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hatte die Regierung etliche Beamte, die mit den „Kanalrebellen" gegangen
waren — 2 Regierungspräsidenten und 20 Landräte — zur Disposition
gestellt. Da sie es aber nicht wagte, den Landtag auszulosen und einmal
gegen ihre, selbst wenn sie trotzen, noch geliebten Junker die Wähler auf
zurufen, blieben die um Kanitz und Wangenheim unerschüttert, zumal sie
im Ministerium selbst heimliche Verbündete hatten, darunter, wie es hieß,
den sich zurückgesetzt fühlenden Miqucl. Anfang 1901 brachte die Regierung
den Entwurf wieder ein, diesmal verzuckert durch Bestimmungen über
Kanalbauten, Meliorationen, Flußregulierungen und dergleichen für Ost-
clbien. Aber die Agrarier blieben hartnäckig; ihnen war das Kanalprojekt
ein wertvolles Erpressungsmittel, von dem sie nach der Parole Gebrauch zu
machen suchten: „Ohne Kanitz keine Kähne!" Ohne erst die Schluß
abstimmung abzuwarten, schloß die Regierung die Tagung, ließ aber nun
Miguel ziehen, der sich gründlich abgenutzt hatte. Mit ihm gingen der
Landelsminister Brefeld und der Landwirtschaftsminister Ernst Lammerstein-
Loxten. An die Stelle des letzteren trat der vergnügte Pusar von Pod-
bielski, der bis dahin Reichspostsekretär gewesen war, Finanzminister wurde
Herr von Rheinbaben, ein sachkundiger Bureaukrat, aber nicht mehr,
Minister des Innern Lans von Lammerstein-Loxten, und das Landels-
portefeuille erhielt der nationallibcrale Abgeordnete und Großindustrielle
Moller-Brackwede. Die Ernennung des letzteren war ein Kompliment an
die Adresse der Industriefeudalität, die Übertragung des Portefeuilles für
die Landwirtschaft an Podbielski eine Verbeugung vor den Agrariern, die
auch gnädigst entgegengenommen wurde, ohne daß die Lerren an ihrer
Taktik ein Deut änderten. Sie schrien, daß der Tarifentwurf der Regierung
die berechtigten Forderungen der Landwirtschaft unerfüllt lasse, das heißt,
daß die Mindestzölle auf Getreide, Vieh usw. noch viel zu niedrig seien,
und setzten sich in Positur, durch kräftige Opposition neue Zugeständnisse zu
erpressen.
Das war die Situation, welche die sozialdemokratische Reichstagsfraktion
vorfand, als sie den Kampf gegen den Zolltarif aufnahm. Eine Zeitlang
hatte sie in diesem die freisinnigen Fraktionen zur Seite. Position für
Position des Tarifs wurde von den sozialdemokratischen Mitgliedern der
Kommission, an die der Entwurf verwiesen war, einer gründlichen Erörterung
unterzogen, und da der Tarif 946 Nummern zählte, zogen sich die Ver
handlungen so lange hin, daß man sich genötigt sah, die Kommission selbst
während der Sommerferien des Jahres 1902 täglich sechs Stunden tagen
zu lassen, damit die Sache nur vorwärts kam. Erst am 6. Oktober ging
die Kommissionsberatung zu Ende und kam der Tarif im Plenum zur
zweiten Lesung, die geschäftsordnungsmäßig ebenfalls eine Spezialberatung ist.
Selbstverständlich setzte die Sozialdemokratie hier ihren Kampf fort, wobei
zu bemerken ist, daß Gewerbetreibende aller Industriegruppen den Reichstag
mit Zuschriften über die ihnen vom Tarif drohenden Schädigungen über
schütteten und Anspruch auf Prüfung ihrer Vorhalten hatten. Da vollzog
die freisinnige Volkspartei unter Führung Eugen Richters eine Schwenkung.
Vor versammeltem Reichstag griff Richter, statt die aus Zentrum, National
liberalen, Freikonservativen und einem Teil der Konservativen bestehende
Zollmehrheit, die links von ihm sitzenden Zollgegner an, indem er ihnen
sinnlose Obstruktion vorwarf, die sich keine Mehrheit gefallen lasse. Dies