fullscreen : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  447

Gelehrten  sind  die  natürlichen  Gesetze  nicht  untrennbar  mit  den
Dingen  verbunden.  Sie  sind  „ein  intellektuelles  Produkt  des  Menschen“ x ).
Daher  schreiten  sie  auch  mit  dieser  Intelligenz  vorwärts.  Sie  sind
einfache  abgekürzte  Formeln,  auf  Grund  deren  man  die  Beziehungen
der  Abhängigkeit  ausdrückt,  die  man  zwischen  Tatsachen  festgestellt
hat.  Zwischen  den  „Gesetzen“,  die  so  vom  menschlichen  Geiste  geschaffen ­
  worden  sind,  besteht  kein  anderer  Unterschied,  als  der  mehr
oder  weniger  große  Grad  der  beobachteten  Abhängigkeit.  -
Wenn  die  Stetigkeit  und  Sicherheit  der  physikalischen  und
chemischen  Gesetze  denen  der  bisher  formulierten  wirtschaftlichen
Gesetze  sehr  überlegen  sind,  so  beruht  das  einfach  darauf,  daß  die  ,
Bedingungen,  unter  denen  sie  sich  nachweisen  lassen,  viel  allgemeiner ­
  verwirklicht  sind.  Auf  der  anderen  Seite  ist  ihre  Wirkung  1
oft  meßbar,  und  sie  können  daher  durch  die  Deduktion  den  allgemeinen ­
  Gesetzen  der  Mathematik  angegliedert  werden 2 }.
Knies  hat  nicht  nur  die  Konsequenzen  der  Relativität  der  ;
wirtschaftlichen  Gesetze  übertrieben,  sondern  der  Vorwurf,  den  er
seinen  Vorgängern  macht,  daß  sie  sie  verkannt  hätten,  war  zu  der
Zeit  schon  nicht  mehr  voll  berechtigt,  in  der  er  schrieb.  Wir  werden
diese  Bemerkung,  die  nicht  ohne  Bedeutung  für  die  Geschichte  der
Doktrinen  ist,  wiederholen  müssen.  Stitaet  Mill  hatte  zu  dieser  Zeit
schon  seine  Abhandlung  über  Ökonomik  veröffentlicht  und  in
seiner  Logik,  die  1842  erschien,  und  von  der  bis  1853,  dem  Zeitpunkte, ­
  zu  dem  Knies  schrieb,  verschiedene  Ausgaben  herausgegeben
worden  waren,  präzisiert  er  genau  diesen  Charakter  der  wirtschaftlichen ­
  Gesetze:  „Sie  sind“,  sagt  er,  „auf  die  Annahme  einer  gewissen
Vereinigung  von  Umständen  gegründet  und  besagen,  wie  eine  gegebene ­
  Ursache  unter  diesen  Umständen  wirken  würde,  vorausgesetzt,
daß  keine  anderen  in  Verbindung  mit  ihr  auftreten.  Wenn  die
Bedingungen  einer  bestehenden  Gesellschaft  zur  Voraussetzung  genommen ­
  sind,  so  sind  die  Schlußfolgerungen  für  diese  Gesellschaft
wahr,  ausgenommen  jedesmal,  wenn  die  Wirkung  dieser  Bedingungen
durch  andere,  nicht  in  Berechnung  gezogene,  verändert  worden  ist 8 ).“
Folglich  kann  die  Soziologie,  von  der  in  seinen  Augen  die  Volks-‘)
  Kael  Peakson,  Da  grammaire  de  la  Science,  franz.  Übers,  v.  L.  Mäkoh,
Paris  1912,  S.  140.
J )  Makshall:  Principles,  4.  Ausg.,  B.  I,  Kap.  6,  §  6.  Das,  was  wir  hier
sagen,  bedeutet  keine  Kritik  der  mathematischen  Methode  in  der  Nationalökonomie.
Mit  der  Hilfe  der  Mathematik  die  Beziehungen  zwischen  wirtschaftlichen  Tatsachen
darstellen  (wie  es  die  Schule  Walkas’  tut),  und  diese  Beziehungen  quantitativ
präzisieren,  so  daß  man  aus  allgemeinen  Theoremen  der  Mathematik  die  wirtschaftlichen
Tatsachen  einfach  ableiten  kann,  sind  zwei  ganz  verschiedene  Dinge.
3 )  Stuaht  Mill,  Logik,  franz.  Übers.,  Bd.  II,  S.  494.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.