die üblichen Forderungen an die Liquidität fallen zu lassen, ist, wie wir
sahen, mit eine Ursache gelegentlichen Aufschwungs. Daß dann freilich wieder
Rückschläge folgen, gehört mit zu der eben charakterisierten Eigenschaft unserer
Organisation. Diese Fragen werden deswegen immer wichtiger, weil sich der
Liquiditätsgrad der Bankbilanzen immer mehr verschlechtert.^^^) Hierzu kommt
noch, daß viele, in normalen Zeiten sichere, kurzfristige Forderungen in Kriegs
zeiten nicht erfolgreich hereingebracht werden können, was die Situation weiter
verschlimmert.
Überblicken wir die durch den Kriegsfall gegebenen Schwierigkeiten auf
dem Gebiete des Zahlungsmittel- und Kreditwesens, so sehen wir, daß sie alle
schon in Friedenszeiten vorhanden sind und daß es ein Irrtum wäre, den
Krieg als ihre Ursache anzusehen. Nach den Erfahrungen des letzten Jahr
hunderts scheint es aber beinahe, daß im Vergleich mit Wirtschaftskrisen
in Friedenszeiten die eigentlichen Kriegskrisen verhältnismäßig milde ver
laufen. Zum Teil dürfte dies damit Zusammenhängen, daß der Krieg,
wie wir sahen, nicht selten Kräfte sidh frei entfalten laßt, die sonst zurück
gedrängt waren, und weil andererseits der Staat tiefer eingreift als in
Krisenzeiten. In Friedenszeiten überläßt man es gemeinhin der Börse
und den Banken, zu helfen, wie es eben geht, während in Kriegszeiten, wo
das Staatswohl in ganz anderer Weise auf dem Spiele steht, auch energi
schere Eingriffe in die Wirtschaftsfreiheit gemacht wer
den. Dabei schreckt man prinzipiell, wie man immer wieder
sehen kann, vor keinem Schritt zurück, der irgendwie ge -
120) In Deutschland sind 61 0/0 der Einlagen in Hypotheken und etwa 28 0/0
in Wertpapieren angelegt. Vgl. J. R i e ß e r, a. a. O. S. 35.
121) VV. Neurath, Elemente der Volkswirtschaftslehre. 4. Aufl. Wien
1903, S. 139. Vgl. Rodbertus, Zur Erklärung und Abhilfe der heutigen
Kreditnot der Grundbesitzer. Jena 1869, II, S. 80.
122) Vgl. J. Rießer, a.a.O.S. 28.
123) J. Rießer, a. a. O. S. 31.