Die philosophische Bedeutung der analytischen Methode. 385
Damit aber erschliesst sich uns sogleich der allgemeine
Wert, den die mathematische Analysis als Muster und Vorbild
für die Philosophie erlangen kann. Denn eben dies ist der
Grundgedanke, auf den die „Methode“ sich stützt: dass die Er-
kenntnis eine selbstgenügsame und in sich abgeschlossene Ein-
heit ist; dass sie somit für die Aufgaben, die sie sich mit Recht
stellen darf, die allgemeinen und hinreichenden Voraussetzungen
in sich selber trägt, ohne eine äussere, transscendente Instanz
anrufen zu müssen. Wiederum ist es interessant, an diesem
Punkte den geschichtlichen Vorbedingungen des Cartesischen
Problems nachzugehen. Im Menon, in dem Platon das Ver-
fahren der geometrischen „Analysis“, dessen Entdecker er ist,
philosophisch darstellt und begründet, steht zugleich ein allge-
meineres Problem im Mittelpunkt der Untersuchung. Von der
sophistischen Vexierfrage, ob die wissenschaftliche Forschung
sich auf bekannte oder unbekannte Objekte bezieht, wird ausge-
gangen: wenn auf bekannte, so ist sie nutzlos und überflüssig; —
wenn auf unbekannte, so haben wir keinerlei Anhalt, der unserer
Erkenntnis die Richtung wiese und keinerlei Merkmal, an dem
wir den Gegenstand, nach dem wir fragen, wenn er sich uns
zufällig darböte, von anderen zu unterscheiden und als den ge-
suchten anzuerkennen vermöchten. Dieser „streitsüchtigen“
Frage, die dennoch für die naive Ansicht der Erkenntnis eine
innere Schwierigkeit birgt, begegnet Platon mit seinem Satz der
„Wiedererinnerung“, nach dem alles echte Wissen nicht von
aussen in die Seele eindringt, sondern aus ihr selbst, bei Ge-
jegenheit der äusseren Eindrücke, entspringt und erschaffen wird.
Ueberall, wo die neuere Zeit auf das Problem der Geometrie
zurückging, ist ihr damit zugleich diese philosophische Grund-
anschauung wieder lebendig geworden. In scharfer und präg-
nanter Wendung fanden wir sie bereits bei Nikolaus Cusanus
ausgesprochen. Von den begrifflichen Voraussetzungen, der
Fragestellung geht zugleich das Licht aus, das uns in der
Lösung leiten muss: quod in omni inquisitione praesupponitur,
est ipsum lumen, quod etiam ducit ad quaesitum. (S. ob. S. 73f.)
Seitdem ist der Gedanke der „Wiedererinnerung“ uns bei den
Klassikern der modernen Wissenschaft, bei Kepler und Galilei,
immer von neuem begegnet, und auch Descartes weist nunmehr
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