Object: Der Weltverkehr und seine Mittel

762 
Posten und Postwejen. 
Grade gesichert ist, als bei postseitiger Besorgung der Briefe. Die englische Postverwaltung 
hat jedoch geglaubt, dieses Zugeständnis dem Publikum machen zu sollen, weil sie aus 
übergroßer Sparsamkeit nur sehr wenige Eisenbahnzüge zu Posttransporten benutzt und 
sich wegen des Kostenpunktes beharrlich dagegen sträubt, die Zahl der Postvcrbindungeu 
namentlich aus den Eisenbahnen in angemessener Weise zu vermehren. Angesichts eines 
Reinertrages von 75 Millionen Mark, den die Posten und Telegraphen in England 1898 
geliefert haben, ist ein solches Verhalte» nicht zu billigen. Überhaupt muß hier bemerkt 
werden, daß das hohe Ansehen, welches das britische Postwesen in den Augen des 
Publikums diesseits des Kanals im allgemeinen genießt, durchaus nicht begründet ist. 
Wenn man von dem ungeheuren Umfange des Postverkehrs in England hört, ist mau 
geneigt, zu glauben, derselbe werde durch entgegenkommende Einrichtungen der Post- 
behörde wesentlich gefördert. Das ist jedoch ein Irrtum. Fast in keinem Lande Europas 
ist man mit Verbesserungen auf dem Gebiete des Postwesens so zurückhaltend wie in 
England, obgleich zu solchen dort die dringendste Veranlassung vorliegt. Erstaunen muß 
mau, wenn man liest, daß von der Hauptstadt nach den bedeutendsten Handelsplätzen des 
vereinigten Königreichs durchschnittlich nur zwei tägliche Postverbindungen bestehen und 
daß die Briefbestellung nach Landorten noch im Jahre 1896 so mangelhaft war, daß 
etwa 16 Millionen nach solchen Orten gerichtete Briefe nicht au die Adressaten bestellt, 
sondern bei den Postanstalten oder bei besonderen Niederlagsstellen in den Landbezirken 
zur Abholung bereit gehalten wurden. Im deutschen Reichspostgebiete zählt man dagegen 
zwischen bedeutenden Verkehrsarten oft zehn und mehr Pvstverbindungen täglich, und es 
existiert in diesem Gebiete kein Ort und kein Gehöft, nach denen die Postsendungen nicht 
mindestens einmal täglich (mit Ausnahme des Sonntags) abgetragen werden. Neuerdings 
scheint man die weitere Ausgestaltung des Landpostdienstes in England etwas energischer 
zu betreiben. In diesem Lande wird die Post als sehr ergiebige Erwerbsquelle für den 
Staat betrachtet, worauf denn auch die möglichste Beschränkung der Ausgaben für postalische 
Einrichtungen dort zurückzuführen ist. 
Das Londoner Hauptpostamt, in Martins-le-Grand gelegen, hat für den 
Weltverkehr seit Einführung der von Rowland Hill angeregten Reformen durch die Groß 
artigkeit seines Betriebes die bei weitem hervorragendste Bedeutung gewonnen. 
Wenn es auch schwer fällt, einen Blick in das Allerheiligste dieses ersten Berkehrs- 
instituts seiner Art zu werfen, so verlohnt es sich doch schon der Mühe, besonders au 
einem Freitagabend, wo die Mehrzahl der in London erscheinenden Wochenblätter für das 
Inland aufgegeben wird, einen Gang nach jenem Gebäude zu machen. 
Den ganzen Tag hindurch bietet die eine Seite der großen Halle ein sehr bewegtes 
Bild; die geöffneten Briefkasten, bestimmt zur Aufnahme der nach allen Weltteilen ab 
gehenden Briefschaften, sind beständig von Menschen umlagert. Aber auch die großen, 
während des Tages geschlossenen Fenster werden weit aufgethau, sobald die Schlußzeit 
für die Abendposten' herannaht, welche für Zeitungen und sonstige Drucksachen auf 
51/2 Uhr, für Briefe auf 6 Uhr festgesetzt ist. Dann drängt sich eine hitzige Menge in 
die Halle, und Briefe und Zeitungen beginnen förmlich in einem litterarischen Hagel 
schauer herabzufallen. Je näher die Schlußzeit heranrückt, desto sichtlicher wächst der 
Aufruhr, denn man ist sich der beängstigenden Wahrheit bewußt, daß die Postbeamten 
niemals auch nur eine Minute zugeben, und daß alles vorüber sein muß, sobald der letzte 
Schlag der Uhr ertönt. In ähnlicher Weise vermehrt sich das Gedränge um die Brief 
kasten, in welche allein in der letzten Viertelstunde vor der Schlußzeit weit über 
20 000 Sendungen geworfen werden. Zwar werden auch nach 6 Uhr bis 7 x / 2 Uhr 
abends noch Briefe zur Beförderung mit den an demselben Abende abgehenden Posten 
angenommen, dieselben unlerliegen jedoch einem Portozuschlage von l bis 2 Pence. 
Das Postamt hat, gleich einem gewaltigen Ungetüm, eine ungeheure Mahlzeit verschluckt 
und sich zum Übermaß gesättigt — jetzt muß der Verdauungsprozeß beginnen. In weiten, 
hell erleuchteten Räumen bewegen sich Hunderte hin und her, welche gewaltige Haufen 
von Briefen und noch gewaltigere Haufen von Zeitungen packen, stempeln und sortieren.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.