Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 75
III.
War die städtische Entwicklung einer geldwirtschaftlichen
Hypertrophie anheimgefallen und von Verfassungsstufe zu Ver—
fassungsstufe in voreiliger Rastlosigkeit weitergestürmt, so litten
die sozialen Schichten des platten Landes am entgegengesetzten
Mangel der Entwicklung. Hier war alles stabil geblieben, und
in den Verfassungsformen der dörflichen Markgenossenschaft spie—
gelten sich noch Anschauungen wider, die einst in früher Vor—
zeit einmal lebendig gewesen waren.
Da konnte es denn freilich nicht anders sein: die Ver—
fassungsformen waren zur bloßen Hülle geworden; der Kern
gegenwärtigen Lebens war ihnen längst entschwunden, nur
wenige Reste ursprünglichen Wesens zeigten sich noch, und
auch sie drohten im 14. und 15. Jahrhundert zu veralten.
Die große hundertschaftliche Markgenossenschaft war ur—
sprünglich Schauplatz militärischer, gerichtlicher und wirtschaft—
licher Thätigkeit zugleich für die inwohnenden Genossen gewesen.
Diese fördersame Eintracht aller öffentlichen Interessen war
aber schon in karlingischer Zeit gesprengt worden. Entsprechend
der zunehmenden Intensität des wirtschaftlichen Lebens hatten
sich zunächst engere Wirtschaftsbezirke im alten Hundertschafts—
bezirke gebildet; auf diese war dann später, in der Entwicklung
der Untergerichte unter dem Hochgericht der Hundertschaft, ein
Teil der gerichtlichen Organisation übertragen worden. Und
aus den Untergerichtsbezirken als Wirtschaftsgemeinden hatten
sich abermals, gleichsam in dritter Generation, noch kleinere
Wirtschaftsgemeinden, die Markgenossenschaften der Dörfer, zu
nahezu vollkommen abgesondertem Leben ausgeschieden.
Es war ein unvermeidlicher Vorgang steigender Kultur;
nach seiner guten Seite hin bedeutete er das engere Verwachsen
der Nation mit dem Boden des Vaterlands und damit eine
erweiterte Gewährschaft für die Ständigkeit unserer Geschichte.
Aber freilich zerriß während dessen die alte Konstruktion der
politischen Stellung des einzelnen Volksgenossen, und keine
andere, gleich glückliche, trat an die Stelle. Der Germane der